Spende an das Smolny-Institut

Nach 100 Jahren am Ziel: Kasselerinnen geben Koffer nach St. Petersburg

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Geschichtsträchtiger Ort: Das Smolny-Institut in St. Petersburg war die erste Bildungseinrichtung für junge Frauen in Russland.

Rund 100 Jahre war er unterwegs. Jetzt ist ein Koffer dank zwei Kasselerinnen wieder zurück in St. Petersburg in Russland.

Als 1917 die Bolschewisten die Oktoberrevolution entfachten und auch in St. Petersburg den russischen Adel das Fürchten lehrten, begann die Reise eines Koffers. Gut 100 Jahre später solle dieser Koffer dank zweier Kasselerinnen nun wieder seine Heimat erreichen. Die Geschichte eines Gepäckstückes, das viel zu erzählen hätte.

Der Koffer gehörte ursprünglich Irma Inselberg. Die Russlanddeutsche arbeitete um die Jahrhundertwende des vorherigen Jahrhunderts als Lehrerin am Smolny-Institut in St. Petersburg und bildete in der Klosteranlage adelige Töchter aus.

Im Museum: Heute steht der Koffer in der Vitrine.

Zarin Katharina II. hatte in dem Komplex eine Schule für Mädchen integriert, die auf das Leben in gehobenen Kreisen vorbereitet werden sollten. Es war die erste russische Bildungsstätte für Mädchen überhaupt. Irma Inselberg unterrichtete dort Sprachen und Handarbeit.

Kofferbesitzerin musste aus Russland fliehen

Als mit der Oktoberrevolution in der früheren Hauptstadt des russischen Kaiserreiches die Zeitenwende eingeläutet wurde und die Bolschewisten die Macht übernahmen, spielte das Smolny-Institut eine zentrale Rolle. Hier wurde die Revolution geplant und nach der Revolution war hier der Regierungssitz der Sowjetunion. Inselberg musste fliehen und packte ihren Koffer.

Ausstellungseröffnung: Generalkonsulin Dr. Eltje Aderhold (v.l.), der Minister für auswärtige Wirtschaftsangelegenheiten Arbi Abubakarov und die Kasselerinnen.

Wo sie sich in den nächsten Jahren aufhielt, ist nicht überliefert. 1945 kam die Russlanddeutsche schließlich nach Calbe an der Saale (Sachsen-Anhalt). Dort zog sie zur Großmutter von Gesine Heinze (74), die heute mit ihrer Tochter Gudrun George (47) in Kassel lebt. 

Die Erinnerungen von Heinze an Inselberg sind bis heute präsent. Die ältere Dame wurde Teil der Familie und Taufpatin von Gesine Heinze. Als Kind besuchte sie regelmäßig ihre Großmutter, die mit der Lehrerin unter einem Dach lebte.

Die ursprüngliche Eigentümerin: Die Lehrerin Irma Inselberg.

Nach dem Tod von Inselberg gelangte ihr Koffer in die Hände der Familie, erzählt George. Mit der nächsten Generation reiste er zunächst nach Magdeburg. „Dort lag er bei meiner Oma auf dem Dachboden. Immer wenn ich sie als Kind besuchte, spielte ich mit dem Koffer. Für mich war der sehr spannend“, erzählt George. Als die Großmutter umziehen musste, schenkte sie ihrer damals zehnjährigen Enkelin das nostalgische Stück.

Koffer zog nach Kassel

Als George nach der Wende 1991 als erwachsene Frau nach Kassel zog, reiste auch der Koffer mit. Jahrelang wurde er in Ehren gehalten. Doch als sich die 47-Jährige vor anderthalb Jahren von dem Gepäckstück trennen wollte, schrieb sie kurzerhand eine E-Mail an das deutsche Konsulat in St. Petersburg. Sie war überrascht, als sie eine positive Antwort bekam. Und so reiste der Koffer bereits 2018 mithilfe des Konsulats nach Russland.

Geschichtsträchtiger Ort: Das Smolny-Institut in St. Petersburg war die erste Bildungseinrichtung für junge Frauen in Russland.

Denn das Smolny-Institut, das heute Museum und Sitz der selbstständigen Regionalregierung ist, wollte das Stück gerne in der Ausstellung seines 255. Jubiläums zeigen. Zur Eröffnung im vergangenen Monat waren Georges Familie und ihre Mutter eingeladen. „Alle waren gespannt, was meine Mutter über die Lehrerin zu erzählen hatte“, sagt sie. Die Frauen sind froh, dass der Koffer wieder zuhause ist.

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