"Wann kommst Du wieder?“

Marita Gill leitete über 40 Jahre die Kita St. Bonifatius

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Umringt von "ihren Kindern": Marita Gill hat über 40 Jahre die Kita St. Bonifatius geleitet. Gabriela Klosek-Hartmann folgt ihr nach. 

Wer nach über vier Jahrzehnten als Erzieherin in den Ruhestand geht, der kann so manche Anekdote erzählen.

Marita Gill, die seit 1978 die Leitung der Katholischen Kindertagesstätte St. Bonifatius innehatte, erinnert sich besonders gerne an jene: „Was hast Du da im Gesicht?“, fragte einst ein Mädchen im Stuhlkreis. Falten, erklärte die Kita-Leiterin. „Dann bist Du alt“, befand das Mädchen, wurde aber sogleich von einem Jungen korrigiert: „Nein, alte Frauen haben doch Locken!“

An der Frisur mag es wohl nicht liegen, dass sich Marita Gill noch gar nicht so alt fühlt, sondern an den Kindern. „Sie haben mich jung gehalten“, resümiert sie. Und doch: Nach 44 Jahren in ein und derselben Wirkungsstätte an der Ihringshäuser Straße, mit 65 Jahren und acht Monaten, ist nun Schluss. „Das fühlt sich schlimm an“, gesteht Gill. 

Sie habe schon mit neun Jahren gewusst, dass sie mal mit Kindern arbeiten will, sagt die gebürtige Harleshäuserin, die mit drei Geschwistern aufwuchs. 1975 hatte sie ihre Ausbildung in St. Bonifatius begonnen, drei Jahre später die Leitung übernommen.

Zuletzt eher eine Managerin

„Früher war ich nur für die Kinder zuständig, zuletzt war ich eher eine Managerin“, sagt Marita Gill. Gleichwohl sei die enge Beziehung zu den Kindern geblieben. Etwa durch den Sprachkurs, den sie jeden Morgen anbot. 87 Prozent der Jungen und Mädchen, die die Einrichtung im Wesertor besuchen, haben einen Migrationshintergrund.

Die insgesamt 98 Kinder kommen aus über 30 verschiedenen Nationen und gehören folglich verschiedenen Religionen an. Die katholische Kita verfährt nach dem Bibel-Zitat: „Lasset die Kinder zu mir kommen“, erläutert Marita Gill. Sie hat erlebt, dass muslimische Eltern den christlichen Glauben anerkennen und Parallelen suchen.

„Wir wollen kein Kind zum katholischen Glauben erziehen, aber die Kinder sollen ihn kennen lernen“, sagt sie. Ihr gehe es um Partizipation. „Und wenn ich Partizipation leben will, muss ich zeigen, wie meine Kultur ist.“ Weder würden St. Martin umfirmiert oder Adventsfeiern abgeschafft noch Schweinefleisch verbannt. Aber man achte die Kultur der anderen. 

Arbeit mit Kindern hat sich verändert

Ein Projekt, in dem die Eltern in kleinen Vorträgen, mit Bildern und Gerichten ihre Heimat vorstellen, komme sehr gut an. Auch Kinder, die ohne deutsche Sprachkenntnisse aufgenommen wurden, verlassen St. Bonifatius mit guten Kenntnissen, freut sich Gill. Wenn dann deren Kindern Jahrzehnte später wiederkämen, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, dann enttäusche sie das schon.

Überhaupt habe sich in über vierzig Jahren viel gewandelt. Nicht nur räumlich – dreimal wurde die Einrichtung umgebaut –, sondern in der Arbeit mit den Kindern. Sie beobachte feinmotorische Defizite etwa beim Umgang mit Stift und Schere, vor allem aber eine viel größere Ich-Bezogenheit. Kindern falle es zunehmend schwer, sich einzugliedern und sich an Regeln zu halten.

Seit dieser Woche ist Marita Gill nun im Ruhestand, sie freut sich auf Städtereisen und Radtouren mit ihrem Mann. Die Kinder wird die Vellmarerin vermissen. Nebenan im Gemeindebüro wird sie allerdings noch einen Schreibtisch beziehen, um ihre Arbeit als Qualitätsbeauftragte zu beenden. Gewiss werden ihr noch Kinder über den Weg laufen. Sie fragten schon zum Abschied: „Wann kommst Du denn wieder?“

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