Großer Andrang am Tag der Einweihung

Die neue Orgel in St. Martin in Kassel: Ein Superstar mit lauter Pfeifen

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Blick ins Innenleben: Orgelbauer Daniel Orth und seine Kollegen haben mehr als vier Monate an der Stimmung der Orgel getüftelt.

Kassel. Organisten stehen mit ihrem Instrument üblicherweise nicht im Rampenlicht. Hinter dem Rücken der Gemeinde fristen sie ein eher unbemerktes Dasein.

Ganz anders in der Martinskirche am Pfingstsonntag: Statt zum Altar waren alle Stühle zur Empore gekehrt. Und wer auf der Orgelbank Platz nahm, wurde sogleich zum Motiv zahlreicher Handyfotos. Die neue Orgel in St. Martin ist nicht nur ein Instrument der Superlative, sondern auch Kassels neuer Superstar – nicht nur in der Kirchenmusikszene.

Hunderte Menschen strömten auch jenseits von Festgottesdienst und Konzert am Tag der Einweihung in die Kirche, reckten die Hälse und spitzten die Ohren. Vor allem der Vorhang aus dunklem Kunsthaar, der beim Spielen in Bewegung gerät, sorgte für Gesprächsstoff. „Ich dachte erst, der Wind der Pfeifen lässt die Haare wehen,“ sagte Peter Natt (74) aus Harleshausen. Tatsächlich sorgen 71 Ventilatoren hinter dem Vorhang für den Effekt.

Auch die siebenjährige Tamira war fasziniert von der langen schwarzen Mähne. „Aber die verknoten sich bestimmt mal, wenn da so viel Wind ist“, hat sie sich schon Gedanken gemacht – ob da wohl auch regelmäßig Bürsten angesagt ist?

Einer der ersten, der die Ehre hatte, die Orgel zum Klingen zu bringen, war Landeskirchenmusikdirektor Uwe Maibaum. Nach zweimal Üben sei er noch weit entfernt davon, alle Möglichkeiten des Instruments mit seinen 86 Registern auszuschöpfen, sagte der Organist: „Es ist, wie einem Wunder auf die Spur zu kommen.“ Gemeinsam mit den Orgelbauern Wendelin Eberle und Stephan Niebele von der Firma Rieger (Vorarlberg) stellte er dem Publikum die „Königin der Instrumente“ auf ebenso lehrreiche wie unterhaltsame Weise vor.

Alle wollen die Orgel sehen: Landeskirchenmusikdirektor Uwe Maibaum erklärte Peter Natt aus Harleshausen (hinten) und weiteren Interessierten die neue Orgel.

So sei es bei der Orgel mit dem Hauptregister (Prinzipal) wie im richtigen Leben, scherzte Eberle: „Die größten Pfeifen stehen immer vorn.“ Die Frage, viel Luft pro Minute durch die mit neun Metern höchste Pfeife strömt, konnte er auf die Schnelle nicht beantworten – aber grob schätzen, dass wohl 2000 Liter hineinpassen dürfen. Früher bekamen Orgelbauer zum Lohn nämlich das Volumen der größten Pfeife in Wein ausgezahlt.

Auch das Klangspektrum der Orgel führten die Experten vor: Während größten Pfeifen ein tiefes Brummen oder Knattern erzeugen, sind die höchsten Töne so fiepsig, dass viele ältere Menschen sie gar nicht mehr wahrnehmen.

Für die Orgelbauer aus Österreich war der Tag trotz der großen Anerkennung für ihre Arbeit mit gemischten Gefühlen verbunden. Nach mehr als neun Monaten Arbeit in Kassel müssen sie ihr musikalisches Baby bald loslassen. „Das ist wie bei einem Musiker auf der Bühne“, sagte Eberle, „nachher kommt die große Leere.“ In Kassels größter Kirche hingegen hinterlassen er und seine Kollegen eine einzigartige klangliche Fülle. 

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