Durfte Polizei Wohnung ohne Beschluss durchsuchen?

Kasseler Paar zog 55 Hanfpflanzen: Bei Geständnis kein Knast

Kassel. Wenn die 29-jährige Frau und ihr 26-jähriger Freund ein Geständnis ablegen, könnten beide Kasseler mit einer Bewährungsstrafe davon kommen, obwohl sie in ihrer Wohnung in Bettenhausen eine Plantage mit 55 Hanfpflanzen zur Marihuana-Produktion betrieben haben.

Das ist der Deal, auf den sich gestern Schöffengericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung verständigten. Ob es so ausgeht, entscheidet sich beim nächsten Termin am Montag, 28. August.

Weil es an der Cannabis-Plantage nichts zu rütteln gab, verfolgten die Verteidiger Axel Dohmann und Christopher Posch zunächst eine klare Strategie, ihre Mandanten herauszupauken: Sie bestritten die Rechtmäßigkeit der Wohnungsdurchsuchung ohne richterlichen Beschluss, was eine Beweisverwertung vor Gericht ausschließen und Freispruch bedeuten würde.

Was sich am Nachmittag jenes 10. November 2016 in dem Mehrfamilienhaus abspielte, schilderten gestern zwei Polizeibeamte als Zeugen: Danach hatten mehrere Nachbarn des Paares die Polizei alarmiert, weil es in der Wohnung zu einem lautstarken, möglicherweise auch handfestem Streit gekommen war. Vier Polizisten des Reviers Ost rückten mit zwei Streifenwagen an.

Schon im Treppenhaus fiel ihnen ein extremer Geruch auf: „Das ganze Haus hat nach Marihuana gerochen“, sagte einer der Streifenbeamten.

Das Paar kam ihnen entgegen und wollte die Polizisten wieder wegschicken, der Streit sei beigelegt. Doch der Mann randalierte herum, zeigte sich „verbal auffällig“ und wurde schließlich zu Boden gebracht und gefesselt.

Mit seinem Schlüssel betrat der Polizist die Wohnung um zu prüfen, ob eine dritte Person beteiligt und möglicherweise verletzt war. Dabei stieß er - sozusagen als Nebenprodukt des Einsatzes - auf die Hanf-Plantage.

Kriminalbeamte des Drogendezernates wurden gerufen, der 26-Jährige wurde aufs Revier gebracht. Gegenüber der Kripo willigte die Frau zunächst in eine Wohnungsdurchsuchung ein. Später widerrief sie die aber. Der Polizist vermerkte daher „Gefahr im Verzug“ im Ermittlungsbogen und begründete damit den Verzicht, über Staatsanwalt und Richter einen ordentlichen Durchsuchungsbeschluss zu erwirken. Verteidiger Posch sah damit das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung verletzt. Richterin Müller-Krohe hingegen signalisierte die Haltung des Amtsgerichts, dass die Polizisten richtig gehandelt hätten. Die nicht vorbestraften Angeklagten könnten aber bei einem Geständns mit einer Bewährungsstrafe rechnen, obwohl in der Wohnung knapp drei Pfund Blüten und Blätter Marihuana mit einem Wirkstoffgehalt von immerhin 155 Gramm THC sichergestellt wurden.

Weiter geht es am 28. August ab 15 Uhr in Saal D 111.

Rubriklistenbild: © dpa

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