24-Jähriger fand Unterschlupf - Mann ist gut integriert

Kirchenasyl: Afghane aus Baunatal floh vor Abschiebung

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Abschiebung von Kassel-Calden aus: Unser Foto zeigt eine im Jahr 2015 abgeschobene Familie vor dem Flughafen.

Kassel/Baunatal. Am 14. Dezember klingelte es gegen 10 Uhr an der Wohnungstür der afghanischen Familie Hafizi in Baunatal. Vor der Tür stand ein Dutzend Polizisten.

Sie suchten den 24-jährigen Fasihullah Hafizi. Er sollte abgeschoben werden. 

Doch der Afghane war zufällig nicht zu Hause. Als dessen Mutter die Tür öffnete, fiel sie beim Anblick des Polizeiaufgebots in Ohnmacht. Seitdem liegt sie mit einer psychisch bedingten halbseitigen Lähmung in einer Klinik. Der Sohn ist ins Kirchenasyl geflüchtet.

Die Familie Hafizi floh vor sieben Jahren aus ihrer Heimatstadt Masar-e Scharif. „Unser Vater ist von den Taliban ermordet worden, weil er unsere Schwester nicht verheiraten lassen wollte“, sagt Fasihullah Hafizi. Seine Mutter, deren drei Söhne und die Tochter verkauften ihr Haus und zahlten 90.000 Euro für die Flucht. Auch die Mutter sei in Gefahr gewesen, weil sie als Lehrerin für Ausländer gearbeitet hatte, die mit der Einmischung der Nato ins Land gekommen waren. Damit gelte sie als Kollaborateurin.

In Baunatal fand die Familie ein neues Zuhause. Nur die Tochter lebt in Ankara, weil sie als Medizinstudentin in der türkischen Hauptstadt ein Stipendium bekommen hat. Weil die Mutter und die Söhne keine unbefristete Aufenthaltserlaubnis haben, läuft ihre Zeit in Nordhessen ab. Für Fasihullah war es nun soweit. Nur weil der älteste Sohn zufällig beruflich unterwegs war, nahm ihn die Polizei nicht fest.

Ein Pfarrer in Baunatal erzählte der Familie vom Kasseler Dechanten Harald Fischer. Das Kasseler Oberhaupt der katholischen Kirche hat sich schon mehrfach für von Abschiebung bedrohte Menschen stark gemacht. Fischer vermittelte den 24-Jährigen in ein Kirchenasyl „an einem sicheren Ort“, wie er gegenüber der HNA sagte. Der junge Mann sei voll integriert und nie straffällig geworden.

Tatsächlich steht Fasihullah Hafizi bereits auf eigenen Beinen: Er arbeitet als freiberuflicher Fernseh- und Videoproduzent. Zuvor hat er lange für den Offenen Kanal gearbeitet, dessen Leiter sich ebenfalls für den Flüchtling einsetzt. „Ich lebe nicht von Sozialhilfe oder Hartz IV“, sagt der Afghane. Wie seine Brüder ging er in Kassel zur Schule und kann sich gut auf Deutsch verständigen. Ein Anwalt hat Widerspruch gegen die Abschiebung eingelegt. Das hat aber keine aufschiebende Wirkung. Bis zur Entscheidung will der 24-Jährige in Deckung bleiben.

„Mit dem Kirchenasyl stellen wir uns nicht über das Gesetz, sondern verhelfen dem Recht zur Geltung“, sagt Fischer. So habe der Staat Zeit, seine Entscheidung zu überdenken. Denn bei einer Abschiebung würde nicht nur die Familie zerrissen, sondern auch Fasihullah Hafizi in Lebensgefahr gebracht.

Fischer befürchtet, dass die Politik wegen des Drucks von Rechts nicht mehr so genau prüfen lässt, wer Asylanspruch hat. Alle von Abschiebung bedrohten Flüchtlinge, die mit Hilfe von Fischer Kirchenasyl fanden, wurden letztlich anerkannt. 

Das sagt die Polizei

Die Polizei habe bei dem Einsatz am 14. Dezember Amtshilfe für die Ausländerbehörde geleistet, sagt Torsten Werner, Sprecher des Polizeipräsidiums Kassel. Weil im Vorfeld der geplanten Abschiebung bekannt geworden sei, dass eines der Familienmitglieder sich im Falle einer Abschiebung etwas antun wolle, sei die Polizei mit etwa zehn Beamten und einem Sanitätsteam zu dem Einsatz gefahren. „Wegen der besonderen Lage sind wir nicht nur mit einem oder zwei Streifenwagen vorgefahren“, sagt Werner. Als die Mutter in Ohnmacht fiel, habe sich das Sanitätsteam um die Frau gekümmert. 

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