Im Rathaus liegen mehrere Varianten für Sicherheitstechnik vor

Stadt Kassel prüft stationäre Poller gegen Terror

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Können in Teilbereichen eine Lösung sein: Poller wie hier in Homberg.

Kassel. Nach Anschlägen durch Terroristen und psychisch Kranke wird auch im Kasseler Rathaus überlegt, wie die Sicherheit in der Innenstadt gesteigert werden kann.

Derzeit wird geprüft, ob im Bereich der Oberen Königsstraße stationäre Poller, die versenkbar sind, eingebaut werden, teilt Ordnungsdezernent Dirk Stochla (SPD) mit. Einer Arbeitsgruppe „Sichere Stadt“, der Mitarbeiter des Ordnungsamtes und der Polizei angehören, würden bereits erste Varianten für die Königsstraße vorliegen. Im Unterschied zu temporären Betonklötzen, die es bereits anlässlich des Weihnachtsmarktes gibt, sollen die stationären Poller immer eingesetzt werden können. 

Allerdings müssten im Vorfeld viele Fragen geklärt werden. Welche Sicherheitstechnik macht wo Sinn, was ist technisch möglich? Natürlich müsse auch gewährleistet werden, dass der Zuliefererverkehr und Rettungsdienste weiterhin problemlos in die Innenstadt gelangen. 

Im Marktsegment Sicherheitstechnik sei derzeit „Bewegung ohne Ende“, sagt Stochla. Jede Kommune mache sich schließlich Gedanken darüber, wie sie die Bevölkerung schützen könne. Von daher sei es möglich, dass man sich jetzt für ein System entscheide und es in einem halben Jahr eine Technik gebe, die besser und günstiger sei. Sollte man zu dem Ergebnis kommen, dass stationäre Poller für Kassel Sinn machen, eventuell auch in Kombination mit temporären Lösungen, sei es realistisch, dass diese im Jahr 2019 eingebaut würden. Die Bauarbeiten auf der Oberen Königsstraße sollen dazu genutzt werden. 

Der Ordnungsdezernent macht gleichwohl deutlich, dass auch stationäre Poller keine hundertprozentige Sicherheit bedeuten. „Wir haben keine Stadtmauer und Zugbrücken mehr. Dafür leben wir in einer freien Gesellschaft.“

Fragen und Antworten zum Schutz vor Anschlägen

Seit den brutalen Terroranschlägen mit Lkw in Nizza und Berlin sowie der Amokfahrt eines offenbar psychisch Kranken in Münster wird landauf, landab über die Frage diskutiert, wie man Fußgängerzonen und öffentliche Bereiche wirksam vor solchen Überfällen schützen kann. Eine generelle Antwort darauf gibt es nicht – und erst recht kein Patentrezept.

Wie können sich Städte wirksam gegen Anschläge mit Transportern und Lkw schützen?

Jede Fußgängerzone, jeder Platz, jede befahrene Kneipenmeile ist anders und braucht ein individuelles Sicherheitskonzept.

Können einfache Betonquader helfen?

Gegen Transporter teilweise, gegen schwere Lkw nicht. Dekra-Versuche haben ergeben, dass 20-Tonner und erst recht 40-Tonner bei entsprechender Geschwindigkeit die Klötze mühelos beiseite räumen. Und nicht nur das: Im spitzen Winkel angefahren werden die Quader sogar zu gefährlichen, tonnenschweren Geschossen.

Und was ist mit versenkbaren, tief und fest verankerten Hochsicherheitspollern?

Die sind schon wirksamer, vor allem in Verbindung mit sogenannten Reifenkillern. Allerdings mangelt es hier noch an ausreichenden Erfahrungen und Herstellern. Die Zertifizierungsstelle für derartige Hindernisse befindet sich übrigens in Münster. Die Stadt hat erst nach dem Anschlag von dieser Stelle erfahren.

Was kosten diese Hochleistungspoller?

Ab 20.000 Euro aufwärts plus noch mal so viel für den Einbau plus jährlich 6000 Euro für die Wartung. Da ist eine Mio. Euro schnell weg.

Wer erarbeitet individuelle Sicherheitskonzept?

Auf diesem Gebiet gibt es hierzulande noch wenig Experten. Einer von ihnen ist Professor Norbert Gebbeken von der Bundeswehr-Uni in München. Er hat Sicherheitskonzepte für zahlreiche Flughäfen, Bürotürme, Bahnhöfe Regierungsgebäude und Botschaften in aller Welt erarbeitet. Zurzeit forscht sein Institut daran, wie die Natur zum Terrorschützer werden kann, etwa Thuja-Hecken, die wie über Kettengerüste laufendes Wasser viel Explosionsenergie aufnehmen. Und spezielle Grünflächen, in denen schwere Fahrzeuge sofort versinken.

Was gibt es sonst noch an innovativen Ideen?

Stadtmobiliar wie Haltestellen, Werbetafeln, Bänke Papierkörbe, Blumenkübel und Fahrradständer können – für den Laien nicht erkennbar – so konstruiert, gehärtet und verankert werden, dass sie wirksamen Schutz auch vor schweren Fahrzeugen bieten.

Wer hat politisch den Hut auf? Wer ist zuständig?

Das ist in der Tat ein Problem. Bund und Länder schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu, und viele Kommunen wurschteln allein vor sich hin. Jeder macht, was er für richtig hält.

Immerhin: In Hessen gibt es ein Siegel des Innenministeriums, das bei der Erarbeitung individueller Sicherheitskonzepte hilft.

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