Report der Barmer Krankenkasse

Angehörige wünschen sich mehr Hilfe: Pflegende werden oft selber krank

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Menschen, die Angehörige pflegen, werden oft selber krank.

Wer einen Angehörigen zu Hause pflegt, ist oft selbst erschöpft und krank. Das ergibt eine Befragung der Barmer Krankenkasse für den Pflegereport 2018.

Demnach leiden in Stadt und Landkreis Kassel mehr als die Hälfte der Menschen, die ein Familienmitglied zu Hause pflegt, an Rückenbeschwerden. Etwa ein Fünftel leidet an Depressionen und knapp jeder Zehnte leidet an Schlafproblemen, Zukunftsängsten und anderen psychischen Störungen.

2017 lebten in Kassel laut Statistischem Landesamt Hessen rund 9500 Pflegebedürftige, im Jahr 2015 waren es noch 8000. Die meisten Pflegebedürftigen möchte in den eigenen vier Wänden leben. Für die Angehörigen bedeutet das große Verantwortung und viel Arbeit.

„Ohne pflegende Angehörige geht es nicht“, sagt Norbert Sudhoff, Landesgeschäftsführer der Barmer in Hessen. „Sie sind ein wichtiger Pfeiler unseres Pflegesystems.“ Häufig kämen jedoch ihre eigenen Bedürfnisse zu kurz, sagt Sudhoff.

„Durchschnittlich beansprucht die Pflege täglich zwölf Stunden und dauert rund zwei Jahre“, so Sudhoff. Dieser Einsatz sei oftmals eine hohe körperliche und psychische Belastung und stelle alle Beteiligten vor große organisatorische Herausforderungen. Das wiederum schlage auf die Gesundheit. Laut dem Bericht sind pflegende Angehörige deswegen häufiger krank als andere.

60 Prozent von ihnen wünschen sich zwar Unterstützung im Pflege-Alltag. Dennoch würden Angebote wie etwa Kurzzeit-, Tagespflege oder Betreuungs- und Haushaltshilfen eher selten in Anspruch genommen. Zu schwierig sei es, sich im „Pflege-Dschungel“ zurechtzufinden, auch Kosten und Zweifel an der Qualität spielten eine Rolle.

In Kassel erhielten außerdem viele Menschen finanzielle Hilfe zur Pflege. Die Stadt Kassel leistete im vergangenen Jahr Zuschüsse von insgesamt rund 18 Millionen Euro. Für Hilfe zur stationären Pflege musste die Stadt 6,87 Millionen Euro aufbringen, für Hilfe zur ambulanten Pflege elf Millionen Euro.

Insgesamt hatten im Vergleich zu den Vorjahren weniger Menschen diese finanzielle Hilfe beantragt. Der Rückgang der Personen sei mit den höheren Leistungen der Pflegeversicherung im Zuge des Pflegestärkungsgesetzes II zu begründen, erklärt Sozialdezernentin Ilona Friedrich (SPD).

Pflege von Angehörigen: Fragen und Antworten

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt hessenweit. Waren es vor 30 Jahren 145 000, so zählte das Statistische Bundesamt 2015 rund 234 000. Fragen und Antworten. 

Warum ist die Zahl Pflegebedürftiger in den vergangenen Jahren so gestiegen? 

Bei dieser Zahl ist die Pflegereform, die am 1. Januar 2017 in Kraft trat, zu berücksichtigen. Durch die Reform wurde der Begriff der Pflegebedürftigkeit neu definiert. Statt drei Pflegestufen gibt es seitdem fünf Pflegegrade. Die Reform geschah vor allem, um Demenzkranken besser gerecht zu werden. Übrigens sind dadurch natürlich auch die Ausgaben der Sozialen Pflegeversicherung für die Pflege deutschlandweit gestiegen: Laut dem Bundesgesundheitsministerium von 16,6 Milliarden Euro (2003) auf 35,5 Milliarden Euro (2017). 

Welche Auswirkungen hat das? 

