Angepöbelt und körperlich attackiert

Ordnungspolizisten in Kassel: „Viele Menschen haben keinen Respekt vor uns“

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In Kassel unterwegs: Die Ordnungspolizisten Rene Steinbach (links) und Eray Karaca auf dem Königsplatz.

Polizisten werden beschimpft, Rettungskräfte behindert: Ein höflicher Umgang scheint immer mehr verloren zu gehen. Mitarbeiter des Ordnungsamtes Kassel berichten aus ihrem Alltag.

Eray Karaca und René Steinbach haben ein dickes Fell. Ansonsten könnten sie auch ihrer Arbeit beim Kasseler Ordnungsamt wohl kaum nachgehen. Sie werden nicht nur von Betrunkenen und Drogenabhängigen in der Innenstadt angepöbelt und körperlich attackiert, sondern müssen sich auch Beschimpfungen von „ganz normalen Bürgern“ anhören.

Vor geraumer Zeit seien sie zum Beispiel als „Nazis“ und „Schweine“ tituliert worden, berichtet Ordnungspolizeibeamter Rene Steinbach. Dabei wollten sie nur einem dunkelhäutigen Mann, der vor „Bratwurst Becker“ in der Unteren Königsstraße lag und schrie, helfen.

Eine Frau habe sie zuvor in der Mauerstraße angesprochen. Vor der Imbissbude lag der Mann mit geschlossenen Augen, die tränten. „Ich dachte, der hatte mit Pfefferspray Kontakt“, sagt Steinbach. Deshalb habe er dem Mann ein Schälchen Wasser gereicht, damit dieser sich selbst die Augen auswaschen kann. Der habe aber nicht reagiert, weiterhin nur geschrien. Daraufhin versammelte sich eine Menschenmenge um das Geschehen. 

Einige der Schaulustigen unterstellten plötzlich den Beamten, dass „wir den Mann eingepfeffert“ hätten, sagt Steinbach. Deshalb folgten die Nazi-Beschimpfungen. Kürzlich mussten die beiden Mitarbeiter der Ordnungspolizei sogar einen Einsatz abbrechen und Verstärkung rufen, weil ihnen plötzlich sieben Leute gegenüberstanden.

Von Mann gebissen

Die körperlichen Angriffe hätten im zweiten Quartal dieses Jahres merklich zugenommen, seit März gab es sechs Übergriffe. Steinbach hat sich zudem vorgenommen, den Menschen bei Kontrollen nicht mehr zu nah ans Gesicht zu kommen. Grund: Erst kürzlich ist er von einem Mann gebissen worden.

„Viele Menschen haben keinen Respekt vor uns. Die beachten uns nicht und nehmen uns nicht ernst“, sagt Eray Karaca. Damit meint er nicht nur das Klientel aus der Trinker- und Drogenszene, das im berauschten Zustand schon mal ausfällig wird. Einige von denen kämen am nächsten Tag, wenn sie wieder klarer im Kopf seien, und entschuldigten sich sogar für die Beleidigungen.

Ganz normale Bürger würden auch ausfällig, sagt Karaca. Zum Beispiel, wenn sie eine Personalie feststellen wollten, bekämen sie öfter zu hören: „Dürfen Sie das? Wir wollen die richtige Polizei.“

Vielen Menschen sei eben nicht bekannt, welche Kompetenzen Ordnungspolizeibeamte haben, sagt Kathy Käferstein, stellvertretende Leiterin des Ordnungsamtes. Die hätten immer nur den „kleinen Knöllchenschreiber“ im Kopf.

Kathy Käferstein, Ordnungsamt

„Wir bekommen den ganzen Frust der Bürger ab“, sagt Steinbach. Wenn ein Mensch sich über irgendeine Behörde ärgere, lasse er den Ärger an der Ordnungspolizei aus. „Wir verkörpern den Staat, wir sind der Prellbock.“ Zudem hat er die Erfahrung gemacht, dass einige ausländische Mitbürger keinen Respekt vor seinen Kolleginnen haben. Früher habe man bewusst Frauen im Ordnungsamt eingestellt, weil sie besonders auf die Alkohol- und Drogenszene deeskalierend wirkten. „Unsere Kolleginnen haben mittlerweile draußen richtig Probleme.“ Natürlich gebe es auch viele Ausländer, die sich anders verhielten.

