Hotel Reiss in den 60ern: Harald Goßmann sucht Zeugen

Krebskranker kam bei Arbeit mit Asbest in Berührung

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Sucht Menschen, die das Hotel Reiss aus den 70er-Jahren kennen: Krebspatient Harald Goßmann mit seiner Mutter Emmi und seiner Frau Tatjana, die ihn pflegt.

Kassel. „Wie viel Zeit mir bleibt, das weiß der liebe Gott. Aus medizinischer Sicht hat man mich aufgegeben“, sagt Harald Goßmann.

Der 57-jährige Mann aus Eschwege hat Lungenkrebs im Endstadium, verursacht von einer Asbestose. Nichtsdestotrotz gehe es ihm im Moment verhältnismäßig gut, sagt Goßmann, der 40 Kilo abgenommen hat. Besser als im vergangenen Jahr, da habe er gar nicht mehr laufen können.

Goßmann hat noch eine große Hoffnung. Er sucht Menschen, die das Hotel Reiss am Kasseler Hauptbahnhof noch aus den 60er- und 70er-Jahren kennen. Von 1973 bis 1975 hat Goßmann in dem Kasseler Traditionshotel nämlich Koch gelernt. Der 57-Jährige geht davon aus, dass er dort mit dem Asbest in Berührung gekommen ist, der letztlich den Lungenkrebs verursacht hat. Vor dem Kasseler Sozialgericht klagt Goßmann derzeit gegen die Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe. Es geht um die Anerkennung seiner Erkrankung als Berufserkrankung beziehungsweise als Folge des beruflichen Asbestkontaktes aus der damaligen Zeit, sagt sein Anwalt Scot Möbius.

Laut Goßmann waren die Backöfen, die es damals in der Küche des Hotels Reiss gab, mit Asbest gedämmt. Durch ein Feuer in den frühen Morgenstunden des 8. Juni 1974 in der Diskothek „Löwenburg-Casino“ wurde auch die Küche des benachbarten Hotels Reiss in Mitleidenschaft gezogen. Goßmann und weitere Azubis wurden damals verpflichtet, die Küche von Grund auf zu reinigen. Dabei habe er wohl auch Partikel von Asbest eingeatmet, mit denen die Öfen verkleidet waren.

Bei einem Gerichtstermin vor dem Sozialgericht Kassel am 9. Dezember 2014 ging es auch um die Öfen. Allerdings gebe es keine Unterlagen mehr darüber, welche Fabrikate damals im Hotel Reiss eingesetzt waren, sagt Anwalt Möbius. Er und sein Mandant haben sich deshalb an die Öffentlichkeit gewandt. Sie hoffen, dass noch Menschen in Kassel leben, die damals ebenfalls im Reiss beschäftigt waren und die noch wissen, welche Geräte eingesetzt wurden.

Goßmann hofft, dass er von der Berufsgenossenschaft eine weitere Rente bekommt, wenn der Lungenkrebs als Berufskrankheit anerkannt wird. Zudem denkt er an seine Frau Tatjana, die nach seinem Tod dann auch noch eine Hinterbliebenenrente bekäme.

Nachdem seine Krankheit im Herbst 2012 diagnostiziert worden sei, sei er von dem einen zum anderen Tag berufsunfähig gewesen, sagt Goßmann. Seitdem bezieht der Koch eine Erwerbsminderungsrente in Höhe von 835 Euro.

Trotz seiner Krankheit erinnert sich Goßmann gern an das Hotel Reiss zurück. „Es war zwar eine harte Zeit, aber ich hatte einen guten Küchenchef und habe eine sehr gute Ausbildung genossen. Dort habe ich die Grundlage für meine gesamte berufliche Laufbahn bekommen.“ Er sei Koch mit Leib und Seele, sagt der 57-Jährige. Wenn er sich gut fühle, koche er auch noch heute zu Hause für seine Frau.

Kontakt: Anwalt Scot Möbius, Tel. 036 01 / 40 66 88.

Das sagt das Sozialgericht: Hersteller existieren nicht mehr

Die Ermittlungen zur Anerkennung einer Berufskrankheit (BK) sind noch nicht abgeschlossen und gestalten sich wegen jahrzehntelang zurückliegender Sachverhalte als äußerst schwierig, sagt Jutta Lindner, Sprecherin des Kasseler Sozialgerichts.

Es sei unstreitig, dass der Kläger an einer Asbestose erkrankt ist. Die Anerkennung einer BK setze aber den Nachweis einer berufsbedingten Kontaminierung mit Asbest voraus. Der Kläger behauptet, bei seiner Tätigkeit als Koch im Hotel Reiss in den 1970er-Jahren mit Asbest in Kontakt gekommen zu sein, da die damals in der Gastronomieküche benutzten Backöfen mit Asbest isoliert waren. Ob dies bei den vom Kläger während seiner Tätigkeit im Hotel Reiss genutzten Backöfen der Fall war, ist bisher nicht geklärt, auch nicht, um Backöfen welchen Herstellers es sich gehandelt hat.

Erschwerend komme hinzu, dass die Herstellerfirmen von Gastronomiebacköfen aus den 50er- bis 70er-Jahren nicht mehr existieren. Harald Goßmann macht geltend, nach einem Brand am Arbeitsplatz im Juni 1974 bei Reinigung der Backöfen von Ruß Asbestkontakt gehabt zu haben.

Aus dem Akteninhalt ergebe sich, dass der Kläger auch privat Asbestkontakt hatte. Die Anerkennung einer BK sei dadurch zwar nicht ausgeschlossen, setze aber gleichwohl den Nachweis auch einer berufsbedingten Kontaminierung mit Asbest voraus.

Das Ergebnis der gerichtlichen Ermittlungen bei diversen Sachverständigen und Herstellern in Sachen Backöfen und Asbest stehe aber noch aus.

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