Interview zur kulturpolitischen Entscheidung für die Grimmwelt

Oberbürgermeister Hilgen über Kassel: „Eine der bedeutendsten Kulturstädte“

Neuer Anziehungspunkt in der Innenstadt: Die Grimmwelt mit ihrem frei begehbaren Dach. Foto: Koch

Am Freitag eröffnet die Grimmwelt auf dem Weinberg. Das neue Erlebnismuseum soll die Brüder Grimm, dritte „kulturelle Weltmarke“ der Stadt Kassel, angemessen darstellen.

Das sagt Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD). Er spricht im HNA-Interview über den Entscheidungsprozess und das Ziel, Kassel zu einer der führenden Kulturstädte Deutschlands zu machen.

Wie kam es zur Entscheidung der Stadt Kassel, ein neues Haus für die Präsentation des Schaffens der Brüder Grimm zu errichten?  

Bertram Hilgen: Die Brüder Grimm haben über 30 Jahre in Kassel gelebt, Märchen gesammelt und am Deutschen Wörterbuch gearbeitet. Die Stadt hatte zwar seit 1959 das Grimm-Museum, bei der Bewerbung zur Kulturhauptstadt kam aber in der Stadtgesellschaft die Meinung auf, es gäbe hier einen ungeschliffenen Edelstein, die Brüder würden nicht hinreichend gewürdigt.

Was ist das große Ziel, das die Grimmwelt erreichen soll? 

Hilgen: Das Wirken der Brüder Grimm sollte so aufgearbeitet werden, dass die Präsentation auf Augenhöhe mit der Bedeutung ihrer Werke ist. Wir haben das Ziel, Kassel zu einer der zehn bedeutendsten deutschen Kulturstädte zu machen – auch aus diesem Grund wollten wir die Grimmwelt als neuen Leuchtturm entwickeln. Bei unseren Weltmarken documenta und beim Bergpark als Unesco-Weltkulturerbe sind wir bereits einen großen Schritt vorangekommen, wenn die Grimmwelt eröffnet ist, ziehen wir mit unserer dritten Weltmarke nach.

Ein Museum für 20 Millionen baut man in einer Stadt höchstens einmal in einem Menschenleben. Wie kam es, dass das Projekt sich so gut durchsetzen ließ? 

Hilgen: Stimmt, es gibt nicht viele Städte, die in wirtschaftlich schwierigen Zeiten neue Häuser eröffnen. Aber: Ideen können Wirklichkeit werden, wenn ihre Zeit gekommen ist. 2007 hat das Land mit uns gemeinsam geplant, die Museumslandschaft umzustrukturieren, und das Land hat dafür viel Geld in die Hand genommen. Das Stadtjubiläum stand bevor, und wir hatten zwei Masterpläne für die kulturelle Stadtentwicklung vorgelegt. Damit im Rücken gab es eine Neubewertung der Bedeutung der Brüder Grimm in unserer Stadt.

Die Stadt hat für die Grimmwelt Exponate angekauft, um die es zuvor Besitzunklarheiten und auch Streit gab. Wie sind Sie da vorgegangen? 

Bertram Hilgen

Hilgen: 2005 wurden die Handexemplare der Grimmschen Märchen zum Weltdokumentenerbe erklärt. Der Streit entzündete sich zum einen an der Urkunde und zum anderen am Antragstext, der den Interpretationsspielraum ließ, die Brüder-Grimm-Gesellschaft sei Eigentümer der Handexemplare. Viele Wissenschaftler haben dem widersprochen. Die Konfliktlinien verliefen nicht zwischen Land, Stadt und Grimm-Gesellschaft, sondern das Eigentum reklamieren Stadt und Land jeweils für sich. Im Kulturvertrag 2007 haben wir uns geeinigt, dass wir darüber keine juristische Auseinandersetzung führen wollen. Wir haben uns darauf verständigt, dass die Bände dauerhaft in der Stadt Kassel bleiben und wir uns beide um den Zugang und konservatorische Bewahrung kümmern. Auch die Unesco-Urkunde wurde neu ausgestellt.

Was ist mit anderen Schriften und Objekten der Brüder? 

Hilgen: Zum Teil waren sie im Besitz der Brüder-Grimm-Gesellschaft, zum Teil war die Eigentümerschaft zwischen Stadt und Gesellschaft unklar. Die Stadt hat nach langem Ringen 900 000 Euro bezahlt, verteilt auf sechs Jahre, dafür hat uns die Grimm-Gesellschaft komplett ihren Besitz übereignet und sämtliche Eigentumsansprüche an der gesamten Sammlung abgetreten. Das schafft Klarheit. Die Objekte sind in Obhut des Kulturamts, die Bücher sind bei der Murhardschen Landesbibliothek, dort werden sie wissenschaftlich betreut und sind digital weltweit einsehbar.