Viele Menschen sehen ihre eigenen Fehler nicht

Und es gibt viele ungehaltene Autofahrer: Neulich sei ein Kollege von einem Mercedes-Fahrer angeschrien worden, der seinen Wagen zuvor auf einem Fußgängerweg in der Innenstadt geparkt und dafür ein Knöllchen kassiert hatte, erzählt Karaca. Der Mann habe getobt: „Wir sollten uns um wichtigere Sachen kümmern. Die Stadt Kassel brauche doch nur Geld.“ Der Falschparker habe nicht eingesehen, dass er durch sein Verhalten andere behindert habe. „Die meisten Menschen sehen ihre eigenen Fehler nicht“, so Karaca.

„Jeder sieht nur noch sich selbst“, sagt auch Kathy Käferstein. Die Menschen riefen im Ordnungsamt an, wenn nur in der Nähe ihrer Ausfahrt ein Auto parkt. Es gebe auch Anrufer, die sich beschwerten, dass in ihrer Straße zu viele auswärtige Autos abgestellt würden.

Oder wenn sie irgendwo eine tote Taube finden. Anstatt das Tier selbst mit einer Schaufel zu beseitigten, riefen sie beim Ordnungsamt an. „Die Leute dramatisieren Kleinigkeiten, anstatt zu pragmatischen Mitteln zu greifen.“

Käferstein berichtet von einem Einsatz am Bebelplatz. Da hatten sich mehrere Menschen um eine im Sterben liegende Ratte versammelt und warteten darauf, dass sich Ordnungspolizeibeamte um das Tier kümmern.

Gerne mischten sich auch Außenstehende in die Arbeit der Beamten ein oder filmten mit ihrem Handy Vorgänge. „Es wäre schön, wenn den Menschen klar würde, dass wir für sie da sind. Aber sie sollten sich aus unseren Maßnahmen heraushalten und uns vertrauen, dass wir unseren Beruf können“, sagt Steinbach. Einige Menschen wissen das aber auch. Ab und an bekämen sie schon Pralinen als Dank geschenkt. „Und manche Leute umarmen uns sogar für unsere Arbeit“, sagt Karaca.

Das dürfen Ordnungspolizisten

Die Ordnungspolizeibeamten des Kommunalen Vollzugsdienstes haben die Aufgabe, die öffentliche Sicherheit und Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Maßnahmen hierbei stützen sich auf das Hessische Gesetz über die Sicherheit und Ordnung (HSOG), auf Regelungen der Städtischen Gefahrenabwehrverordnungen sowie auf rechtliche Vorgaben durch das Jugendschutzgesetz, das Gaststättenrecht, das Prostituiertenschutzgesetz usw. Hauptschwerpunkte sind:

  • Präsenzstreife innerhalb des Stadtgebietes (überwiegend Innenstadtbereich)
  • Kontrollen im Bereich der Trinker- und Drogenszene
  • Maßnahmen bei Ruhestörungen, Vermüllung im öffentlichen Bereich
  • Kontrolle und Sicherstellung von gefährlichen Hunden
  • Jugendschutzkontrollen Die Ordnungspolizeibeamten haben im Rahmen ihrer Aufgaben die Befugnisse von Polizeivollzugsbeamten. Sie sind berechtigt, unmittelbaren Zwang durch Hilfsmittel der körperlichen Gewalt oder durch Waffen (keine Schusswaffen) auszuüben. Im Rahmen dieser Befugnisse dürfen Maßnahmen wie Identitätsfeststellung, Durchsuchung von Personen und Sachen, Platzverweise, vorläufige Festnahmen analog der Polizei vorgenommen werden.

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