Eingeschränkte Schuldfähigkeit nicht auszuschließen

Mordprozess Ihringshäuser Straße: Wut des 69-Jährigen war außer Kontrolle

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Sachverständiger schließt eingeschränkte Schuldfähigkeit des Angeklagten nicht aus: Ein 69-Jähriger muss sich wegen des Verdachts des Mordes an seinen Nachbarn vor dem Kasseler Landgericht verantworten. Hinter ihm sitzt sein Verteidiger Marcus Mauermann.

Kassel. Es ist nicht auszuschließen, dass der 69-jährige Mann, der im März vergangenen Jahres seinen Nachbarn nach einem Streit um die Nebenkostenabrechnung erschossen haben soll, während der Tat nur eingeschränkt schuldfähig gewesen ist.

Zu diesem Ergebnis ist der sachverständige Psychiater Dr. Georg Stolpmann in seinem Gutachten gekommen, das er am Dienstag vor der sechsten Strafkammer des Landgerichts vortrug.

Deutliches Missverhältnis

Aus psychiatrischer Sicht könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten bei der Tat erheblich beeinträchtigt gewesen ist, sagte Stolpmann. Er machte gleichzeitig deutlich, dass der Anlass der Tat, also der Streit um die Nebenkosten, und die Reaktion, die Schüsse auf den Nachbarn Thomas F. und dessen Frau Johanna, in einem sehr deutlichen Missverhältnis stünden.

Allerdings passe der Ablauf der Geschehnisse in dem Mehrfamilienhaus an der Ihringshäuser Straße zu der Persönlichkeitsstruktur der Angeklagten, sagte der Sachverständige.

Der Mann habe aufgrund seiner dominanten und aggressiven Mutter, die ihn in der Kindheit geschlagen habe, kein Selbstwertgefühl entwickeln können.

Bevor es am 1. März 2017 zu den Schüssen auf die Nachbarn kam, seien Dinge passiert, die das Selbstwertgefühl des Angeklagten negativ beeinträchtigt hätten.

Der Mann habe sich mit einer anderen Nachbarin im Flur über die Nebenkosten unterhalten, als das Ehepaar F. an dem Nachmittag in das Haus gekommen sei und sich dominant in das Gespräch eingemischt habe. Johanna F. habe gar nach der Nebenkostenrechnung gegriffen. Daraufhin habe der Angeklagte dem Ehepaar zu verstehen gegeben, dass es für die hohe Nachzahlung wegen seines Heizverhaltens selbst verantwortlich sei.

Diese Bemerkung habe zu einer hasserfüllten Reaktion bei Thomas F. geführt, der auf den Angeklagten losging. In der Folge soll der 47-jährige Thomas F. auf seinem Nachbarn gesessen und diesen auch ins Gesicht geschlagen haben.

Der Angeklagte, der seit seinem Renteneintritt ohnehin das Gefühl hatte, „zum alten Eisen“ zu gehören und unter seiner nachlassenden körperlichen Fitness litt, habe in diesem Moment ein Gefühl der Unterlegenheit verspürt. „Er fühlte sich einem Menschen unterlegen, den er sonst als nicht gleichwertig angesehen hat“, so der Gutachter. Dies habe für ihn eine schwere narzisstische Kränkung bedeutet.

Kein Filmriss

Die daraus entstehenden Affekte, die Wut und den Zorn auf Thomas F, habe er wohl nicht mehr ausreichend kontrollieren können. Dabei habe auch die Alkoholisierung des Angeklagten eine Rolle gespielt. Laut Gutachten soll der 69-Jährige allerdings nicht mehr als 1,05 Promille Alkohol im Blut gehabt haben.

Diese Menge habe aber nicht dafür ausgereicht, um bei dem Angeklagten einen Filmriss herbeizuführen, so der Gutachter. Der 69-Jährige hatte ausgesagt, sich an die eigentliche Tat, die Schüsse auf die Nachbarn, nicht mehr erinnern zu können. Der Sachverständige erklärt sich die Amnesie des Angeklagten als Schutzmechanismus. Er vermeide die Auseinandersetzung mit dem Tatgeschehen, weil er dabei gegen seine eigenen Normen und Regeln verstoßen habe.

Der Prozess wird am 23. Januar mit den Plädoyers fortgesetzt.

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