KVG reagiert auf Proteste mit neuem Gutachten

Nach Protesten: In Kasseler Straßenbahnen sind wieder zwei Rollis erlaubt

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Darf's ein Rolli mehr sein? Jetzt ja: Rollstuhlfahrer Joaquin Olea Catalan steigt an der Haltestelle Friedenskirche in seine Straßenbahn ein.  

Kassel. Wegen des Umgangs mit Rollstuhlfahrern wurde die Kasseler Verkehrsgesellschaft KVG heftig kritisiert. Nun hat das Unternehmen in seinen Straßenbahnen wieder zwei Rollis erlaubt.

Das ist eine gute Nachricht für Rollstuhlfahrer in und um Kassel: Künftig dürfen in den Trams der KVG zwei Rollis gleichzeitig mitfahren. „Wieder“ mitfahren, muss es heißen. Denn, dass zwei Rollstuhlfahrer auf einem festgelegten Mehrzweckplatz (gegenüber dem Eingang mit Klapprampe) nebeneinanderstehen dürfen, war bis vor einem Jahr noch gang und gäbe.

Die Situation änderte sich durch eine neue Anweisung für die Tramfahrer, die sogenannten KVG-Mitnahmeverordnung für Busse und Straßenbahnen. Grund für die Neuerung war laut KVG das Thema Sicherheit. Die Verordnung brachte veränderte „Mitnahmebedingungen“ und damit Einschränkungen vor allem für Menschen, die sich in Rollstühlen und Elektro-Scootern fortbewegen: Die Bus- und Tramfahrer waren unter anderem angehalten, fortan nur noch einen Elektrorollstuhl oder E-Scooter mitzunehmen. 

Rollifahrer mussten genaue Anweisungen beachten. Sei durften nur noch entgegen der Fahrtrichtung und nicht mehr quer zur Fahrtrichtung stehen. Weder zu zweit noch einzeln. Dies ist aber die bevorzugte, weil bequemste Aufstellung der Rollstuhlfahrer, die auf dieses Weise nicht aufwändig rangieren müssen.

Tests, die die KVG Anfang 2017 intern vorgenommen hatte, sollen laut Michael Wiesenhütter, der bei der KVG für den Bereich Barrierefreie Mobilität zuständig ist, Gefahren aufgezeigt haben. Als Sicherheitsrisiken nannte er das Verrutschen und Kippen von Rollstühlen beim Bremsen.

Das Resultat der Tests waren die neuen Mitnahmebedingungen, die vor knapp einem Jahr in Kraft traten. Der Behindertenbeirat der Stadt hatte daraufhin kritisiert, dass er bei den Tests und ihren Auswirkungen nicht zurate gezogen worden war.

Das Ergebnis waren massive Proteste von Menschen mit Gehbehinderung. Ihnen werde unnötigerweise das Leben schwer gemacht, kritisierten sie und schilderten erschütternde Fälle, bei denen Rollstuhlfahrer an einer Haltestelle stehengelassen wurden, weil sich bereits ein Rolli in der Tram befand.

Die KVG hat die anhaltende Kritik ernst genommen, nach Lösungen gesucht und schließlich ein externes Gutachten in Auftrag gegeben. Der Auftrag: Finden Sie einen Weg, möglichst viele Menschen mit Mobilitätshilfen wie Rollstühle und E-Scooter zu transportieren.

„Wir haben jetzt einen Weg gefunden“, sagt dazu KVG-Chef Dr. Thorsten Ebert, der das ausführliche Gutachten während der Sitzung des Behindertenbeirats im Rathaus persönlich kommentierte und interpretierte: Rollis dürfen künftig auf besagten Mehrzweckplätzen in den Bahnen zu zweit stehen. Hier ist auch das Querstehen von Rollstühlen möglich.

Allerdings muss ein einzelner Rollstuhl soweit aufrücken, dass in Fahrtrichtung kein Freiraum bis zur Rückenlehne des nächsten Sitzplatzes entsteht. Verpflichtend muss die Feststellbremse am Rollstuhl angezogen sein, so Ebert. Darauf werden künftig Piktogramme in der Bahn hinweisen. Rollstühle könnten sich ansonsten bei scharfem Bremsen rausdrehen und andere Fahrgäste gefährden.

Die neue Regelung gelte nicht für Busse, nur für Trams. Und sie trete ab sofort in Kraft, so Ebert. Dafür erntete er während der Sitzung Applaus.

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