"Wirtschaftlich ist das oft kaum zu betreiben"

Konzertveranstalter: "Bei den großen Stars spielt Kassel nur dritte Liga"

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Wird Helene Fischer (wie hier 2013 beim Hessentag im Auestadion) jemals wieder in Kassel auftreten? Vorerst eher nicht, meint Konzertveranstalter Uwe Vater. Für die ganz großen Stars sei Kassel nicht attraktiv genug, sagt der Chef der Agentur MM Konzerte.

Kaum Stars und viele Konzerte, die schlecht besucht sind: Kassel ist in der Konzertkrise. Uwe Vater von der Agentur MM Konzerte klagt, in der Region gäbe es zu viel Angebote.

Musik-Fans haben es in Kassel nicht leicht. Viele Stars fahren an Nordhessen nur vorbei. Umgekehrt klagen Veranstalter, dass selbst angesagte Bands wie Bilderbuch in Kassel zu wenige Karten verkaufen. Darum wurde das Konzert der Wiener Pop-Sensation im April abgesagt. An der Situation wird sich so schnell nichts ändern, meint Uwe Vater, Chef der Kasseler Agentur MM Konzerte.

Sie holen vom 5. bis 7. September Michael Patrick Kelly, Pur und Wincent Weiss an die Messe. Wie läuft der Vorverkauf?

Gut, wir werden mehr als 15.000 Besucher haben. Damit liegen wir etwas hinter den Erwartungen zurück. Voriges Jahr hatten wir bei Milky Chance, Wincent Weiss, Max Giesinger und den Broilers fast 23.000 Besucher. Wirtschaftlich gesehen wird es sich auch dieses Jahr rechnen. Wir sind zufriedener als Herr Hilgers vom Hockey Park, der nach dem 90s-Festival im Auestadion gejammert hat über 15 000 Besucher.

Seine Firma klagte auch schon bei den Fantastischen Vier und Nena über zu wenig Gäste im Vergleich zu anderen Städten. Warum ist Kassel kein gutes Pflaster für Konzerte?

Dass Kassel im Vergleich zu Städten wie Erfurt ein schwieriger Markt ist, sage ich schon seit 30 Jahren. Es liegt zum einen an dem wahnsinnigen Überangebot. Wir haben das Staatstheater, wo jedes Ticket hoch subventioniert ist. Karten für ähnliche Veranstaltungen in der Stadthalle sind darum viel teurer.

Subventionierte Theater gibt es in vielen anderen Städten auch.

Aber nicht überall. Außerdem haben wir das Kulturzelt, das mit über 30 Veranstaltungen den Sommer füllt. Es gibt die bezuschussten Festivals im Umkreis wie Sommer im Park in Vellmar und das Wolfhager Kulturzelt. Dazu kommen auswärtige Veranstalter, die Stars wie Carolin Kebekus und Eckart von Hirschhausen nach Kassel holen. Das Theaterstübchen hat in zehn Monaten über 250 Konzerte veranstaltet. Und im Winter macht Flic Flac auf dem Friedrichsplatz über drei Wochen Station. Das Festival nimmt meiner Schätzung nach bis zu zwei Millionen Euro aus dem Markt und lässt keinen einzigen Steuer-Euro in der Stadt. Außerdem gibt es fast jedes Wochenende Feste. So viele Angebote in einer Stadt wie Kassel – das kann nicht gut gehen.

Aber das alles würde es nicht geben, wenn es sich nicht rechnen würde.

Das stimmt eingeschränkt. Der Starclub hat es auch nicht geschafft, sich am Markt zu halten. Wirtschaftlich ist das oft kaum zu betreiben, wenn es nicht vom Steuerzahler finanziert wird wie beim Hessentag, wo sehr hohe Gagen gezahlt werden. Und die Tickets sind teuer. Im November kommen zum Beispiel die Chippendales in die Stadthalle. Da kosten die Karten in den ersten Reihen 95 Euro. Wenn man sich das leistet, ist danach erst einmal Feierabend. Die Kaufkraft hier ist nicht so hoch wie in Frankfurt oder Hannover.

