Verwunderung über Auftragsvergabe der Stadt

Kulturhauptstadt 2025: Kassel und Nürnberg haben den selben Berater

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Kassel kontra Nürnberg: Die Großstädte, die wir hier durch Schloss Wilhelmshöhe und Kaiserburg abbilden, sind im Rennen um die Kulturhauptstadt 2025. 

Kassel/ Nürnberg. Kassel und Nürnberg setzen bei ihren Bewerbungen um den Titel europäische Kulturhauptstadt 2025 auf denselben Moderator für die Kulturkonzeption: Dr. Patrick Föhl vom Berliner Netzwerk Kulturberatung.

Der Beratungsauftrag hatte bei einigen Stadtverordneten für Verwunderung gesorgt. Ist es sinnvoll, wenn in dem Wettbewerb um den Titel in zwei konkurrierenden Städten ein und dieselbe Person an wichtiger Stelle agiert? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema.

Wie kam es zu der Beauftragung?

In beiden Bewerberstädten hat im Vorfeld eine Ausschreibung für die Dienstleistung stattgefunden. In Kassel bekam das Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft den Zuschlag. Für dieses Institut ist Föhl als Experte im Bereich der Kulturentwicklungsplanung tätig. Sprich, er wurde als Subunternehmer ins Boot geholt. Im Juli 2017 hat die Stadt Kassel den Vertrag geschlossen.

In Nürnberg wurde Föhls Berliner Netwerk Kulturberatung direkt beauftragt. Dies fand einen Monat früher statt, im Juni 2017.

Wussten die Verantwortlichen in beiden Städten, dass sie mit derselben Person zusammenarbeiten?

Ja, der Prozess war transparent. Im Gespräch mit der HNA versicherte Föhl, dass er schon bei der Bewerbung auf die Ausschreibungen beider Städte diese informiert habe, dass er auch in der jeweils anderen Stadt im Bewerbertopf ist. Dies wird so auch von der Stadt Kassel bestätigt. Föhl selbst spricht von einem „konstruierten“ Konflikt.

Aber gibt es nicht Interessenskonflikte, wenn Föhl für beide Städte den Weg zur Kulturhauptstadt begleitet?

Die Stadt Kassel verweist auf den geschlossenen Vertrag, der Föhl zur Verschwiegenheit, Loyalität und Neutralität verpflichte.

Zudem sei die Kulturpolitische Gesellschaft, für die Föhl tätig ist, nicht mit der Erarbeitung einer Strategie für die Kulturhauptstadtbewerbung engagiert worden. Mit dieser kuratorischen Aufgabe sei Pia Leydoldt-Fuchs von der Agentur CaP.Cult beauftragt worden. Diese arbeite exklusiv für die Stadt Kassel.

Aber was ist dann genau Föhls Aufgabe?

Föhls Aufgabe sei es, gemeinsam mit den Kulturschaffenden in der Stadt die Erarbeitung einer langfristigen Kulturkonzeption moderierend zu begleiten. Diese ist dann die Basis für eine Bewerbung.

Föhl selbst sagt gegenüber der HNA, dass er in beiden Städten unterschiedliche stellvertretende Projektleiter für diese Aufgabe installiert habe. Er selbst treffe keine Entscheidung und bringe auch kein Thema mit. Es gehe vielmehr darum, „das Spezifische“ der Städte mit den Akteuren vor Ort herauszuarbeiten. In Nürnberg sei dieser Prozess überdies bereits so gut wie abgeschlossen, in Kassel gehe die Arbeit erst richtig los.

Welche Erfahrung bringt Föhl für seine Aufgabe mit?

Der Kulturplanungsexperte hat bereits für 22 deutsche Städte Kulturkonzeptionen auf den Weg gebracht – allerdings geschah dies meist unabhängig von Kulturhauptstadtbewerbungen.

Für Bulgariens zweitgrößte Stadt Plowdiw, die den Titel Kulturhauptstadt 2019 gewann, hat Föhl die Grundlagen für eine erfolgreiche Bewerbung geschaffen.

Wie unterschiedlich fällt die Kulturkonzeption in Kassel und Nürnberg aus?

In Nürnberg, so Föhl, sei die Stadtteilkulturarbeit ein großes Thema. Dort gebe es in jedem Stadtteil ein städtisches Kulturzentrum. In Kassel gebe es innerhalb der Stadt ein großes Gefälle – auch bezogen auf das Einkommensniveau. Die Kulturarbeit müsse neu gedacht werden, um besser auf dieses soziale Gefälle zu reagieren, sagt Föhl. Dabei sei auch die Stärkung der freien Szene ein Thema.

„Sie können es mit zwei Töpfen Suppe vergleichen. Die Kasseler Suppe schmeckt völlig anders als die Nürnberger. Ich halte nur den Suppenlöffel“, erläutert Föhl.

Was wird Kassel in die Kulturhauptstadtbewerbung investieren?

Nach Auskunft der Stadt belaufen sich die Gesamtkosten bis 2020 auf zwei Millionen Euro. 2020 soll die Entscheidung für die Kulturhauptstadt 2025 fallen. Allein für Gutachten und Beratungen fallen 560 000 Euro an – aus diesem Geld wird auch Föhl bezahlt. Hinzu kommen Kosten für Werbung, Reisen und öffentliche Veranstaltungen, bei denen die Kasseler mitdiskutieren sollen.

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