Bau soll in sechs Jahren stehen

Neubau für über 24 Millionen Euro: So soll das neue Kasseler Tapetenmuseum aussehen

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Soll Ende 2023 verwirklicht sein: Der Sieger-Entwurf für das neue Tapetenmuseum am Brüder-Grimm-Platz.

Kassel. Das Büro Harry Gugger Studio Ltd. aus Basel wird den Neubau des Tapetenmuseums am Brüder-Grimm-Platz verwirklichen. Das Team des Schweizer Architekten setzte sich in einem Wettbewerb unter 27 Beiträgen durch. Jetzt wurden im Landesmuseum die Entwürfe präsentiert.

Die Kosten für den Neubau des Landes Hessen nach dem Abriss des Hessischen Verwaltungsgerichtshof sollen 24,4 Mio. Euro betragen. Für die Fertigstellung wird der Jahreswechsel 2023/24 angepeilt.

Im Jahr 2023 feiert der Verein Deutsches Tapetenmuseum sein 100-jähriges Bestehen. Die Sammlung des Vereins mit 23.000 Objekten, die bis zu dessen Sanierung im Landesmuseum ausgestellt war und seit 2008 im Depot liegt, wurde am Donnerstag an das Land übertragen. Hessens Kunstminister Boris Rhein und der Vorstandsvorsitzende Ullrich Eitel unterzeichneten den Übernahmevertrag.

Die Berliner Architektin Prof. Gesine Weinmiller, Vorsitzende des Preisgerichts, sprach von einem „grandiosen Entwurf“. Das Büro Gugger habe sehr gewissenhaft mit den Vorgaben gearbeitet und den Vorschlag bereits hervorragend durchgeplant. Er zeichne sich dadurch aus, dass er die Geschichte des Platzes aufgreife und sich in der Fassadengestaltung auf das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Fürstenhaus, in preußischer Zeit Sitz des Oberpräsidenten, beziehe. Gugger sprach von einem „Echo“: Der Neubau solle vor Ehrfurcht vor dem historischen Ort und seiner städtebaulichen Bedeutung auch nicht einknicken, sondern Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit besitzen.

In das neue Museum soll auch die historische Torwache mit einer Rekonstruktion der Wohnung der Brüder Grimm einbezogen werden. „Aus den vorhandenen Quellen lässt sich die behutsame Reinszenierung herleiten“, sagte Prof. Dr. Bernd Küster, Direktor der Museumslandschaft Kassel. Alle Entwürfe werden bis zum 17. Dezember im Landesmuseum präsentiert. 

Entwurf des Schweizers stößt auf große Zustimmung

Beinahe wäre der Schweizer Architekt Harry Gugger nicht mal in den Wettbewerb für den Neubau des „Deutschen Tapetenmuseums – Museum für Raumkunst“, wie es künftig heißen wird, reingekommen. 74 Büros hatten sich interessiert gezeigt. Guggers Unterlagen waren in der Post verloren gegangen, das Basler Büro musste den Entwurf erneut schicken.

Prof. Gesine Weinmiller, die Vorsitzende des Preisgerichts, gratulierte dazu, dass der im Museumsbau sehr erfahrene Gugger nach zweitägiger Beratung einstimmig zum Zuge kam und die Ausführung auch klar empfohlen wurde: „Er ist einfach ein grandioser Architekt, Sie haben großes Glück, dass Sie mit ihm zusammenarbeiten können.“

27 hervorragende Büros hätten nach einem Losverfahren teilgenommen, das Niveau sei mit ausnahmslos sehr guten Entwürfen „sehr, sehr hoch“ gewesen, so Weinmiller. Auf Platz zwei setzte die elfköpfige Jury das Büro JSWD Architekten GmbH & Co. KG aus Köln, Platz drei belegt die Bewerbergemeinschaft Heine Mildner Architekten/Brunhart Brunner Kranz Architekten mbH aus Dresden/Liechtenstein. Auch drei Anerkennungen wurden ausgesprochen.

Gesine Weinmiller und Harry Gugger

Im Gegensatz zu allen anderen Entwürfen habe Gugger der etwas plumpen Idee widerstanden, „das Tapetenmuseum mit Tapeten zu umwickeln“. Gugger plant, die Struktur des Fürstenhauses, das bis zur Bombennacht des 22. Oktober 1943 an dieser Stelle stand, aufzunehmen. Er will, wie es im Entwurf heißt, den feingliedrigen klassizistischen Rhythmus in ein flächiges Relief von ornamentierten und unbehandelten Betonfertigteilen übersetzen. Im Fotobetonverfahren – ähnlich wie bei der Sgraffito-Technik seiner schweizerischen Heimat – werden die Fenster des Vorgängerbaus auf die Kunststeine übertragen. „Wir haben da eine lange Forschung“, sagte Gugger zu dieser Siebdruck-Technik, mit der eine zähe Chemikalie auf die vorgefertigten Waschbeton-Elemente aufgebracht wird. Auch bei der Bibliothek der Fachhochschule Eberswalde hat er sie angewendet: „Das ist wie beim Negativ in der Dunkelkammer. Das ist magisch.“

Die detaillierten Vorgaben von sehr flexibel nutzbaren, großzügigen Innenräume für riesige und zudem lichtempfindliche Tapeten nannte Gugger „eine Herausforderung“. „Aber alle waren beseelt von der Mission, dieser Sammlung ein Haus zu geben“, sagte MHK-Direktor Bernd Küster: „Sie ist bisher unter Wert verkauft worden. Es steckt viel mehr Potenzial darin.“ Kunstminister Boris Rhein sprach vom überzeugendsten Konzept, die Attraktivität des Tapetenmuseums zu steigern, Stadtbaurat Christof Nolda von einer „überaus interessanten Position“.

Auch Dr. Astrid Wegener, die Leiterin des Tapetenmuseums, strahlte: „Seit 2010 stehe ich in den Startlöchern, um diese Sammlung aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken. Ich bin überglücklich.“

Zur Person

Harry Gugger absolvierte von 1973 bis ‘77 eine Lehre als Werkzeugmacher und brach Maschinenbau und Germanistik ab, ehe er zur Architektur fand und an der ETH Zürich und an der Columbia University New York (bei Tadao Ando) studierte. 1990 begann seine Zusammenarbeit mit Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Als Partner war er von 1991 bis 2009 an der Entwicklung von Herzog & de Meuron zum weltweit tätigen Unternehmen beteiligt, das etwa die Elbphilharmonie gebaut hat.

Gugger war verantwortlich für die Tate Modern London, das Schaulager Basel und das Caixa Forum Madrid. Der Professor in Lausanne gründete 2010 das eigene Studio HGS in Basel. Projekte: u.a. „The Exchange“ in Vancouver, das Museo Maya de America in Guatemala und das Perlen- und Juwelenmuseum Katar.

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