Früher waren Hunderte Kinder in Kassel unterwegs

Nikolausabend: Diese alten Glowes-Sprüche gab es früher

Kassel. Nikolausabend heißt es hier nicht. Hier ist es der Glowesabend. Schon vor 100 Jahren zogen am 6. Dezember Kinder durch Nordhessens Orte. Wir werfen einen Blick zurück.

Früher war nicht nur mehr Lametta, sondern auch mehr Auftrieb beim Glowesabend – der je nach Wohnort auch Klowes- und Klobesabend geschrieben wird. Doch bis heute lebt die Tradition zum Nikolausabend.

Schon vor 100 Jahren zogen am 6. Dezember in Kassel und Nordhessen maskierte Kinder um die Häuser, um Jagd auf Leckereien und Kleingeld zu machen. Bewaffnet sind die sogenannten Glöwesse oder Glowesköppe mit Sprüchlein, die sie den Bewohnern und Geschäftsleuten bei Einbruch der Dunkelheit vortragen. Der Begriff „Glowes“ leitet sich von „Klaus“ (Nikolaus) ab und bezieht sich auf Bischof Nikolaus von Myra, den Kinder-Schutzpadron und Geschenkebringer.

Damals war noch viel los: Dieses Foto aus dem Jahr 1967 zeigt Glöwesse in der Kasseler Innenstadt. Damals war die Tradition am Nikolausabend noch sehr lebendig.

Wir trafen mit der Kasselerin Gitta Graviat (83) eine Frau, die bis heute uralte Glowessprüche aus dem Effeff beherrscht (siehe Video oben und Text unten). Sie hat sie als Kind von ihrem Onkel gelernt, der in der Kasseler Altstadt lebte. Die Dichtungen stammen großteils aus der Vorkriegszeit.

Gitta Graviat

Die 83-jährige Graviat war als Kind selbst begeistert beim Glowesabend unterwegs und kann sich noch gut erinnern, wie aufgeweicht die Mundpartie nach einem langen Abend unter einer Plastikmaske war.

Einige ihrer Glowessprüche beziehen sich auf die jeweils aktuellen stadtgeschichtliche Ereignisse. Insofern sind manche heute nur noch nachvollziehbar, wenn man den Kontext kennt.

Die City-Kaufleute sind auf die Glöwesse vorbereitet. Von 16 bis 20 Uhr halten am 6. Dezember Kaufhäuser und Geschäfte in der Innenstadt Süßigkeiten bereit. Zudem gibt es in vielen Geschäften Stoffbeutel mit dem Aufdruck „Glowesabend 2017“. Der Beutel ist nicht nur zum Sammeln der Süßigkeiten gedacht, er berechtigt auch zur freien Fahrt mit der KVG.

Glowessprüche

Mundraub

„In Zwehren hot’s gebrannt. Do sin mä hingerannt. Aber glich über’n Zaun, zum Äppel klauen. Da kam der Schutzmann Koch und steckte uns ins Loch. Drei Tache Loch, aber Äppel klau mä doch.“

Hochprozentiges

Diesen Spruch sagten die Kinder in Gasthöfen auf: „Ich trinke gerne Schnaps un trinke gerne Bier un deshalb bin ich hier.“

Schiefes Mundwerk

„Ich bin der Henner Knull, un hon nen scheibes Mull, ich geh jeden Sonntag uff de Parade, doch min Mull is immer noch nit gerade.“ (Anm. der Red.: Gemeint war die Parade der Soldaten)

Betteln beim Bäcker

Diesen Glowesspruch bekamen Bäcker zu hören: „Ich hab bi euch was Gutes gerochen, gäbt mir’n Stücke, ihr habt es mir versprochen.“

Streiche gespielt

Dieser Spruch bezieht sich auf die alte Firma Thielemann in Kassel. Vermutlich ist die Waggonbaufirma gemeint, der zeitweise das Gasthaus an der Mittelgasse 56 gehörte, das vor allem als „Bayrische Bierhalle“ bekannt wurde: „Bim Dielemann stand Fass an Fass. Mä Jungen, mä wussten das. Mä rollten de Fässer bis ans Wehr, do kam der ahle Dielemann doher un frocht, wer das gewäsen wär. Ich, der Henner, un noch so’n paar Maden, mä wuchten uff de Polente geladen. Do kamen mer uff Zimmer acht, do gab’s ne fürchterliche Tracht. Dann kamen me uff’s Zimmer zehn un durften endlich widder gehen.“

Fleischeslust

Diesen Spruch sagten die Kinder früher bei Metzgern auf: „Ich hob gehört, ihr hättet geschlachtet un schöne Würschte gemacht, gebt mir ehne, aber nit so ne klene, sonst nehm ich lieber zweie statt ehne.“

Resteessen

„Bis Middewoch geht minne Mutter uff’n Marcht, dann kauft se uns’n Häring, den teilen wir uns zu acht. Der Vadder kricht’s Mittelstück, de Mudder kricht’n Schwanz un was davon noch übrich bliebt, des teilen mä Kinner uns ganz.“

Die Klassiker

„Ich bin der kleine Könich, gebt mir nit so wenich, lasst mich nit so lange stehen, denn ich muss noch weitergehen.“

„Ich bin der kleine Frosch, gebt mir’n Grosch und’n Stücke Speck, dann hüpp ich widder weg.“

„Ich bin nen armer Sünder, hab 99 Kinder und eine bitterböse Frau, die schlächt mich immer grün und blau. Und wenn ich jetzt nach Hause komm, un habe ihr nichts mitgebracht, do krieg ich gleich widder ne neue Tracht.“

„Ich bin der kleine Scheich und wäre so gern reich. Meine Kasse ist stets leer, wo krieg ich nur Moneten her?“

„Ich bin der kleine Dicke und wünsche euch viel Glücke. Ich wünsche euch ein langes Leben, müsst mir auch was Schönes geben.“

„Ich bin die kleine Erika und komme aus Amerika. Gebt ihr mir ein Plätzchen, dann bin ich euer Schätzchen.“

„Ich bin Lars, das war’s.“

Rubriklistenbild: © Foto: HNA-Archiv

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