Diskussion um Kasseler documenta-Kunstwerk

Streitthema Obelisk: „Bei einer Million lachten alle“

+
Bleibt er, oder bleibt er nicht? Der Obelisk auf dem Kasseler Königsplatz.

Kassel. Bleibt er, bleibt er nicht? Ist die Forderung des Künstlers Olu Oguibe von 600.000 Euro zu teuer oder nicht? Wie beziffert man eigentlich den Wert von Kunst? Stimmen und Hintergründe zum Obelisken auf dem Kasseler Königsplatz.

Glaubt zwar, dass der Obelisk den Königsplatz aufwertet, findet den aufgerufenen Preis aber zu hoch: Ralf Kofer, Inhaber der Filiale der Bäckerei Kamps am Königsplatz.

Vom Fundament bis zur Fertigstellung des Obelisken auf dem Königsplatz hat Ralf Kofer alles verfolgt. Der Inhaber der Filiale der Bäckerei Kamps am Königsplatz war von Anfang an von dem documenta-Kunstwerk begeistert und befürwortet, dass der Obelisk in der Innenstadt stehen bleibt. Allerdings findet er die finanziellen Forderungen des Künstlers Olu Oguibe zu hoch. Wir sprachen mit Kofer, der in seiner Bäckerei auch auf viele Menschen trifft, über den Obelisken.

Herr Kofer, Sie blicken fast jeden Tag auf den Obelisken und sind von Anfang an ein großer Fan des Kunstwerks gewesen. Hat sich seit dem Sommer daran etwas geändert?

Ralf Kofer: Nein. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass der Obelisk den Platz aufwertet. Er erinnert auch an die documenta 14. An den Wochenenden kommen noch viele Menschen von auswärts auf den Königsplatz, um den Obelisken zu fotografieren.

Was haben Sie nach dem Ende der documenta 14 im Herbst gedacht, als sie hörten, dass der Künstler eine Million Euro für den Obelisken verlangt?

Kofer: Das geht doch gar nicht, hab ich gedacht. So ein hoher Preis wäre vielleicht gerechtfertigt, wenn der Obelisk aus Gold wäre.

Wird in der Bäckerei über das Thema diskutiert?

Kofer: Jeden Tag ist der Obelisk Thema von Diskussionen bei uns im Laden. Bei der Forderung des Künstlers, eine Million für ihn zu verlangen, haben aber alle gelacht. Die meisten Anlieger des Königsplatzes finden aber auch, dass 600.000 Euro viel zu viel sind. Ich glaube, der Künstler hat sich mit der hohen Forderung nicht unbedingt einen Gefallen getan. Es stellt sich doch mittlerweile die Frage, ob es um die Kunst geht oder nur noch ums Geld.

Welchen Preis halten Sie für angemessen?

Kofer: Ich bin nicht in der Lage, einen Preis zu nennen. Ob der Preis aber unbedingt sechsstellig sein muss, stelle ich schon in Frage.

Wird über das Kunstwerk auch geschimpft?

Kofer: Es wird auch geschimpft, aber nur wegen des Geldes.

Wegen der inhaltlichen Ausrichtung des Kunstwerks, der Bezug zur Flüchtlingspolitik, hören Sie keine Kritik?

Kofer: Nein. Über das Kunstwerk an sich hat bei uns im Laden noch niemand geschimpft.

Sie sind nach wie vor dafür, dass der Obelisk auf dem Königsplatz bleibt?

Kofer: Ja, das wünsche ich mir. Aber zu einem vernünftigen Preis.

Der Künstler: Olu Oguibe

Der Künstler verlangt 600.000 Euro für den Obelisk: Olu Oguibe.

Man darf vermuten, dass der Erschaffer des Obelisken, Olu Oguibe, kein armer Mann ist. Die Universität von Connecticut, an der der 52-Jährige bis vor kurzem lehrte, berichtet jedenfalls, dass Oguibe zwei Hobbys hat, die nicht umsonst betrieben werden können: Er sammelt Tisch- und Kaminuhren aus dem 19. Jahrhundert und klassische britische Sportautos.

