Kritik an Oberbürgermeister Geselle und Künstler Oguibe

Nazi-Streit um Kasseler Obelisken: Chef des Denkmalbeirats schmeißt hin

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Der Obelisk in der Treppenstraße: Der Denkmalbeirat empfahl, dass das Kunstwerk einige Meter weiter rechts stehen sollte, damit die Sichtachse frei bleibt. Sie ist laut Experten ein Ausdruck der demokratischen Freiheit, die die Treppenstraße nach der Nazi-Herrschaft symbolisieren sollte.

Seit April steht der Kasseler Obelisk in der Treppenstraße. Nun kommt heraus: An seinem Standort wollten schon die Nazis eine Stele haben. Ein Experte kritisiert den Oberbürgermeister deswegen.

Seitdem der Obelisk in der Treppenstraße steht, ist er für Dieter Hennicken nicht mehr derselbe. Der Stadtplaner und Ex-Vorsitzende des Kasseler Denkmalbeirats hat das documenta-Kunstwerk von Olu Oguibe stets positiv bewertet, wie er sagt. Aber er war gegen den jetzigen Standort in der Treppenstraße. Darum ist der 65-Jährige bereits im April aus Protest als Vorsitzender des Gremiums zurückgetreten.

Seine Entscheidung hat Hennicken seinerzeit nicht öffentlich gemacht. Er wollte die ohnehin langwierige Diskussion um den Obelisken nicht zusätzlich belasten. Dass sein Rücktritt nun doch herausgekommen ist, rückt ein heikles historisches Detail in den Blickpunkt: die Nazi-Vergangenheit des Standorts.

In dem derzeit 15-köpfigen Denkmalbeirat war es laut Hennicken einhellige Meinung, dass der von der Stadtverordnetenversammlung im September 2018 beschlossene Standort mitten in der Treppenstraße „unter denkmalpflegerischen und stadthistorischen Aspekten kritisch“ ist. Denn genau dort hatten bereits die Nazis einen Obelisken geplant. Oguibes Kunstwerk, das an die Menschlichkeit appelliert, steht nun an einem Punkt, wo die NS-Diktatur ihren absoluten Machtanspruch symbolisieren wollte – unter anderem durch drei Mega-Achsen in der Innenstadt.

Mit diesem Erbe, so argumentieren Hennicken und der Denkmalbeirat, hat die 1953 eingeweihte Treppenstraße bewusst gebrochen. Um die Blickachse freizuhalten, wurde etwa das am Ständeplatz gelegene EAM-Hochhaus eigens an den Rand gesetzt. Der Denkmalbeirat schlug darum vor, den Obelisken etwa sieben Meter in Richtung Florentiner Platz zu verschieben. So wäre „die faschistische Axialität“ gebrochen worden.

Das Gremium bei der Unteren Denkmalschutzbehörde, in dem Experten und Politiker sitzen, hat keine Weisungsbefugnis, sondern ist nur beratend tätig. Trotzdem ist Hennicken enttäuscht, dass die Einwände bei der Entscheidung von Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) keine Rolle gespielt hätten – und zwar zum wiederholten Mal.

In einem Schreiben an Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne) begründete er seinen Rücktritt so: „Wenn fachliche Kompetenz in der Stadt so wenig wertgeschätzt wird, ist jede Minute meiner Lebenszeit anders sinnvoller verbracht.“ Gegenüber der HNA kritisiert Hennicken zudem Geselle, der „kein Historiker ist und keine Ahnung hat“, sowie Olu Oguibe, dem er seine Einwände in einem mehrseitigen Brief schilderte. Trotzdem war der nigerianisch-amerikanische Künstler mit dem prominenten Standort einverstanden. Hennicken wirft Oguibe nun „Selbstverherrlichung“ vor.

Bei der Stadt zeigt man sich überrascht von den Vorwürfen. Sprecher Claas Michaelis sagt, dass Hennicken „seine Einwände gegenüber dem Oberbürgermeister zu keinem Zeitpunkt persönlich formuliert habe“. Zudem verfolge die Stadt „selbstverständlich eine gänzlich andere Intention, als NS-Planer es jemals getan hätten“.

Aber nicht nur Hennicken übt Kritik am Standort: Der Stadtplaner Dr. Folckert Lüken-Isberner, der ein Buch über „Große Pläne für Kassel 1919-1949“ herausgegeben hat, fragt: „Wie kann eine Stadt sich weiter mit ihrer 50er-Jahre-Architektur brüsten, wo deren Herz, die Treppenstraße, nun überformt ist mit einem Gestaltungselement aus der Ära, die gerade überwunden war?“

Hennicken, der als wissenschaftlicher Uni-Mitarbeiter gerade in Ruhestand gegangen ist, hat erst einmal genug vom einst so geschätzten Obelisken. Er meidet den Gang durch die Treppenstraße: „Ich will mir den Anblick nicht antun.“

Hier steht der Obelisk in der Treppenstraße:

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