Mini-Herz-Lungen-Maschine 

Nach Herzversagen am Arbeitsplatz: Dieses Gerät rettete einen jungen Azubi

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Mobile Hilfe für schwerkranke Patienten: Die Klinikdirektoren Ralf Michael Muellenbach (links) und Ali Asghar Peivandi (rechts) präsentieren mit dem Leiter des DRK-Rettungsdienstes Stephan Moritz eine mobile Herz-Lungen-Maschine.

Kassel. Der junge Auszubildende in einer Tischlerei, der durch Herzversagen am Arbeitsplatz zusammengebrochen war, überlebte dank einer relativ jungen Einrichtung am Kasseler Klinikum.

Hier wurde ein überregionales Ecmo-Zentrum aufgebaut, das schwerst herz und/oder lungenkranke Patienten mit stationären und mobilen mechanischen Lebenserhaltungssystemen versorgen kann.

Ecmo ist die Abkürzung für Extrakorporale Membranoxygenierung und bezeichnet ein technisches Verfahren zur vorübergehenden Unterstützung für Herz und Lunge. Wenn zum Beispiel, wie bei dem jungen angehenden Tischer der Herzmuskel durch einen vermutlich verschleppeten Infekt entzündet ist, bei einer schweren Lungenentzündung oder Lungenembolie, aber auch nach Unterkühlungen Vergiftungen oder Unfällen können die ECMO-Geräte bei Lungen- und Herzversagen Leben retten.

Organe entlasten

Ziel sei es, die Organe zu entlasten, um ihnen Zeit zu geben, sich zu erholen, erläutert Prof. Dr. Ralf M. Muellenbach, Direktor der Klinik für Anästhesie, Intensiv- und Schmerztherapie. Der junge Mann, der sonst nach der Wiederbelebung durch Kollgen und Rettungsassistenten nicht überlebt hätte, „hat sich komplett erholt“, schildert Privatdozent Dr. Ali Asghar Peivandi, Direktor der Klinik für Herzchirurgie. In manchen Fällen gehe es aber auch darum, die Zeit bis zu einer Operation oder Organtransplantation zu überbrücken. Auf Peivandis Initiative hatte das Klinikum 2011 die erste tragbare Mini-Herz-Lungen-Maschine angeschafft. Inzwischen verfügt das Kasseler Ecmo-Zentrum über vier stationäre Geräte und eine mobile Einheit. Weitere sollen folgen.

Und mit Muellenbach, der seit Oktober in Kassel tätig ist und das Ecmo-Zentrum am Uniklinikum Würzburg leitete, ist das Kasseler Ecmo-Team um einen weiteren Experten verstärkt worden. Ecmo sei ein sehr invasives und technisch aufwändiges Verfahren, für dessen Einsatz ein speziell geschultes und erfahrenes Team aus Ärzten, Pflegekräften und Kardiotechnikern benötigt werde.

Der Bedarf sei da: Während 2015 im Klinikumn 45 Patienten mit dem Ecmo-Verfahren behandelt worden seien, waren es im vergangenen Jahr bereits 75. Im Schnitt waren die Patienten 55 bis 60 Jahre alt.

Rund ein Drittel von ihnen war mit Hilfe eines mobilen Gerätes in Zusammenarbeit mit dem DRK-Rettungsdienst aus anderen Kliniken verlegt worden. „Diese Patienten hätten normalerweise nicht verlegt werden können“, sagt Stephan Moritz, Leiter des Rettungsdienstes Kassel beim Deutschen Roten Kreuz. „Sie wären in kleineren Krankenhäusern vermutlich gestorben, weil man sie dort nicht adäquat behandeln könnte.“ So biete die mobile Ecmo-Einheit für Patienten in der Region Nordhessen mit lebensbedrohlichem Herz- und Lungenversagen eine Brücke zur Therapie.

Hintergrund

Der Begriff Ecmo bezeichnet mobile Mini-Herz-Lungenmaschinen. Angewendet werden die Geräte bei Patienten mit schwerem Lungenversagen und/oder schwerem Herz-Kreislaufversagen, das mit Medikamenten oder anderen Maßnahmen nicht behandelbar ist. Das Gerät leitet mit Hilfe eines speziellen Kanülen- und Schlauchsystems das sauerstoffarme Blut des Patienten über eine Membran, reichert es mit Sauerstoff an, und führt es anschließend wieder in den Blutkreislauf zurück. Bis zu sieben Liter Blut schaffen die Geräte in der Minute. Das entspricht in etwa der maximalen Leistung eines funktionierenden menschlichen Herzens und kann einem weiteren Versagen weiterer lebenswichtiger Organe wie Niere oder Leber vorbeugen. Im Klinikum Kassel sind rund um die Uhr zwei Notfalltelefone besetzt, um bei lebensbedrohlichem Herz- und Lungenversagen Patienten auch kurzfristig ins Klinikum zu holen. In solchen Notfällen rücken ein Pkw mit dem mobilen Ecmo-Gerät, Experten des Ecmo-Teams und das Intensivmobil des DRK-Rettungsdienstes aus. Für diese Einsätze seien alle 14 Rettungsassistenten, die auf dem Intensivmobil eingesetzt werden, schult worden, so Stephan Moritz vom Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes.

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