Das Herz der Stadt pocht seit 1767

Klein-Paris hielt Einzug: Als der Königsplatz vor 250 Jahren gebaut wurde

Postkartenmotiv aus den 30er-Jahren: Königsplatz mit altem Postgebäude, Martinskirche und Druselturm.

Kassel. Königsplatz in Kassel: Das heutige Herz der Stadt wird 250 Jahre alt. Aus diesem Anlass fassen wir an dieser Stelle die bewegte Geschichte des Platzes zusammen.

Im Jahr 1767 wurde der Königsplatz nach Plänen von Hofbaumeister Simon Louis du Ry geschaffen. Über den Charme und die Aufenthaltsqualität des Königsplatzes wird seit Jahrzehnten gestritten. Dabei wurde der barocke Platz vor nun genau 250 Jahren „nach Pariser Vorbild“ geschaffen. Tatsächlich hat sich sein Erscheinungsbild aber spätestens mit dem Zweiten Weltkrieg stark verändert.

Wo sich heute der Königsplatz erstreckt, war jahrhundertlang die Stadt mit massiven Befestigungsanlagen erfolgreich verteidigt worden. Im Siebenjährigen Krieg allerdings drohten sie zu einer Gefahr für die Bewohner zu werden. Die französischen Besatzer drohten damit, von der Stadtbefestigung aus die Häuser in Schutt und Asche zu schießen.

So entschloss sich Landgraf Friedrich II. (1720-1785) nach dem Krieg zu einer umfassenden Umgestaltung seiner Residenzstadt. Er ließ die Bollwerke schleifen und ließ an Stelle der Gräben und Wälle den Königs- und wenige Jahre später auch den Friedrichsplatz anlegen. 1767 begann sein Hofbaumeister Simon Louis du Ry (1726-1799) mit den Arbeiten. Sein Auftrag war es, mit dem Platz die mittelalterliche Kernstadt und die Obererneustadt harmonisch zu verbinden.

Seinen Namen erhielt der Königsplatz nach dem damals bereits verstorbenen Friedrich I. (1676-1751). Der Landgraf von Hessen-Kassel war einst auch König von Schweden. So war es ursprünglich geplant, ein Stadtbild von Friedrich I. in der Mitte zu errichten. Stattdessen wurde dort ein sogenannter Zaitenstock aufgestellt. Dabei handelte es sich um einen riesigen Pfosten, an dem ein Wasserspeier befestigt war, der für die Versorgung der Bürger wichtig war.

Belebtes Zentrum um die Jahrhundertwende: Zu sehen sind vor allem Frauen, die ihre Waren auf dem Königsplatz verkaufen. Rechts im Bild ist das 1881 errichtete Postgebäude zu erkennen und im Hintergrund der Lutherkirchturm.

Schon zu Beginn prägten repräsentative Gebäude den Platz. Als eines der ersten wurde ab 1771 das Postgebäude auf der Nordseite (heute City Point) errichtet. Die Post diente auch als Gasthof, zu dessen prominenten Gästen auch Goethe zählte, der hier mehrfach einkehrte. 1881 wurde die Post durch ein noch prächtigeres Postgebäude ersetzt.

Für die ursprüngliche Pflasterung hatten sich die Erbauer eine Besonderheit einfallen lassen. So wurden sämtliche in Hessen vorkommenden Gesteinsarten verlegt. Mehr Aufmerksamkeit bei der Bevölkerung dürfte allerdings das damals berühmte Königsplatz-Echo hervorgerufen haben. In der Abendstille war es den Rufenden möglich, von der Platzmitte aus ein vier- bis fünffaches Echo zu erzeugen.

Nachdem Jérôme Bonaparte von Kassel aus sein Königreich Westphalen (1807-1813) regierte, war Schluss mit dem Echo. Denn nun ließ der Bruder Napoleons eine Statue des französischen Kaisers auf der Platzmitte aufstellen. Der Königsplatz war passé und hieß fortan Napoleonsplatz.

Als die Statue 1813 samt Königreich abgeräumt war, kamen das Echo und der alte Name zurück. Endgültig verschwand das Echo allerdings, als 1877 die ersten dampfbetriebenen Straßenbahnen über den Königsplatz rollten und diesen mit Wilhelmshöhe verbanden.

Autos und Kriegslücken prägen das Bild: Dieses Bild entstand in den 50er-Jahren auf dem Königsplatz. Hinten der Druseltrum.

Mit der Einführung der Straßenbahn nimmt die Mobilität der Kasseler zwar an Fahrt auf, die Gestaltung des Königsplatzes wird dadurch aber schlagartig verändert. Er wird nun durch den Verkehr bestimmt. Ab 1880 wird zudem mit der Baumpflanzung auf dem bis dato steinernen Platz begonnen. Bäume säumen fortan das Rund.

Trotzdem bleibt der Platz lebendiges Zentrum der Stadt. Hier finden die großen Märkte statt, befinden sich noble Hotels.

Die Bomben des Zweiten Weltkriegs zerstören auch die barocke Bebauung in weiten Teilen. Ältestes Haus am Platz ist die heutige Commerzbank, die 1911 erbaut wurde.

Viele Jahrzehnte prägte die unmittelbare Nachkriegsbebauung den Platz. Erst nach und nach wurden die Lücken geschlossen. So eröffnete 1963 der Neckermann-Konzern ein großes Kaufhaus am Platz, das später Kardstadt hieß und 2002 für den City Point weichen musste.

Mehrfach gab es Umgestaltungen des Platzes. Seit den 1970er-Jahren standen kreisrunde Brunnen aus Waschbeton und Blumenbeete auf dem Platz, seit 2005 stehen 36 Wasserspeier rund um den Platz.

Auch die Autos prägten lange das Bild: von den 50er-Jahren bis 1992 waren Autos am Rand des Königsplatzes unterwegs. Erst dann wurde er komplett autofrei.

Streitobjekt: Die Königsplatztreppe stand von 1992 bis zu ihrem Abriss 2000 in der Mitte des Königsplatzes.

Die größte Aufregung erlebte der Königsplatz in jüngster Zeit durch die umstrittene Königsplatztreppe. Diese wurde 1992 in dessen Zentrum aufgestellt und überspannte die Straßenbahnschienen. Nach und nach verwahrloste das Bauwerk. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion ließ sie der damalige Oberbürgermeister Georg Lewandowski es abreißen. Deutlich mehr Zuspruch der Bürger erfährt der Obelisk, der seit der jüngsten documenta den Platz ziert.

Über den Königsplatz Kassel gibt es umfassende Informationen beispielsweise im Regiowiki. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.