Sie stellte in Nordhessen ihren neuen Roman vor

Mafia-Expertin Petra Reski: "Auch in Kassel gibt es Clans"

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Autorin und Buchhändler: Petra Reski stellte gestern Abend in der Markthalle ihren neuen Mafia-Roman „Bei aller Liebe“ vor. Lothar Röse hatte die Lesung unter dem Motto „Essen, Wein und Mafia“ organisiert.

Kassel. Mafia-Expertin Petra Reski stellte in Kassel ihren neuen Roman vor. Darin geht es um ein neues Geschäftsfeld der Mafia, die mittlerweile ihr Geld auch mit der Flüchtlingsindustrie verdient.

„Donna Leon hat meiner Protagonistin Serena Vitale das Leben gerettet. Eigentlich wollte ich sie am Ende des ersten Romans umbringen“, erzählt Petra Reski am Freitagnachmittag bei einem Kaffee in der Buchhandlung Vietor. Zum Glück hat sich die erfolgreiche amerikanische Schriftstellerin, die wie Petra Reski in Venedig lebt, durchgesetzt.

Sonst hätte Petra Reski wohl am Freitagabend nicht ihren dritten Roman „Bei aller Liebe“ (Hoffmann und Campe) bei einer Lesung in Kassel vorstellen können. Darin kämpft Staatsanwältin Serena Vitale in Palermo wieder gegen die Mafia. In dem Roman geht es um ein neues Geschäftsfeld der Mafia, die mittlerweile ihr Geld auch mit der Flüchtlingsindustrie verdiene, sagt Reski.

Für diesen Roman habe sie zunächst so recherchiert, wie sie es früher als Journalistin für ihre Sachbücher über die Mafia gemacht habe. Die Umsetzung sei anschließend aber eine andere. Beim Romanschreiben sei man viel freier und es mache auch mehr Spaß, sagt die Autorin. Zudem werde man nicht so schnell verklagt.

Reski wurde schon bei Lesungen und in Gerichtssälen bedroht. Zudem haben italienische Gastronomen und Hoteliers sie verklagt. „Die versuchen, mich durch Klagen einzuschüchtern.“ Um so bitterer sei es gewesen, dass Verleger Jakob Augstein sie in einem Rechtsstreit habe fallen lassen. „An mir soll ein Exempel statuiert werden“, sagt die charismatische Autorin, die sich kämpferisch gibt. Deshalb klage sie jetzt auch gegen Augstein.

Um dem Ärger mit der Justiz zu umgehen, habe sie auch den Rat von Donna Leon angenommen, Romane über die Mafia zu schreiben. Ihr erster Mafia-Roman erschien 2014.

Petra Reski, die mit einem Venezianer verheiratet ist, ist die wohl bekannteste Mafia-Expertin in Deutschland. Vor über 40 Jahren habe alles mit der Gastronomie angefangen, mittlerweile verdiene die Mafia ihr Geld mit Immobilienhandel, der Bauindustrie, Drogenhandel, Giftmüll und Geldwäsche. Auch in Kassel gebe es mehrere Clans der calabrischen Mafia, sagt Reski. Das könne man auch in den Berichten des Bundeskriminalamtes nachlesen.

„Die Mafia ist nie ein Fremdkörper in der Gesellschaft gewesen. Die haben deutsche Anwälte und deutsche Frauen. Die sind bestens integriert. Viele Deutsche sind auch daran interessiert, dass es so bleibt“, sagt die Expertin.

In Venedig lebt die Autorin mit ihrem Mann direkt am Markusplatz. „Wenn wir die Tür aufmachen, dann fallen die Touristen in unsere Wohnung. Leider hat sich das alles zu einer Art Disney-Welt entwickelt.“ Von den 33 Millionen Touristen, die im Jahr nach Venedig kommen, seien 90 Prozent Tagestouristen. „Die kaufen nichts, essen nichts und trinken nichts. Die hinterlassen nur Müll.“

Nichtsdestotrotz ist Venedig nach wie vor Petra Reskis Lieblingsstsadt in Italien. Vor Palermo und Neapel.

Anmerkung: Buchhändler Lothar Röse, der die Lesung mit Petra Reski organisiert hat, hatte im Vorfeld bei mehreren italienischen Restaurants in Kassel nachgefragt, ob dort die Veranstaltung stattfinden könne. Es gab lauter Absagen. Nur das Restaurant Busuito in der Kasseler Markthalle erklärte sich bereit, dass dort die Lesung stattfinden kann.

Zur Person: Petra Reski

Petra Reski (58) wurde im Ruhrgebiet geboren und lebt in Venedig. Seit 1989 schreibt sie über Italien – für Die Zeit, Geo, Merian, Focus und Brigitte – und immer wieder über das Phänomen Mafia. Sie drehte einen Film über Mafiafrauen und wurde für ihre Reportagen und Bücher mehrfach ausgezeichnet, in Deutschland zuletzt mit dem Journalistinnenpreis und als "Reporterin des Jahres". In Italien erhielt sie für ihr Antimafia-Engagement den Premio Civitas und den Amalfi Coast Media Award.

Hintergrund: Klage gegen Jakob Augstein

Kürzlich sorgte die Unterlassungsklage eines Gastronomen, den Reski in einem Artikel in der Wochenzeitung „Der Freitag“ über die Mafia in Ostdeutschland namentlich erwähnt hatte, für Aufmerksamkeit. „Der Freitag“ weigerte sich, die Anwaltskosten für Reski zu übernehmen und Verleger Jakob Augstein warf Reski mangelhafte Recherche vor und bezichtigte sie, "Fake News" zu verbreiten. Wegen dieser öffentlichen Diffamierung ihrer Arbeit verklagte Petra Reski Jakob Augstein auf Unterlassung. Am 29. September wird es zur Verhandlung kommen.

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