Interview mit Jugendamtsleiterin Judith Osterbrink

Nachfrage nach U3-Betreuung: "In Kassel gab es bisher noch keine Klage"

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Der Platz wird eng: Wegen der steigenden Geburtenrate werden immer mehr Betreuungsplätze benötigt. Vor allem die Nachfrage nach U3-Plätzen steigt. Eltern müssen sich sehr früh darum bemühen.

Kassel. Kassels Jugendamtsleiterin Judith Osterbrink erklärt im HNA-Interview die aktuelle Situation bei U3- und Kita-Plätzen in der Stadt.

Das neue Kindergartenjahr hat begonnen. Mit der steigenden Geburtenzahl ist die Stadt Kassel gefordert, neue Plätze in den Kindergärten und Krippen zu schaffen. Vor allem die Nachfrage nach U3-Betreuung steigt, sodass Eltern bisweilen bei der Suche nach einem geeigneten Platz ins Schwitzen kommen. Wir sprachen über das Thema mit Judith Osterbrink, Leiterin des Jugendamtes.

Hessenweit ist die Zahl der betreuten U3-Kinder zwischen 2016 und 2017 um knapp sieben Prozent gestiegen. Wie ist die Entwicklung in Kassel?

Judith Osterbrink: Wir haben einen Anstieg von 7,5 Prozent und liegen damit leicht über dem Durchschnitt. Aktuell bieten wir 1815 Plätze für unter Dreijährige. Davon entfallen 78 Prozent auf freie und kirchliche Träger und 22 Prozent auf städtische Einrichtungen. Zudem gibt es 362 Plätze bei Tagesmüttern und -vätern, die ebenfalls vor allem unter Dreijährige betreuen.

Wie viele Interessenten für einen U3-Platz gab es für das gerade begonnene Kitajahr?

Osterbrink: Einen genauen Überblick haben wir derzeit nicht. Denn in Kassel erfolgt die Anmeldung und Platzvergabe nicht zentral. Das regelt jede Kita für sich. Lediglich eine Interessenbekundung können die Eltern über das Portal Web-Kita mit einem Online-Formular einreichen. Dieses wird automatisch an die Wunschkita weitergeleitet. Die städtischen Einrichtungen sind verpflichtet, jede Anfrage zu beantworten.

Sind bislang alle Eltern versorgt worden oder gab es Beschwerden und Klagen?

Osterbrink: Es gab bisher noch keine einzige Klage gegen die Stadt Kassel wegen des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz. Sicherlich können nicht alle Wünsche der Eltern berücksichtigt werden. So müssen Eltern ihre Kinder teilweise in einer Kita in einem anderen Stadtteil betreuen lassen. Mit etwas Mühe konnte bisher für jedes Kind ein Platz gefunden werden.

An wen sollten Eltern sich wenden, wenn Sie einen U3-Platz oder Kita-Platz suchen?

Osterbrink: Eltern sollten so früh wie möglich selbst initiativ werden und sich direkt an die Kitas wenden, die für sie in Frage kommen. Es macht Sinn, sich mehrere Einrichtungen anzuschauen und die pädagogischen Konzepte zu vergleichen. Die eine Kita legt mehr Wert auf Sport, die andere auf Natur und wieder andere auf bilinguale Erziehung. Bei den Kosten sind die Unterschiede nicht so groß. Die freien Träger orientieren sich meist an den Preisen der städtischen Kitas.

Was ist, wenn die direkte Suche nach einem Kita-Platz erfolglos bleibt?

Osterbrink: Im Notfall kann man sich auch an das Jugendamt wenden. Wir helfen dann bei der Vermittlung. Dies ist zum Beispiel für Neubürger hilfreich, die relativ kurzfristig mit ihrer Familie nach Kassel gezogen sind.

Das klingt so, als seien die Kitas an ihrer Auslastungsgrenze. Wie viele neue U3-Plätze sind in der Planung?

Osterbrink: Wir haben überall im Stadtgebiet eine gute Auslastung. Die Anfragen sind zum Glück breit gestreut und konzentrieren sich nicht auf wenige, beliebte Einrichtungen. Wir beobachten auch sehr wenige Wechsel zwischen den Kitas. Das spricht für eine hohe Zufriedenheit mit dem Angebot. Noch in diesem Jahr werden 80 neue U3-Plätze entstehen. Für 2018 sind 120 neue Plätze geplant.

Die Geburtenzahlen steigen weiter. Ist das Betreuungsangebot in Kassel dafür gerüstet?

Osterbrink: Wir haben in Kassel 10 500 Betreuungsplätze, davon 5600 Kita-Plätze. Auch diese werden wegen der steigenden Geburtenraten in den nächsten Jahren ausgebaut. Dieses Jahr entstehen 394 neue Plätze, nächstes Jahr 540. Vor allem im Vorderen Westen, Wilhelmshöhe, Rothenditmold, Nord-Holland und dem Kasseler Osten leben immer mehr junge Familien. Aber Räume allein reichen nicht. Beim Personal fehlen uns zunehmend Fachkräfte. Die Ausbildung zum Erzieher dauert fünf Jahre und somit dauert es eine Weile, bis Personal nachwächst.

Ab 1. August 2018 ist das dritte Kindergartenjahr beitragsfrei. Wie wird sich das auf Krippen und Kitas auswirken?

Osterbrink: Noch hat die Landesregierung nicht mitgeteilt, wie das umgesetzt werden soll. Deshalb macht es auch keinen Sinn, Hypothesen über die Effekte anzustellen.

Zunehmend sind nach dem ersten Lebensjahr des Kindes beide Eltern, zumindest Teilzeit, wieder berufstätig. Sind die Betreuungsangebote flexibel genug?

Osterbrink: Ich gehe davon aus, dass es zu einer weiteren Flexibilisierung kommen wird. Allerdings war der Bedarf an einer Betreuung in den Randzeiten bislang eher gering. Für die Einrichtung einer Gruppe mit anderen Betreuungszeiten sind bislang nicht genügend Kinder in einer Kindertagesstätte zusammengekommen. Tagesmütter sind für Eltern, die auf flexible Zeiten angewiesen sind, eine gute Alternative. Die Stadt Kassel sucht händeringend weitere Menschen, die sich als Tagesmutter oder Tagesvater qualifizieren lassen.

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