Politischer Langstreckenläufer im Rathaus

Der Sparkommissar geht: Kasseler Kämmerer war 24 Jahre im Amt

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Hat die städtische Schatztruhe vor seinem Amtszimmer im Rathaus stets vor Zugriffen bewahrt: Dr. Jürgen Barthel. Nach 24 Jahren als Kämmerer und Sozialdezernent der Stadt Kassel geht der 63-Jährige jetzt in den Ruhestand.

Kassel. Sportliche Höchstleistungen sind seine Sache nicht. Trotzdem darf Jürgen Barthel als einer der erfolgreichsten politischen Langstreckenläufer im Kasseler Rathaus gelten.

Nach 24 Jahren an der Spitze der Kämmerei geht das dienstälteste hauptamtliche Magistratsmitglied in den Ruhestand. Das Stadtarchiv bestätigt: Der Sozialdemokrat ist der bisher längstgediente Kasseler Kämmerer seit dem Jahr 1889. Sparen war sein Mantra. Schon in seiner ersten Haushaltsrede zum Etat 1992 hatte Barthel teuren Wünschen der Stadtverordneten eine klare Absage erteilt: „Neue Hallenschwimmbäder und neue Bürgerhäuser wird es in Kassel auf absehbare Zeit nicht geben.“

Blick in die Vergangenheit - Kämmerer Barthel am HNA-Telefon: Im Dezember 1993 stellt sich Dr. Jürgen Barthel Fragen und Kritik zur städtischen Finanzkrise (Jahres-Haushaltsdefizit: 102 Millionen DM = 51 Millionen Euro) .

Zwar wurde unter seiner Mitregie viele Jahre später das erfolgreiche neue Auebad gebaut, aber im Grundsatz blieb der Sparkommissar seiner Linie fast ein Vierteljahrhundert lang treu. Die Aufgaben waren freilich auch gewaltig in den 1990er Jahren und weit ins neue Jahrtausend hinein, als die Stadt Kassel noch Großmeister im Schuldenmachen war. Barthel steuerte oft genug allein auf weiter Flur dagegen. Unter seiner Mitverantwortung baute die Verwaltung annähernd 500 Arbeitsplätze ab.

Der Kämmerer las Stadtverordneten aller Parteien die Leviten, wenn Kommunalpolitiker mal wieder Geld ausgeben wollten, das die Stadt gar nicht hatte. Die Industrie- und Handelskammer bestätigte Barthel einen Kurs der Vernunft – ein Ritterschlag aus dem Haus der Wirtschaft.

Doch in der eigenen Partei war die harte Hand des sparsamen Kämmerers bei einigen Genossen gar nicht gern gesehen. Das gipfelte 2003 im Versuch der SPD-Führung, den lästigen Sparkommissar loszuwerden, der auch mal SPD-Politik hintanstellte, wenn es darum ging, das Geld zusammenzuhalten. Ein Kämmerer brauche bei dieser finanziellen Lage eigenen Handlungsspielraum, hatte Barthel damals gesagt. Und: „Er muss sich in erster Linie als Sachwalter aller Bürger verstehen und auf die Kasse achten.“ Die Personaldebatte war danach rasch zu Ende. Im März 2003 wurde der Kämmerer von der großen Kooperation aus SPD und CDU in seine dritte Amtszeit geschickt.

Der Sozialdemokrat, der wirtschaftlichem Denken und verlässlichen Zahlen stets den Vorzug gab vor parteipolitischem Geplänkel, hatte auch das Vertrauen des CDU-Oberbürgermeisters Georg Lewandowski, der zwölf Jahre von 1993 bis 2005 im Rathaus an der Verwaltungsspitze stand und nicht auf den roten Kämmerer verzichten mochte. Wo der Barthel den Most, sprich das Geld holte, ist kein Geheimnis. Der Sozialdemokrat unterstützte und förderte die Wirtschaft, wo er nur konnte. Und kann zum Ende seiner Laufbahn zufrieden auf die Früchte seiner Arbeit blicken – auf Gewerbesteuereinnahmen, die seit 2003 kontinuierlich steigen. 2015 gibt es im dritten Jahr in Folge sogar einen Überschuss im Stadtetat. Da darf Jürgen Barthel für seinen letzten Tag im Rathaus gern noch einmal seine einzige goldfarbene Krawatte tragen.

Fünf Dinge, die Barthel wichtig sind:

Kassel Airport:Kassel Airport sieht er als „großes Zukunftsthema“, der Flughafen sei wichtig für die großen Gewerbesteuerzahler in der Stadt und Kassel werde am stärksten vom neuen Flugplatz profitieren.

Langes Feld: Mit dem neuen Gewerbegebiet ist die Ansiedelung weiterer Unternehmen im Stadtgebiet möglich, das sichert Kassel künftig Arbeitsplätze und Gewerbesteuereinnahmen.

Gesundheit Nordhessen:Schon kurz nach seinem Start in Kassel wurde Barthel zur treibenden Kraft bei der Umwandlung des damaligen Eigenbetriebes Städtische Kliniken zu einer GmbH. Möglich wurde das durch eine Änderung des hessischen Krankenhausgesetzes. Künftig war das Krankenhaus nicht mehr von politischen Rathaus-Gremien abhängig, sondern Vorstand und Geschäftsführung trafen die Entscheidungen, kontrolliert vom Aufsichtsrat. Das war der Grundstein für die heutige Konzernstruktur, mit der sich Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) als kommunaler Konzern sehr gut im schwierigen Gesundheitsmarkt behauptet.

Neues Auebad:  Barthel hatte von Anfang an auf den umstrittenen Standort an der Fulda gesetzt – und lag richtig. Das neue Kombibad ist ein Publikumsmagnet. Und über den einstigen Konkurrenzstandort am Kulturbahnhof freut sich jetzt das Fraunhofer-Institut. „Man muss auch mal Glück haben im Leben“, schmunzelt Barthel.

Science-Park: Die neue Denkfabrik der Kasseler Uni gilt als zukunftsweisend. Kaum eine Unistadt der Größe Kassels hat eine solche Zukunfts-Werkstatt, die sich die Stadt sieben Millionen Euro kosten ließ. „Eines der Vorhaben, wo ich wirklich entschlossen war, Geld auszugeben“, sagt Barthel.

Zur Person

Dr. Jürgen Barthel wurde in Hamburg geboren und hat dort sein Abitur bestanden. Nach dem Studium der Volkswirtschaft in Hamburg und Frankfurt begann er seine berufliche Laufbahn als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Uni Frankfurt, wo er auch promovierte. Er arbeitete anschließend ab 1982 für die Europäische Union in Brüssel und war Angestellter der Deutschen Bank, zuletzt als Prokurist der Hauptfiliale Wuppertal. Vor seiner Wahl zum Kämmerer in Kassel war er drei Jahre wirtschaftspolitischer Referent beim SPD-Parteivorstand in Bonn. Mit 38 Jahren wurde er 1991 erstmals zum Kasseler Kämmerer gewählt. Nach 24 Dienstjahren Im Rathaus geht er jetzt in den Ruhestand. Der 63-Jährige ist verheiratet und will mit seiner Frau Elke weiterhin in Kassel leben.

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