Opfer leidet bis heute unter den Folgen der Tat

Nach Übergriff in Kasseler Therme: Vier Jahre Haft für Vergewaltiger

Urteil gefallen: Das Landgericht verurteilte einen 45-Jährigen zu vier Jahren Haft. Dieter Schachtschneider

Ein 45 Jahre alter Mann aus dem Raum Paderborn ist vom Landgericht Kassel zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte in der Kasseler Therme eine Frau vergewaltigt.

Als Richter Rinninsland das Urteil begründete, schüttelte der gerade Verurteilte immer wieder den Kopf. Einmal fiel er Rinninsland auch ins Wort. Der Richter erklärte gerade, warum er es für völlig lebensfremd hält, der Hauptbelastungszeugin in ihren Ausführungen nicht zu folgen. Er benutzte dabei auch einmal das Wort Bullshit, da brach es aus dem Mann auf der Anklagebank heraus. Er sprach von 50 Prozent Fehlurteilen und wiederholte das Wort des Richters: „Bullshit.“ Er konnte das Urteil nicht fassen.

Das Urteil gegen den 45-Jährigen aus dem Raum Paderborn: Vier Jahre Haft, weil es das Landgericht Kassel als erwiesen angesehen hat, dass der Angeklagte eine Frau in der Kasseler Therme vergewaltigt hat, nachdem er sie mit dem Schnüffelstoff Poppers benommen gemacht hatte. Zudem muss der Mann 5000 Euro Schmerzensgeld an die Frau zahlen.

Keine Zweifel an Zeugenaussage

Wie sehr sie unter der Tat vom April des vergangenen Jahres noch immer leidet, wurde während der Verhandlung deutlich. Die 31-Jährige konnte nur in Abwesenheit des Angeklagten aussagen; es fiel ihr sichtlich schwer, über das Geschehene zu reden. Sie berichtete, dass sie drei Wochen nur im Bett habe liegen können, dass sie nicht mehr in Schwimmbäder gehen könne und dass sie noch immer extreme Angst vor Wassermassen habe. Ihre Therapeutin sagte aus, die Frau sei bis heute nicht in der Lage, mit ihr über die Tat zu sprechen.

So rückte der Richter am Ende seiner Ausführungen auch den Zustand der Frau in den Mittelpunkt der Betrachtung: „Die Tat hat dazu geführt, dass ihr Leben 15 Monate wenig lebenswert war.“

Warum also sollte die Frau die Unwahrheit erzählen? „Die Zeugin ist nicht in der Lage zu schauspielern“, erklärte Richter Rinninsland. Außerdem: „Sie hätte über ein Jahr schauspielern müssen.“ Und warum sollte sie mit einem Mann Sex haben, obwohl sie und andere Zeugen versichert hätten, sie sei lesbisch? Das Gericht hatte insofern keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Opfers.

Angeklagter stalkte seine Ex-Freundin

Anders sah es mit den Ausführungen des Angeklagten aus, was auch mit dessen Vergangenheit zusammenhängt. Zweimal wurde er bereits wegen exhibitionistischen Verhaltens verurteilt; eine dieser Taten hatte sich ebenfalls in der Therme ereignet. Zudem musste sich der 45-Jährige vor Gericht verantworten, weil er seine Ex-Freundin gestalkt hatte. Auch das führte dazu, dass das Landgericht der Version des Angeklagten nicht glaubte.

Er hatte davon gesprochen, dass er mit der Frau einvernehmlich Geschlechtsverkehr hatte – ohne den Einsatz von Poppers. Warum aber hatte er neben einer Tasche voller Sexspielzeug dann auch drei Fläschchen des Schnüffelstoffs bei sich? Und warum gab er während der Verhandlung an, noch nie Poppers benutzt zu haben, obwohl er gegenüber einer Polizeibeamtin während der Durchsuchung seiner Wohnung im April 2018 das Gegenteil behauptete?

Das Gericht hatte eine Antwort: Der Angeklagte setzte Poppers sehr wohl ein, um die Frau so benommen zu machen, dass sie sich nicht wehren konnte. Entsprechend fiel das Urteil aus, das der 45-Jährige kopfschüttelnd aufnahm.

Noch eine Stunde vorher hatte er über seinen Werdegang gesprochen, über seine Brüche, über seine Krankheiten, über seine depressiven Phasen, über seine Straftaten im Leben – und über sein Glück zuletzt. Erst kürzlich hatte er einen neuen Job als Motorradverkäufer angenommen, war dafür aus Westfalen in den Süden gezogen. Er sagte: „Bis gestern war ich so glücklich wie seit 15 Jahren nicht mehr.“ Jetzt muss er ins Gefängnis.

Das Gericht schloss sich mit dem Urteil der Forderung von Staatsanwaltschaft und Nebenklage an. Der Verteidiger des Angeklagten hatte in seinem Plädoyer hingegen bezweifelt, dass sein Mandant den Geschlechtsverkehr gegen den wahrnehmbaren Willen der Betroffenen ausgeführt hat. 

Gegen das Urteil kann innerhalb einer Woche noch Revision eingelegt werden.

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