Folgen der schier endlosen Diskussion

Obelisk in Kassel vor dem Aus: Und überall gibt es nur Verlierer

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Noch steht er auf dem Kasseler Königsplatz: Der Obelisk.

Kassel. Der Obelisk hat in Kassel wohl keine Zukunft. Was bleibt von der Debatte um das documenta-Kunstwerk, die nur Verlierer hervorgebracht hat?

Der Obelisk hat in Kassel keine Zukunft mehr. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, wird das documenta-Kunstwerk von Olu Oguibe in diesem Sommer abgebaut. Das Objekt wird dann vom Königsplatz und aus der Stadt verschwinden – nach monatelangen Diskussionen und einem politischen Hin und Her. Nun fragt sich: Wem hat die Debatte wie geschadet? Eine Übersicht.

Oberbürgermeister Christian Geselle

Kassels Oberbürgermeister verhielt sich in der ganzen Diskussion sehr merkelesk. Er schwieg lange und ließ eine klare Position zu diesem Thema vermissen – wohl ahnend, wie heikel eine klare Meinung zum Obelisken sein kann. Christian Geselle schien lange zu hoffen, dass sich die Angelegenheit von allein regelt. Tat sie aber nicht.

Als sich die Lage zuspitzte, kam er gemeinsam mit den anderen Dezernenten mit dem Vorschlag um die Ecke, den Obelisken auf den Holländischen Platz zu stellen – was nichts anderes war als ein politischer Schachzug. Damit war der Künstler wieder am Zug. Und es bleibt der Eindruck, dass es Geselle ganz lieb war, dass Olu Oguibe nicht mehr von seiner eigentlichen Haltung abwich: Wenn der Obelisk nicht auf dem Königsplatz bleiben darf, soll er eben ganz weg.

Hielt sich beim Thema Obelisk im Hintergrund: Oberbürgermeister Christian Geselle.

Schaden für Geselle? Hier muss unterschieden werden. Der Oberbürgermeister handelte ja nicht ohne Kalkül sehr defensiv. Er wusste, dass er bei diesem Thema nicht wird gewinnen können. In Kassel wird er daher glimpflich davonkommen, zumal es nicht wenige gibt, die mit dem Obelisken nichts anfangen können.

Die Kritik der überregionalen Medien gegenüber Geselle wird indes wachsen. Sie sehen in ihm den typischen Oberbürgermeister aus der Provinz, der mit der Weltkunstausstellung fremdelt. Von dieser Seite aus wird sich Geselle den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass er kein Machtwort gesprochen und sich für den Verbleib des Obelisken ausgesprochen hat. Das hätten viele als Ausdruck einer gewissen Weltoffenheit gedeutet. So werden die Stimmen laut werden, Geselle und die Mehrheit seien vor rechten Protesten eingeknickt.

Kulturdezernentin Susanne Völker

Es wäre unfair, der Kulturdezernentin allein anzulasten, dass das Thema Obelisk aus dem Ruder gelaufen ist. Klar: Susanne Völker war verantwortlich für jene Spendenaktion für den Obelisken, die sich als in vielen Teilen undurchdacht und unbrauchbar erwies.

So unterstützte zum Beispiel manch einer die Aktion in dem Glauben, der Obelisk würde sicher auf dem Königsplatz bleiben. Zu diesem Zeitpunkt spielte das Argument noch keine Rolle, das später alle Dezernenten hervorbrachten: dass der Königsplatz für weitere documenta-Ausstellungen möglichst frei bleiben sollte.

Zudem wurde verpasst, gleich zu Beginn der Spendenaktion auch den Fall zu thematisieren, was bei einer großen Abweichung vom damals angedachten Kaufpreis von 600 000 Euro passiert. Das hätte verhindert, dass weiter über den Ankauf an sich diskutiert wurde. Schließlich waren am Ende nur 126 000 Euro zusammengekommen.

Die politisch unerfahrene Völker wurde aber auch alleingelassen – in erster Linie von Oberbürgermeister Christian Geselle. Erst hat er sie machen lassen, dann musste sich Völker unterordnen, als der Vorschlag aller Dezernenten mit dem Standort Holländischer Platz auf den Tisch kam. Sie selbst nämlich wollte sich lange ein Hintertürchen offenlassen und den Standort Königsplatz nicht ausschließen. Völker war insofern sicher die Akteurin, die am wenigsten zu beneiden war.

Rigoros: Künstler Olu Oguibe, der den Obelisken nur auf dem Königsplatz sieht.

Der Künstler Olu Oguibe

Die endlose Diskussion um den Obelisken hat auch Olu Oguibe über Wochen Aufmerksamkeit verschafft. Das ist ja schon mal nicht das Schlechteste für einen Künstler. Allerdings hat er sich mit seiner rigorosen Haltung auch einiges verbaut: Er kassiert nun eben nicht die Spendensumme von 126.000 Euro als Kaufpreis. Und sollte er den Obelisken doch noch an eine andere Stadt oder Institution verkaufen, würde er an Glaubwürdigkeit einbüßen. Schließlich betonte er zuletzt stets, er habe den Obelisken genau für den Königsplatz konzipiert.

Der Obelisk hat auch die Koalition gefordert: Die SPD sorgten letztlich für das Aus des Kunstwerks mit ihrer Ankündigung gegen den Standort Königsplatz. Dort sehen die Grünen den Obelisken nach wie vor. Eine Meinungsverschiedenheit – offen ausgetragen. Das hört sich nach einer unsicheren Zukunft an, was die weitere Zusammenarbeit der Koalitionspartner angeht. Einerseits. Andererseits schließt der Koalitionsvertrag solche Fälle gerade nicht aus. Da sich die Parteien grundsätzlich mit einer klaren Haltung zu diesem Thema schwertaten, ist eher nicht damit zu rechnen, dass daraus ein Streit mit Tragweite unter den Koalitionspartnern erwächst.

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