Ist es ein Nachteil, dass es im Umkreis keine andere Großstadt gibt?

Es gibt diese Städte ja wie Frankfurt oder Hannover. Aber von dort kommt kaum jemand nach Kassel. Selbst die Göttinger, das zeigt unsere Erfahrung, fahren viel lieber nach Hannover als nach Nordhessen. Nicht zuletzt wegen der ausgezeichneten Veranstaltungsstätten, die es dort gibt. Viele Verantwortliche in großen Agenturen ziehen die Augenbrauen hoch, wenn sie Kassel hören. Bei Konzerten spielt Kassel nur in der dritten Liga.

Sie wollten auch gern Konzerte im Auestadion veranstalten. Wie verärgert sind Sie über die Stadt, dass die lieber mit einem externen Veranstalter wie dem Mönchengladbacher Hockey Park zusammenarbeitet?

Gar nicht. Wir haben ja früher Sachen zusammen gemacht. Aber nach Wolfgang Petry, Pur und Herbert Grönemeyer 2004 ist es uns nicht mehr gelungen, etwas Geeignetes zu buchen. Es gibt kaum etwas, das einen wirtschaftlichen Erfolg verspricht. Wir liegen genau zwischen Hannover und Frankfurt, die mit ihren viel größeren Arenen die deutlich interessanteren Städte sind. Man kann einen Künstler dann nicht auch noch in Kassel präsentieren.

Gibt es gar keine Schwierigkeiten mit der Stadt?

Bei unseren Konzerten auf dem Messegelände hat uns die Stadt überwiegend sehr gut und flexibel unterstützt. Das gilt aber nicht für alle Ämter. Anders sieht es bei der Stadthalle aus. Da dreht Kassel Marketing jedes Jahr an der Mietpreisschraube. Man setzt eher auf Tagungen und Kongresse. Von Industrieunternehmen sind die Preise leicht zu bezahlen. Für uns ist das dagegen nicht akzeptabel. Leider stößt man nur auf taube Ohren. Es muss Geld verdient werden. Das ist die Vorgabe aus dem Rathaus. Die Monopolstellung wird leider ausgenutzt.

Früher traten Elton John, Andrea Bocelli und André Rieu im Bergpark auf. Ist so etwas im Unesco-Welterbe noch möglich?

Ausgeschlossen ist es nicht. Bevor der Bergpark Weltkulturerbe wurde, hieß es von der Museumslandschaft Hessen Kassel, dass Künstler, die dorthin passen, vorstellbar seien. Ich denke, das gilt auch heute noch. Obwohl man im Bergpark mittlerweile möglichst keinen Grashalm mehr umknicken darf. Die Herrschaften dort sind sehr empfindlich.

Welche Künstler passen denn in den Bergpark?

Udo Jürgens wäre so jemand gewesen. Heute ist es vielleicht David Garrett. Das Ambiente im Bergpark finden zwar alle toll, aber es gibt keine Infrastruktur, keinen Strom, keine Beleuchtung, keine Toiletten, keine Garderoben. Es ist nicht preiswert, dort zu produzieren.

Eine Alternative wäre das Schloss Wilhelmsthal in Calden, wo Sie 2014 Chris de Burgh, Xavier Naidoo, die Sportfreunde Stiller und Santiano haben auftreten lassen.

Solche Konzerte habe ich bei der MHK wieder ins Gespräch gebracht. Die Antwort war: „In der Größenordnung, in der Sie planen, wollen wir das dort nicht mehr haben. 5000 Besucher sind zu viel für Calden.“ Für uns aber rechnet sich das sonst nicht. Auf dem Gelände gibt es nur eine einzige 32-Ampere-Steckdose, weshalb du alles mit Generatoren versorgen musst.