Kassels Sozialdezernentin Ilona Friedrich (SPD) geht davon aus, dass in Zukunft häusliches Pflegepersonal nicht mehr in dem Maße zur Verfügung stehen wird wie heute. Das liege unter anderem an der Erwerbstätigkeit von Frauen, die heute zu zwei Dritteln die Pflege übernehmen: „Frauen werden länger arbeiten.“ Ein weiterer Grund sei die Mobilität. Viele ältere Menschen hätten einen anderen Wohnort als ihre Kinder. „Kassel bildet das ab: Hier gibt es 110 000 Single-Haushalte.“ Alleinstehende Menschen wolle die Stadt besser erreichen. „Meine Vision ist es, eine sorgende Gemeinschaft in den Stadtteilen zu entwickeln.“ 

Wie viele Pflegebedürftige gibt es in Kassel, wie viele im Landkreis? 

Das Statistische Landesamt Hessen zählte für Stadt Kassel 2017 rund 9500 Menschen, die einer Pflege bedürfen, für den Landkreis mehr als 12 000. Davon erhalten rund 4500 (Stadt Kassel) und 6400 (Landkreis Kassel) Pflegegeld. 

Wer pflegt? 

Zwei Drittel der Pflegepersonen sind weiblich und haben überwiegend (85,6 Prozent) ein Alter zwischen 50 und 70 Jahren. „Sie übernehmen Pflege- und Sorgearbeit“, betont Friedrich. Pflege gehe mit vielen organisatorischen Aufgaben einher, für die auch Frauen die Sorge tragen. Etwa die Hälfte aller Pflegenden kümmert sich um den Partner, ein Drittel um die Eltern. 85 Prozent pflegen jeden Tag, die Hälfte davon zwölf Stunden täglich. Die Mehrheit übernimmt die Pflege für mehr als zwei Jahre, etwa 28 Prozent pflegen länger als acht Jahre. 44 Prozent haben ein Einkommen von unter 1000 Euro. 

Wie bekommen die Pflegepersonen das mit dem Job unter einen Hut? 

Zwei Drittel geht laut dem Pflegereport keiner Erwerbstätigkeit nach. 20 Prozent arbeiten zwischen zehn und 30 Stunden pro Woche. Acht Prozent arbeiten mehr als 30 Stunden pro Woche bzw. in Vollzeit. 

Über welche Beschwerden klagen die pflegenden Angehörigen? 

Mehr als die Hälfte der Betroffenen in Kassel, 53 Prozent, klagt laut Pflegereport über Rückenschmerzen. Pflegebedürftige müssen etwa gestützt und gehoben werden. Danach folgen Depressionen: Über sie klagt jeder Fünfte. Jeder Zehnte ist von psychischen Problemen wie Schlafmangel oder Zukunftsängsten betroffen. Im Landkreis Kassel ist die Zahl höher: 57 Prozent der Angehörigen, die ein Familienmitglied pflegen, klagen über Rückenschmerzen, 24 Prozent über Depressionen und zwölf über psychische Probleme. 

Was genau belastet sie? 

Im Pflegereport gibt die Mehrheit der Betroffenen an, dass sie erschöpft sei, keine Zeit zum Entspannen hätte, und einfach nur gerne mehr schlafen würde. Etwa jeder Dritte fühlt sich in der Rolle des Pflegenden gefangen und glaubt, dass sie sich negativ auf Freundschaften auswirkt. Neben psychischen Problemen gaben außerdem knapp 15 Prozent an, ein schlechtes Gewissen zu haben, weil sie fürchten, der Pflege nicht gerecht zu werden. 14 Prozent belasten Scham- und Ekelgefühle bei der Tätigkeit. 

Woher bezieht die Barmer ihre Daten für den Report? 

Für den Report wertete die Barmer Routinedaten von hessenweit 700.000 Versicherten aus und nahm außerdem eine gezielte Befragung bei Pflegepersonen vor, von denen 2000 Ergebnisse vorliegen.

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