Oguibe wurde im Osten Nigerias geboren. Die Erlebnisse als Kind in Biafra während des nigerianischen Bürgerkriegs Ende der 1960er-Jahre hinterließen Spuren und gaben Impulse für seine Arbeit. 

Doch zunächst wurde Oguibe Wissenschaftler und Hochschullehrer. Er machte seinen Doktor am Institut für Orientalische und Afrikanische Studien an der Universität London und unterrichtete später unter anderem an der New School in New York und an den Universitäten von Illinois und South Florida. Oguibe erhielt eine Professur für Kunst und Kunstgeschichte an der Universität von Connecticut, die er vor Kurzem niederlegte. 

Der Künstler Oguibe hat verschiedene Arbeiten zum Beispiel auf der Bienale in Venedig, in Havanna und Johannesburg ausgestellt. Oguibe wurde unlängst mit dem Arnold-Bode-Preis ausgezeichnet, der mit 10.000 Euro dotiert ist. Mit welchen Summen die Werke des Mannes gehandelt werden, lässt sich im Internet nicht nachvollziehen. 

Zu seiner Forderung von 600.000 Euro sagte Oguibe, er müsse schließlich von seiner Kunst leben. Ob er sich auch mit weniger zufrieden gibt, werde er dann entscheiden, wenn die Spendensumme für sein Kunstwerk feststeht.

Wie wertvoll ist Kunst? Fragen und Antworten

Soll der Obelisk in Kassel bleiben oder nicht? Die Diskussion ist in vollem Gange. Fragen und Antworten dazu.

Künstler Olu Oguibe fordert für sein Kunstwerk mittlerweile 600.000 Euro. Lässt sich eigentlich sagen, was das Kunstwerk objektiv wert ist? 

Nicht wirklich. Ende September äußerte sich dazu die Kunsthistorikerin Birgit Maria Sturm, die Geschäftsführerin des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Kunsthändler. Generell spielten beim Marktwerk etwa die Materialkosten, der Bekannheitsgrad des Künstlers und auch die Teilnahme an einer Ausstellung wie der documenta eine Rolle. Sturm gab an, dass der Kasseler Obelisk mit keinem Kunstwerk zu vergleichen sei und es demnach keinen Richtwert gebe. Zu der damals im Raum stehenden Summe von einer Million Euro sagte Sturm allerdings: „Um es neutral auszudrücken: Für einen Obelisken ist das schon ein recht stolzer Preis.“ Gestern war Sturm nicht zu erreichen. Was sich zu den 600.000 Euro neutral sagen lässt, ist also nicht bekannt.

Gibt es derzeit offizielle Stellungnahmen zum Obelisken?

Geäußert hat sich bisher das „documenta forum“, Förderverein der documenta, in Kassel. In der Stellungnahme heißt es, dass Olu Oguibes documenta-Beitrag viel Raum zur Diskussusion böte. Ingesamt sei die aktuelle Debatte zu begrüßen, zugleich aber erschreckend festzustellen, mit welchen Ausdrücken und Beschimpfungen der Spendenaufruf überzogen werde. Es heißt: „Wie eine solche Kontroverse geführt wird, spiegelt stets auch den Zustand einer Kultur und Gesellschaft.“ Am Ende spricht sich das „documenta forum“ dafür aus, den Obelisken mit Hilfe der Spenden anzuschaffen.

Können Spenden für den Obelisken steuerlich abgesetzt werden? 

Ja, so Stadtsprecher Claas Michaelis. Bei Spenden bis einschließlich 200 Euro genügt als Nachweis der Kontoauszug, bei Spenden über 200 Euro ist eine Zuwendungsbestätigung erforderlich.

Soll der Obelisk bleiben? Stimmen Sie ab

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.