Wie gut ist die Messe für Open Airs geeignet?

Sehr gut. Natürlich ist es vom Ambiente her nicht mit dem Bergpark oder Wilhelmsthal vergleichbar, aber es hat auch große Vorteile. Es ist prima erreichbar. Es gibt ausreichend Parkplätze und keine Wohnbebauung in der unmittelbaren Nähe. Niemand muss durch Matsch laufen. Bei einem Unwetter kann man die Besucher in die Messehallen evakuieren. Und man darf nicht vergessen: Die Besucher kommen nicht wegen des Ambientes, sondern sie wollen die Künstler sehen. Voriges Jahr haben wir unvergessene Sommerabende erlebt. Bis auf einen Anrufer gab es keine Beschwerden.

Das klingt, als gäbe es dort auch 2020 Konzerte.

Auf jeden Fall. Wir haben schon eine Woche im August reserviert. Am liebsten würden wir die nächsten fünf Jahre reservieren. Aber man muss von Jahr zu Jahr denken.

Seit Jahrzehnten wird über den Bau einer Multifunktionsarena geredet. Wären mit so einer Arena alle Konzertprobleme für Kassel gelöst?

Zumindest einige. Mit einer Kapazität von 6000 Besuchern würden deutlich populärere Künstler nach Kassel kommen, auch viele, die noch nie da waren. Die Stadthalle bietet nur Platz für 3000 Leute. In die Eissporthalle gehen zwar 7500 rein, aber Künstler, die dort aufgetreten sind, kommen nicht noch mal. Bietet man die Eissporthalle Agenturen an, fragen die: „Uwe, das meinst du nicht ernst?“ Und wenn du dort etwas veranstaltest, kannst du dich die ganze Zeit nur entschuldigen für die Arbeitsbedingungen. Dennoch habe ich die Hoffnung, dass sich unter Huskies-Chef Joe Gibbs etwas ändern wird.

Glauben Sie, dass Sie eine Multifunktionsarena noch erleben werden?

Ich hoffe. 20 Jahre wollte ich noch leben. Andererseits ist das schon so oft angedacht worden. Ich habe bereits so viele Pläne gesehen. Den Letzten, der mir seine Entwürfe gezeigt hat, habe ich gefragt: „Haben Sie 30 Millionen Euro?“ Das ist die Gretchenfrage. Ohne dieses Geld geht es nicht.

Die letzten ganz großen Stars, die in Kassel auftraten, waren Die Toten Hosen und Helene Fischer beim Hessentag 2013. Wird es so etwas noch mal geben?

Gute Frage. Wegen Helene Fischer habe ich gerade mit der Tournee-Agentur telefoniert. Ich habe denen gesagt: „Wir haben hier das Auestadion mit 17 000 bestuhlten Plätzen.“ Da hieß es: „In Hamburg haben wir eine Arena mit 38 000 Plätzen.“ Uns fehlen in Kassel also mehr als 20 000 Leute. Bei einem Ticket-Preis von 70 Euro im Schnitt ist das eine Mindereinnahme von 1,4 Millionen Euro. Damit war das Gespräch beendet. Zum Träumen fährt man besser in die Karibik. Ich will nicht ausschließen, dass wir Helene Fischer noch mal hier erleben, aber im Moment ist es realistischer, 8000 Leute zu attraktiven Künstlern an die Messe zu locken, damit wir in Kassel überhaupt große Open-Air-Veranstaltungen haben.

Die Konzerte

Die drei Sommer-Open-Airs auf dem Kasseler Messegelände: 

  • Donnerstag, 5. September (19.30 Uhr): Michael Patrick Kelly 
  • Freitag, 6. September (19.30 Uhr): Pur 
  • Samstag, 7. September (20 Uhr): Wincent Weiss 

Tickets unter 0561/203-204, www.hna-kartenservice.de sowie in allen HNA-Geschäftsstellen.

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