Fluchtgefahr besteht

Magier muss in Haft: Dreieinhalb Jahre Gefängnis für 66-jährigen Kasseler

Verhaftet noch im Gerichtssaal: Der selbst ernannte Magier (rechts) muss wegen Wuchers in 28 Fällen für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Links sein Verteidiger Markus Sittig. Zeichnung: Christine Reinckens

Kassel. Da hatten den Magier und Hellseher seine übersinnlichen Kräfte spontan verlassen: Überrascht ließ sich der 66-jährige Kasseler am Mittwoch noch in der Anklagebank verhaften und direkt in den Knast bringen.

Amtsrichter Klaus Döll hatte ihn zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. „Sie haben eine Millionärin zum Sozialfall gemacht, und als kein Geld mehr da war, waren Sie nicht mehr für sie zu sprechen. Sie haben die kranke Frau ausgenommen wie eine Weihnachtsgans“, donnerte der Richter in seiner Urteilsbegründung.

Aufgrund der Vermutung, dass der gebürtige Ungar ein Gutteil der 680 000 Euro Honorar für seinen „Humbug“ im Ausland gebunkert hat, erkannte Richter Döll auf Fluchtgefahr. Zudem habe der zwölffach wegen Körperverletzung, Schwarzfahrens, Betrugs und Bedrohung verurteilte Angeklagte keinerlei Reue gezeigt und seit der Verurteilung in zwei Zivilverfahren keinen Euro an sein Opfer zurückgezahlt.

Dem „hervorragenden Plädoyer“ von Staatsanwalt Thöne stimmte der Richter „Wort für Wort“ zu. Der hatte dem Angeklagten skrupellose Abzocke attestiert. In unzähligen Sitzungen zwischen 2000 und 2009 habe er für Kartenlegen, Kerzenanzünden, Duft- und Schutzkreise und rituelle „Gräberverschließungen“ 680 000 Euro in bar von der psychisch erkrankten Erbin eines Kasseler Stahlhandels kassiert. Die heute 56-Jährige hatte vier Verwandte durch tragische Unglücke verloren, litt unter Panikattacken und Depressionen. Als die Frau nicht mehr zahlen konnte, habe der Angeklagte den nahen Tod der an Diabetes leidenden Tochter und - „besonders perfide“ - des völlig gesunden Sohnes vorhergesagt.

Als das Bargeld aufgebraucht war, habe der „Magier“ die Familie dazu gebracht, ihre vier Häuser zu verkaufen, drei davon unter Wert an den Zahnarzt des Angeklagten. Gegen den Zahnarzt werde auch ermittelt, sagte Thöne. Als die Dienste des Magiers keine Wirkung zeigten, habe dieser einen „Kollegen“ aus Indien beigebracht, der nochmals 100 000 Euro kassierte. Thöne: „Die Leistungen des Angeklagten waren nichts wert und erfüllen den Tatbestand des Wuchers.“ Drei Jahre und neun Monate hielt er für angemessen.

Verteidiger Markus Sittig hingegen hatte Freispruch gefordert. Die Geschädigte könne wegen ihrer psychischen Erkrankung Erlebtes nicht von Nichterlebtem unterscheiden. Außerdem könnten lediglich die Barabhebungen von den Konten der Frau belegt werden, nicht aber die Zahlungen an den Angeklagten. Sein Mandant habe eine Art Lebensberatung betrieben. Sittig verwies darauf, dass die katholische Kirche für Exorzismus Geld kassiere. Auch der werde dafür kein Wucher vorgeworfen.

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