Zwei Polizeieinsätze in dieser Woche - „Kunden fühlen sich belästigt"

Kaufleute und Gastronomie beschweren sich über Trinkerszene

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Beliebter Treffpunkt der Trinker- und Drogenszene auf dem Friedrichsplatz: Die Fläche rund um den Zugang zur Tiefgarage. Hier wird auch öffentlich gedealt.

Kassel. Saufgelage, Gegröle und Urinieren in der Öffentlichkeit: Die City-Kaufleute haben sich erneut über die Trinkerszene auf dem Friedrichsplatz beschwert.

Nun will die Stadt Kassel wirksamere Rechtsgrundlagen schaffen, um gegen die Auswüchse vorzugehen. Eindrücke vom Platz.

Um 11 Uhr am Vormittag haben sich bereits rund 20 Personen auf dem Friedrichsplatz versammelt. Sie trinken Bier und diskutieren lautstark. Ein Mann auf einer Bank hält eine halb leere Flasche Schnaps in der Hand. Auf der Treppe sitzen Leute, die offensichtlich mit Drogen hantieren.

„Haben Sie ein Foto von uns gemacht?“ fragt eine Frau. Ihr und den anderen Personen der Szene sei es nicht recht, wenn sie in der Zeitung zu identifizieren sind.

Nachdem die HNA 2014 über die Trinkerszene berichtet hatte, seien einige Frauen und Männer, deren Gesichter zwar unkenntlich gemacht worden waren, anhand der Kleidung von ihren Substitutionsärzten erkannt worden. Das habe richtig Ärger gegeben, sagt die Frau.

Sie könne aber verstehen, dass jetzt wieder über die Szene berichtet werde. „In den letzten Tagen ist hier ja auch einiges passiert.“ Ein Bekannter habe einem anderen Mann ins Bein gestochen. „Die hatten Streit, hatten getrunken. Da ist noch überall Blut“, sagt die Frau. Bevor sie weiterreden kann, kommt ein Mann auf sie zu, greift ihren Arm und befiehlt: „Du kommst jetzt mit.“ Die beiden gehen zurück zum Aufgang der Tiefgarage gegenüber der Königsgalerie.

Polizeisprecher Torsten Werner bestätigt, dass es am Dienstag gegen 21.45 Uhr zu einem Streit zwischen drei szenebekannten alkoholisierten Männern gekommen war. Demnach stach ein 34-jähriger Mann auf zwei 39 und 28 Jahre alte Männer ein. Der 39-Jährige erlitt eine Verletzung am Oberschenkel, der 28-Jährige am Arm. Der Tatverdächtige wurde im Gesicht verletzt.

77-Jähriger stürzte

Drogenkonsum auf der Treppe: Die Szene lässt sich von den Passanten dabei nicht stören.

In der Trinkerszene halten sich nicht nur auffällig junge Menschen auf. Ein 77-jähriger Mann stürzte laut Werner am Donnerstag oberhalb des Fridericianums. Er habe aufgrund seines Alkoholkonsums nicht mehr allein gehen können. Nachdem seine Schürfwunden behandelt worden waren, sei der 77-Jährige zu seinem eigenen Schutz zur Ausnüchterung in Polizeigewahrsam gebracht worden.

Polizei und Ordnungsamt

Gemeinsam mit dem Ordnungsamt habe die Polizei den Platz im Auge und kontrolliere die Szene. „Die Auswertung unserer Einsätze zeigt im Hinblick auf Ordnungswidrigkeiten- und Straftatenaufkommen sowie Beschwerden von Passanten keine Auffälligkeiten. Eine Zunahme von polizeilich relevanten Sachverhalten haben wir nicht festgestellt“, sagt Werner.

Petra Salzmann und Fouad Amine, die in Kovacs Biergarten arbeiten, sehen das anders. „Es ist gang, ganz schlimm geworden“, sagt Salzmann über die Szene. „Die schreien hier unflätige Worte rum. ‘Du Schlampe’ gehört noch zu den vornehmen Ausdrücken.“ Hinzu kämen Schlägereien und Flaschen würden geworfen. „Unsere Kunden fühlen sich belästigt und bleiben weg“, sagt Salzmann.

Ihr Kollege Amine berichtet, dass die letzte Tischreihe in Richtung Parkhausaufgang kaum noch besetzt ist. „Es wird hier öffentlich gedealt.“ Einmal sei er zu einer grölenden Gruppe gegangen und habe sie gebeten, leiser zu sein. Daraufhin sei ihm mit einer Flasche gedroht worden, sagt Amine. Jetzt schreite er nicht mehr ein. „Wenn die Behörden nichts tun, warum soll ich es dann machen?“

Trinkerszene am Friedrichsplatz

Das sagen die City-Kaufleute: "Unerträglich"

Die Zustände am Friedrichsplatz bezeichnet Gerhard Jochinger, Vorsitzender der City-Kaufleute, als "unerträglich für eine zivilisierte Gesellschaft". Seit Monaten würden die Beschwerden über die Trinkerszene zunehmen. Einige Kunden fühlten sich durch die Pöbeleien belästigt, andere störten sich an den Hinterlassenschaften. Es werde uriniert und manche würden sich auch übergeben. Die beiden Treppenaufgänge an der Tiefgarage würden jeden Tag gereinigt, einmal in der Woche erledige das ein Arbeiter, der einen Schutzanzug trage, mit einem Hochdruckreiniger. Der Gestank von Urin sei aber nicht wegzubekommen. Kaum eine Frau traue sich noch, ihr Portemonnaie im Zugang zur Tiefgarage rauszuholen, um das Ticket zu zahlen, sagt Jochinger. Die stille Mehrheit der Kunden bleibe der Innenstadt fern.

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