Justizministerin will generelles Heiratsverbot unter 18

Kinderehen in Kassel: Stadt geht von hoher Dunkelziffer aus

Kassel. Mit dem Zuzug von Flüchtlingen ist das Phänomen der Kinderehe seit spätestens Mitte 2016 auch in Kassel angekommen.

Der Stadt sind laut Oberbürgermeister Bertram Hilgen vier Fälle von Kinderehen bekannt. Die Partner seien zwischen 17 und 19 Jahre alt, hätten im Alter zwischen 14 und 15 Jahren geheiratet. Doch wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen.

„Wir sind sicher, dass es weitere Ehen gibt, von denen wir nichts wissen“, sagte Hilgen in einer Sitzung des Finanzausschusses. Die Verbindungen würden nicht bekannt gemacht, es fehle an Dokumenten und die Verwandtschaftsverhältnisse seien schwer zu klären. „Es hat keinen Sinn zu meinen, dass diese vier Fälle in Kassel die einzigen sind. Aber an die anderen kommen wir nicht dran.“ Liegt der Verdacht einer Kindeswohlgefährdung vor, ergreife das Jugendamt Maßnahmen. Die Mitarbeiter seien sensibilisiert worden, genauer hinzuschauen, ob geflüchtete Mädchen und junge Frauen zu etwas gezwungen würden, so Jugenddezernentin Anne Janz. In diesem Fall sollten die Mädchen erfahren, wie sie sich aus der Zwangslage befreien können und dass ihnen auch Schutz angeboten wird.

Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann kämpft seit Sommer 2016 nicht nur dafür, Kinderehen zu verbieten, sondern auch die deutschen Regelungen einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Ihr Ziel: Heiraten soll erst ab 18 Jahren erlaubt sein. Zurzeit kann man in Deutschland mit Zustimmung des Familiengerichts bereits mit 16 Jahren, also als Minderjähriger, eine Ehe eingehen.

Ministerin Eva Kühne-Hörmann: „Wenn man als Minderjähriger noch nicht einen Mietvertrag unterschreiben oder bei der Bundestagswahl mitwählen darf, warum sollte der Gesetzgeber es dann zulassen, dass der gleiche Minderjährige an eine so weitgehende Entscheidung wie der Ehe gebunden ist?“ 

Von Andreas Hermann und Ulrike Pflüger-Scherb

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Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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