Filzkleidung lag sechs Wochen in der Stickstoffkammer  

Kasseler Kunstwerk: Beuys-Anzug wird jetzt ausgebessert

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Untersuchen den Mantel: Sabine Porzell (Biologische Beratung in Berlin) und Julia Dummer haben den Beuys-Anzug am Dienstag aus der Stickstoffkammer im Museumsdepot geholt.

Kassel. Sechs Wochen verbrachte der Filzanzug von Joseph Beuys in der Stickstoffkammer im Depot der Museumslandschaft Hessen-Kassel. Am Dienstag wurde er wieder herausgeholt.

 

Der Beuys-Anzug musste in Quarantäne, weil er von Motten zerfressen war. Wie groß die Schäden an dem wertvollen Kleidungsstück des 1986 verstorbenen Künstlers sind, wird sich erst in einigen Tagen sicher sagen lassen. „Wir müssen uns das genau ansehen“, sagt Julia Dummer, Textilrestauratorin der Museumslandschaft Hessen-Kassel (MHK). Zusammen mit Spezialistin Sabine Porzell von der Biologischen Beratung in Berlin betrachtet sie den Filzanzug. Möglicherweise müsse der Filz an einigen Stellen ausgebessert und stabilisiert werden.

Eins ist sicher: „Kein Schädling überlebt sechs Wochen in der sauerstoffarmen Stickstoffkammer“, sagt Dummer und schüttelt dabei die Reste einer toten Motte aus der Kragenfalte.

Auch Möbel und Rahmen in der Stickstoffkammer

Ungefähr 80 Euro kostet die sechswöchige Behandlung in der Stickstoffkammer. Neben dem in Papier gehüllten Wollanzug stehen in der Kammer, die die MHK seit 2010 besitzt, auch viele Möbelstücke, ein zerlegter Schrank, Bilderrahmen.

„Alle Ausstellungsstücke müssen, bevor sie im Depot eingelagert werden, in die Stickstoffkammer“, erklärt Dummer. Das sei Routine, um die wertvollen Stücke zu erhalten. Schädlingsbefall ist oftmals nicht auf den ersten Blick sichtbar. Das Einlagern in der Stickstoffkammer ist daher vorsorglich, um einen Befall auszuschließen oder auch die Ausbreitung zu verhindern. Gerade im Museumsdepot, wo man anders als in der Ausstellung die Stücke nicht ständig im Blick hat.

Im Museen ist Mottenbefall trotz aller Vorsichtsmaßnahmen nicht selten. „Die größte Gefahr sind die Besucher selbst“, sagt Julia Dummer. Jeder kann beispielsweise in seiner Kleidung Motteneier in die Ausstellungsräume tragen.

Anfang 2016 erstmals Motten gefunden

Das Problem bei Kleidermotten ist, dass es bis zu einem Jahr dauern kann, bis aus den Eiern Falter werden. Der Zeitraum ist stark temperatur- und lichtabhängig. Anders als bei Speisemotten, die sich innerhalb von sechs Wochen entwickeln. In den Mottenfallen am Beuys-Kunstwerk wurden Anfang 2016 erstmals Motten festgestellt. Dem Befall habe man versucht mit natürlichen Methoden, sogenannten Nützlingen, entgegenzuwirken. Sobald sich Anzeichen von Kleidermotten zeigen, werden Zwergwespen über einen bestimmten Zeitraum eingesetzt, die die Motteneier fressen. Die geschlüpften Zwergwespen ernähren sich von den Motteneiern und vernichten somit eine Mottenpopulation, ohne die Filze zu schädigen.

Bei den gerollten Filzdecken, die ebenfalls Teil von Beuys Rudel-Kunstwerk (The Pack) in der Neuen Galerie sind, habe die natürliche Methode gut funktioniert, lediglich der Filzanzug sei weiter befallen worden. Obwohl die Filzrollen eigentlich viel reizvoller für Schädlinge sind, um sich dort einzunisten.

Als Grund dafür vermutet Dummer, dass bei der Herstellung möglicherweise eine winzige Menge an Chemikalien verwendet worden ist, die den Motten nichts ausmacht, sich aber abstoßend auf die Nützlinge auswirkt.

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