Ist es das, was Sie unter dem Stichwort dezentrales Grimm-Konzept verstehen? 

Hilgen: Ja, die Uni forscht, die Stadt sammelt und bewahrt, die Grimmwelt präsentiert und vermittelt.

Es gab im Prozess des Planens viele Vorschläge für einen Standort des Grimm-Hauses. 

Hilgen: Nach früheren Überlegungen, etwa einer Erweiterung des Palais Bellevue, der Bebauung des Grundstücks an der Trompete, der Nutzung der Torwache und der Idee, städtisches Grimm- und landeseigenes Tapetenmuseum zusammenzuführen, haben wir uns darauf konzentriert, eigenständig auf dem Weinberg zu bauen. Ein gemeinsames Museum wäre zu massiv gewesen und die Inhalte hätten sich konzeptionell nicht zusammenfügen lassen. So haben wir die richtige Entscheidung getroffen und sind allein weitermarschiert.

Das hieß aber auch, Sie mussten die Finanzierung des Baus stemmen.

Hilgen: 12 Millionen trägt die Stadt, zwei Millionen kamen durch den Hessentag über das Land zurück, sechs Millionen kommen aus Efre-Fördermitteln der EU (Europäisch1er Fonds für reginale Entwicklung). Wenn nicht der damalige Wirtschaftsminister Dieter Posch bei mir am Küchentisch die Förderzusage für die Efre-Mittel gegeben hätte, hätten wir das Projekt nicht gehoben.

Zum Standort Weinberg gab es heftige Bürgerproteste. Waren Sie davon überrascht? 

Lebten und wirkten in Kassel: Wilhelm (links) und Jacob Grimm.

Hilgen: In der Museumsnacht 2012 haben wir das Baufeld dargestellt - und durften noch nachts mit erbosten Anwohnern debattieren. Ich muss Ihnen sagen, ich hätte mit dem Protest zu einem Standort, wo schon mal ein Haus stand, nicht gerechnet. Mein Gefühl war, die Kasseler freuen sich darüber. Unser Problem war, um die Efre-Mittel zu sichern, musste das Projekt bis Ende 2015 abgerechnet sein. Durch die mit einem Bürgerbegehren verbundenen Zeitverzögerungen hätten die Mittel nicht fristgerecht eingereicht werden können und sie wären verbrannt gewesen.

Zum Glück hat der Verwaltungsgerichtshof die Rechtsauffassung der Stadt bestätigt und ein Bürgerbegehren abgelehnt. Vor zwei Jahren war der erste Spatenstich und wir sind bis heute im Zeit- und im Kostenplan geblieben. Mittlerweile sagen sogar die einstigen Protestler, dass es ganz ordentlich aussähe. Ehrlich gesagt, der Park war ja früher ein Unort. Mit der Wiederbesiedlung wird sich auch die verbleibende Fläche positiv für die Besucher entwickeln.

Auch um die inhaltliche Ausrichtung hat es Debatten gegeben. 

Hilgen: 2010 hatten wir eine Studie vorgestellt, die ergeben hat: Als reines Literaturmuseum rechnet sich das Haus nicht. Es geht nur, wenn es sich neuen Zielgruppen öffnet. Ausdrücklich möchte ich noch einmal feststellen, es wird dort kein Disneyland errichtet. Unsere Präsentation soll einerseits auf documenta-Niveau sein, andererseits aber auch nicht verkopft, sondern so, dass auch Kinder ihren Spaß haben. Wir haben das kuratorische Konzept und die Gestaltung europaweit ausgeschrieben, das ist ungewöhnlich für ein derartiges Haus, aber das Ergebnis hat uns letztendlich bestätigt.

Was passiert mit dem ehemaligen Museumsstandort, dem Palais Bellevue? 

Hilgen: Bis Ende 2017 wird die documenta GmbH das Gebäude nutzen, dann entwickeln wir ein neues Nutzungskonzept, eventuell als kleiner, feiner Veranstaltungsort.

Wohin werden Sie persönlich Besucher künftig in der Grimmwelt als Erstes führen? 

Hilgen: Aufs Dach. Ich zeige ihnen, wie wunderbar diese Stadt ist. Dann sind die Handexemplare natürlich Pflicht, das Herzstück des Hauses.

Bertram Hilgen wurde 1954 in Tann in der Rhön geboren. Seit Juli 2005 ist er in Kassel Oberbürgermeister, im März 2011 wurde er im Amt bestätigt. Zuvor war der Sozialdemokrat, der Rechts- und Politikwissenschaften an der Uni Marburg studierte, Referent von Hans Eichel, Regierungspräsident in Kassel sowie Leiter des kommunalen Gebietsrechenzentrums. Der 61-Jährige hat einen Sohn aus erster Ehe und lebt mit der ehemaligen Landtagsabgeordneten Margit Berghof-Becker (SPD) in der Südstadt. (clm)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.