Pfarrer Dr. Willi Temme: „Man spürt die Spiritualität."

Martinskirche feiert Jubiläum: 650 Jahre alt und schöner denn je

Zwillingstürme prägen die Silhouette der Stadt: Seit 1960 präsentiert sich die Martinskirche mit ihren beiden markanten Türmen. Im Krieg war die Kirche stark zerstört worden. Foto: Koch

Kassel. Die Kasseler Martinskirche feiert am kommenden Wochenende Jubiläum. Sie wurde vor 650 Jahren erstmals geweiht. 

 Sie ist 650 Jahre alt und steht doch in der Blüte ihrer Schönheit: Die Kasseler Martinskirche erstahlt in ihrem Jubiläumsjahr heller denn je. Das größte Kasseler Gotteshaus ist in den vergangenen drei Jahren im Innern umfangreich renoviert worden – und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Begeistert vom Ergebnis der Sanierung des Kirchenraums ist auch Dr. Willi Temme. Derzeit wird die neue Orgel eingebaut. Hinten rechts im Bild sieht man das Philipps-Epitaph. 

Bei so schönem Sonnenschein wie in diesen Tagen kommt die lichte Eleganz des großen Kirchenraums besonders gut zur Geltung. Selbst wer kein Kirchenfan ist, wird sich der besonderen Atmosphäre des Raums nicht entziehen können. „Man spürt die Spiritualität“, formuliert es Pfarrer Dr. Willi Temme und lässt seinen Blick über das geschwungene Deckengewölbe schweifen.

Mit der neuen Orgel, die mit ihren silberglänzenden Pfeifen auf der ganzen Breite der Empore bereits Gestalt angenommen hat, hat die evangelische Kirche im Jubiläumsjahr ein weiteres, einzigartiges Geschenk in Aussicht. Das neue, über 2,2 Mio. Euro teure Instrument wird allerdings erst zu Pfingsten eingeweiht.

Selbst Bach war zu Gast

Mit der Orgel will die Martinskirche – die seit Jahrhunderten als kirchenmusikalisches Zentrum in der Region und darüber hinaus ein hohes Ansehen genießt – auch in Zukunft musikalische Maßstäbe setzen. Selbst Johann Sebastian Bach hat in dem Gotteshaus in der Kasseler Innenstadt schon musiziert: Er war 1732 aus Leipzig angereist, um die frisch renovierte damalige Scherer-Orgel zu begutachten.

Die Geschichte der Martinskirche reicht bis ins Mittelalter zurück: Wann genau mit dem Bau begonnen wurde, ist nicht überliefert. Fest steht, dass die Kirche 1367 erstmals geweiht wurde – vermutlich war damals lediglich der Chorraum fertig. Erst 100 Jahre später, 1462, war sie vollendet. Kaum jemand weiß heute noch, dass die Kirche gleich drei Patrone hatte: Sie wurde nicht nur St. Martin, sondern auch der Jungfrau Maria und der Heiligen Elisabeth geweiht.

Für Kassel, das damals kaum mehr als 2000 Einwohner hatte, war das neue Gotteshaus eigentlich überdimensioniert. Die Größe und die Erhebung zur damals noch römisch-katholischen Stiftskirche sollten auch den Machtanspruch der aufstrebenden Landgrafschaft Hessen unterstreichen.

Mit der Einführung der Reformation in Hessen im Jahr 1526 wurde auch die Martinskirche evangelisch. Der damalige Landgraf Philipp der Großmütige liegt (wie viele seiner Nachfolger) bis heute in der Gruft der Martinskirche begraben – an ihn erinnert auch das große Philipps-Epitaph im Kirchenschiff.

Der schmerzlichste Einschnitt in der 650-jährigen Kirchengeschichte stellt die Bombennnacht 1943 dar, in der die Kirche stark beschädigt wurde. Das Herabstürzen der großen Osannaglocke aus dem Turm übertönte damals sogar den Bombenhagel. Die kaputte Glocke steht als Mahnmal in der Kirche. Nach dem Wiederaufbau prägen seit nunmehr 57 Jahren die Doppeltürme mit ihren türkis schimmernden Kupferspitzen das Stadtbild.

So repräsentativ die imposante Martinskirche in ihrem neuen Glanz auch ist: „Sie ist und bleibt eine Kirche für alle Menschen“, betont Pfarrer Temme. Als Citykirche inmitten sozialer Brennpunkte verstehe man sich auch als Anlaufstelle für die Armen und Schwachen der Gesellschaft – ganz in der Tradition St. Martins.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.