Kasseler Fabrikantentochter hatte Grimms die Erzählung überliefert

Kasseler Grimm-Forscher löst Rätsel um das Märchen "Tischlein, deck dich!"

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Illustration aus dem Märchen: Der jüngste Sohn des Schneiders nimmt dem Wirt den gestohlenen Goldesel und den magischen Tisch mithilfe des Knüppels im Sack wieder ab.

Kassel. Das Märchen „Tischlein, deck dich!“ ist weltweit bekannt. Nun hat der Kasseler Forscher Prof. Dr. Holger Ehrhardt von der Uni Kassel ein Rätsel um die Geschichte der Brüder Grimm gelöst.

Die Brüder Grimm haben zwischen 1798 und 1841 gut 30 Jahre ihres Lebens in Kassel verbracht und hier an ihrer berühmten Sammlung der Kinder- und Hausmärchen gearbeitet. 

Bislang war unbekannt, von wem die Brüder Grimm das Märchen erzählt bekamen. Lediglich eine handschriftliche Notiz von Wilhelm Grimm aus dem Jahr 1812 existierte. Aus dieser geht hervor, dass Jeanette Hassenpflug, die sich im Auftrag der Grimms die Geschichten erzählen ließ, für „Tischlein, deck dich!“ mit einer „Mamsell Storch“ gesprochen hatte. Wer sich aber dahinter verbarg, das war ein Geheimnis.

Der Begriff Mamsell hatte eigentlich auf eine Dienstmagd hingedeutet, sagt der Grimm-Experte. Doch diese Vermutung sollte sich nicht bestätigen. Ehrhardt recherchierte und wurde unter anderem im Henschel-Archiv fündig. Er fand heraus, dass es sich um Eleonore Storch handelt, die Tochter eines Kasseler Gießereibesitzers und Schwägerin des Henschel-Firmengründers Georg Christian Carl Henschel.

Ehrhardt stieg tief in die Biografie der Märchenzuträgerin ein. Es sei spannend zu erfahren, welche Menschen den Brüdern Grimm die Märchen überliefert hätten. Mamsell Storch war eine Vertreterin des Kasseler Großbürgertums. Die 1750 geborene Tochter des Stückgießers Johann Friedrich Anton Storch war unverheiratet geblieben. Sie lebte später im Gießhaus des Vaters, das in der Nähe des Karlshospitals auf der heutigen Weserstraße stand.

„Zudem hatte sie eine Gehbehinderung“, erzählt Ehrhardt. Wegen ihrer persönlichen Situation sei Eleonore Storch vermutlich viel zu Hause geblieben. Dort machte sie sich nützlich, indem sie auf ihre Nichten und Neffen aufpasste. Durch die Kindererziehung hatte sie dankbare Abnehmer für die Märchen.

Der Ursprung des Märchens „Tischlein, deck dich!“ liegt in Italien. Zuerst wurde es 1634 in neapolitanischer Sprache im „Pentameron“ – einer Märchensammlung – veröffentlicht.

Storch dichtete Ziege hinzu

Die Urform war deutlich derber als jene, die in den Hausmärchen der Grimms erschien. Während in der neapolitanischen Version der Goldesel mit „arre cacaurre“ (also: „kacke Gold“) zum Ausscheiden der Golddukaten aufgefordert wird, tut er dies bei den Grimms durch das Fantasie-Zauberwort „Bricklebrit“.

Eleonore Storch hat aber auch ihre persönliche Note im Märchen verewigt. Sie fügte der Geschichte eine intrigante Ziege hinzu, die eine zentrale Rolle spielt. „Das Märchen hat sich weltweit mit der hinzugedichteten Ziege verbreitet und wurde in viele Sprachen übersetzt“, sagt Ehrhardt.

Eleonore Storch starb am 21. Oktober 1828 im Alter von 78 Jahren. Von ihr existiert nur eine Bleistiftzeichnung des Kasseler Malers August von der Embde. Sie zeigt die Märchenfrau beim Tabakschnupfen mit einer Bekannten. Storch wurde vermutlich am Lutherplatz beerdigt. 

Beim Tabakschnupfen: Eleonore Storch (rechts) mit ihrer Bekannten Christine Juliane Mahne.

Die Handlung des Märchens "Tischlein, deck dich"

in Schneider lebt mit seinen drei Söhnen und einer Ziege zusammen. Täglich wird die Ziege auf die Weide geführt, um die allerbesten Kräuter zu fressen. Als der Älteste sie schön geweidet hat und fragt, ob sie satt sei, antwortet diese: „Ich bin so satt, ich mag kein Blatt: mäh! mäh!“ 

Als aber der Vater zu Hause die Ziege fragt, antwortet sie mit einer Lüge. Der Vater erkennt die Täuschung der Ziege nicht und jagt den Ältesten aus dem Haus. Den beiden anderen Söhnen ergeht es die folgenden Tage genauso. Als der Vater erkennt, dass er seinen Söhnen Unrecht getan hat, jagt er die Ziege fort. Die Söhne gehen bei einem Schreiner, einem Müller und einem Drechsler in die Lehre. Am Ende bekommt der Älteste einen Tisch mit; wenn man zu dem sagt „Tischchen, deck dich!“, dann ist er sauber gedeckt und mit den herrlichsten Speisen versehen. Der Mittlere bekommt einen Esel; wenn man zu dem sagt „Bricklebrit!“, dann fallen vorne und hinten Goldstücke heraus. 

Alle drei Söhne verzeihen dem Vater schließlich während ihrer Wanderjahre und sehen die Möglichkeit, dass auch ihr Vater seinen Groll vergisst, sobald sie ihn mit ihrem eigenen Wunderding gewonnen haben. Die beiden älteren werden aber vor ihrer Heimkunft in ihrer Freigiebigkeit nacheinander vom selben Wirt betrogen, als der dem einen ein falsches Tischchen und dem anderen einen anderen Esel unterschiebt. Sie bemerken es erst, als sie ihr Wunderding zu Hause vorführen wollen. 

Der von seinen beiden Brüdern gewarnte Jüngste bekommt von seinem Meister einen Knüppel im Sack, der jeden Gegner verdrischt, wenn man sagt „Knüppel, aus dem Sack!“ und erst aufhört, wenn man sagt „Knüppel, in den Sack!“. Damit nimmt er dem Wirt den magischen Tisch und den Esel wieder ab.

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