Vereinsvorsitzender Fatih Erden im HNA-Interview

Muslimische Kita in Kassel: „Sie wird allen offen stehen"

Kassel. Eine Initiative muslimischer Eltern will in Kassel die erste muslimische Kita eröffnen. Wenn Räume gefunden sind und die Betriebserlaubnis vorliegt, soll es 2019 losgehen. Wir sprachen mit Fatih Erden, dem Vorsitzenden des Vereins.

Ihre Elterninitiative will eine muslimische Kita gründen. Was fehlt Ihnen bei den bestehenden Kindergärten?

Fatih Erden: Die Kindergärten in Kassel sind gut, das Angebot ist groß. Die Träger und Erzieherinnen und Erzieher leisten hervorragende Arbeit. Allerdings können dort nicht alle Bedürfnisse, die muslimische Familien haben, erfüllt werden. Genau deswegen haben wir uns als Elterninitiative organisiert und wollen mit unserer Einrichtung diesen Bedarf decken und damit die Kasseler Kita-Landschaft erweitern.

Welche Bedürfnisse werden bisher nicht gedeckt?

Erden: Probleme gibt es oft beim Thema Halal-Ernährung, also der Auswahl und Zubereitung von Lebensmitteln nach islamischen Vorschriften. Das fängt bei Gummibärchen an, die oft aus Schweinegelatine hergestellt werden. Ein anderer Punkt sind die islamischen Feiertage, wie etwa das Zuckerfest. Wir wollen diese Feiertage auch für unsere Kinder erlebbar machen. Hinzu kommen kleine Bittgebete vor und nach dem Essen, die bei uns üblich sind.

Also geht es Ihnen um religiöse Inhalte?

Erden: Ja, auch. Diese machen aber vielleicht fünf Prozent von unserer Konzeption aus. Der Umfang der religiösen Inhalte wird nicht größer sein als beispielsweise in einer evangelischen oder katholischen Kita. Ansonsten wird es eine ganz normale Kita sein, wie jede andere auch, in der die pädagogischen Inhalte klar überwiegen. Unser Qualitätsanspruch zeigt sich auch dadurch, dass wir uns am hessischen Bildungs- und Erziehungsplan orientieren werden.

Wer steht hinter Ihrem Vorhaben?

Erden: Wir sind ein Zusammenschluss von 13 Eltern aus Kassel, die aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten kommen: Unter uns befinden sich Ärzte, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, ein Pilot, Diplom-Betriebswirte, Sachbearbeiter und ein Busfahrer – die meisten sind Deutsche und alle legen großen Wert auf Bildung. Seit 2015 verfolgen wir die Kita-Eröffnung und haben dazu einen Verein gegründet. Wir sind eine reine Elterninitiative und gehören keinem Moschee- oder Islamverband an, das ist das Besondere. In unseren Entscheidungen sind wir frei.

Senkt eine muslimische Kita nicht die Integrationschancen?

Erden: Der Islam ist nicht das Problem bei der Integration. Ich bin hier aufgewachsen, gehe einem anspruchsvollen Beruf nach, habe viele „urdeutsche“ Freunde und lebe trotzdem meine Religion. Entscheidend sind die Bereitschaft jedes Einzelnen, sich in die Gesellschaft einzubringen und die Möglichkeiten, die er dazu hat. Dazu gehört, die deutsche Sprache – ohne Wenn und Aber – zu beherrschen und die Chancen, die man in unserer Heimat Deutschland hat, wahrzunehmen. Sei es in der Bildung, aber auch im Beruf.

Wie wollen Sie in der Kita dazu Möglichkeiten bieten?

Erden: Unsere Kita wird Kindern aus allen Konfessionen offen stehen. Das muss sie nach den gesetzlichen Vorschriften, wir wünschen uns diese Mischung aber auch ausdrücklich.

Für unsere Erzieherinnen und Erzieher gilt, dass sie perfekt Deutsch sprechen müssen. Denn in der Kita wird kein Türkisch oder Arabisch gesprochen. Bei der Auswahl des Personals setzen wir allein auf pädagogische Qualität und nicht auf Gesinnung. Ob beispielsweise Erzieherinnen Kopftuch tragen oder nicht, bleibt ihnen überlassen.

Dennoch ist zu erwarten, dass die muslimischen Kinder in der Kita weitestgehend unter ihresgleichen bleiben. Ist dies nicht einer Integration abträglich?

Erden: Nein, das sehe ich nicht so. Ich kann eine muslimische Kita besuchen und trotzdem in den örtlichen Fußballverein gehen. Integration heißt nicht, seine religiöse Zugehörigkeit zu verleugnen. Zudem verstehen wir uns als Dialog-Kita. Das heißt, wir suchen den engen Austausch mit den anderen Kitas, um sie insbesondere beim Umgang mit muslimischen Kindern, aber auch Kindern aus Flüchtlingsfamilien mit muslimischem Hintergrund zu unterstützen.

Wir können den Kitas Hilfestellung geben, da wir kulturelle Hintergründe einschätzen können. Darüber hinaus wollen wir mit dem Dachverband der freien Kindertageseinrichtungen (DAKITS) zusammenarbeiten. Über DAKITS erreichen wir die Zusammenarbeit mit den Kita-Trägern und werden die Fachberatung in Anspruch nehmen.

Wie gehen Sie mit der Kritik an Ihrem Vorhaben um?

Erden: Als Muslim bin ich es gewöhnt, unter Generalverdacht gestellt zu werden. Bezogen auf unsere Kita erwarte ich nicht, dass jeder diese Einrichtung mag. Ich erwarte aber, dass eine muslimische Kita akzeptiert wird. Alle Kindergärten, egal ob städtisch, frei oder kirchlich, sind zu tolerieren, solange sie den rechtlichen Rahmen einhalten. Wer diese Vielfalt nicht befürwortet, der sollte sie zumindest aushalten.

Wie groß wird die Kita?

Erden: Wir planen einen Kindergarten mit zwei Gruppen à 25 Plätzen. Eine U3-Gruppe wird es nicht geben. Die Betreuung soll ganztags, das heißt, von 8 bis 16 Uhr stattfinden.

Wann wollen Sie eröffnen?

Erden: 2019 ist unser Ziel. Noch sind wir in Absprache mit der Stadt Kassel auf der Suche nach geeigneten Räumen. Anschließend stellen wir den Antrag auf Betriebserlaubnis, die in Form eines Verwaltungsaktes beschieden wird. Das Ganze läuft über das Jugendamt. Um ein weiteres Vorurteil zu entkräften: Eine Kita können Sie nicht in irgendeinem Hinterhof gründen und anschließend vor der Öffentlichkeit abschotten.

Zur Person

Fatih Erden (37) ist Vorsitzender des muslimischen Fördervereins für Erziehung, Bildung und Integration (Mebi), der die Kita betreiben wird. Erden wurde in Kassel geboren. Er lebt mit seiner deutsch-australischen Frau in Kassel und hat drei Kinder. (bal)

Rubriklistenbild: © dpa

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