Viele Bringdienst-Inhaber haben sich in Netzwerk zusammengeschlossen

Kasseler Lieferdienstportal als Gegengewicht zu Lieferando und Co.

Was Lieferheld & Co. abschöpfen, wäre der Verdienst gewesen: Silvio Balta vom Pizza-Bringdienst „L’Italiano“ zeigt, wie die Herstellungskosten einer Pizza bei einem beispielhaften Verkaufspreis von sechs Euro kalkuliert sind.

Kassel. 50 Bringdienste liefern Pizza, Döner und Asia ins Haus. Daran verdienen sie kaum, die Online-Konkurrenz ist groß. Ihr wollen sie einen Kasseler Lieferdienst entgegensetzen.

Mehr als 50 Bringdienste liefern hungrigen Kasselern Pizza, Döner oder asiatisches Essen ins Haus. Doch mit solchen Bestellungen können die Essenslieferanten kaum noch etwas verdienen. Der Grund: Immer mehr Kunden bestellen per Mausklick oder Smartphone-App, statt anzurufen.

Diesen Online-Markt haben große Bestellportale wie Pizza.de, Lieferheld und Lieferando nahezu vollständig unter sich aufgeteilt. Für die Vermittlung der Essensaufträge werden nach Angaben Kasseler Lieferdienste inzwischen so hohe Provisionen fällig, dass keiner mehr auf seine Kosten kommt.

Angesichts der prekären Lage haben sich zahlreiche Bringdienst-Inhaber jetzt in einem Netzwerk zusammengeschlossen, um Lösungen zu überlegen. „Keiner will es sich leisten, bei den großen Portalen einfach so auszusteigen - aus Angst, dass dann viele Kunden abwandern“, sagt Silvio Balta vom Pizzabringdienst L’Italiano, der die Kollegenrunde zusammengetrommelt hat.

Bei Balta kommt mittlerweile jede zweite Bestellung aus dem Netz. Auf dem hart umkämpften Pizza-Liefermarkt seien Wareneinsatz und Produktion äußerst knapp kalkuliert. Die schmale Gewinnspanne „wäre dann mein Einkommen gewesen“, formuliert Balta. Aber Vermittlungsprovisionen plus Nebenkosten der Portale fräßen alles auf.

Bis zu 20 Prozent gingen dafür weg, klagt Nuri Sakir, Inhaber von „Pizza Blitz“ in der Nordstadt: „Wir sind ein reiner Familienbetrieb. Ich kann ja nicht meine Frau oder meine Kinder entlassen, um Kosten zu sparen.“ Sakir sagt, bei ihm würden schon mehr als drei Viertel aller Kunden den Online-Bestellweg wählen. Mit einer Gratisflasche Cola versuche er die Besteller zu locken, ohne Umweg über die Lieferportale direkt telefonisch zu bestellen.

„Das Hauptproblem ist die Abhängigkeit“, sagt Silvio Balta. Mit fünf Prozent Provision hätten die Portale vor ein paar Jahren die Pizzabäcker zum Beitritt gelockt. Inzwischen, nachdem Präsenz bei Pizza.de und anderen gewissermaßen Pflicht ist, werde das Dreifache genommen. Ein weiteres Problem: Da bei Netzbestellungen bargeldlos abgerechnet wird, müssen die Pizzabäcker bis zu einem Monat warten, bis ihnen ihr Umsatz überhaupt überwiesen wird.

Den Trend zur bequemen Online-Bestellung werden Kassels Bringdienste nicht umkehren können. Aber sie bereiten sich darauf vor, ein eigenes Kasseler Lieferdienstportal aufzubauen und bei ihren Kunden für den lokalpatriotischen Netz-Einkauf zu werben. „Das würde für Besteller genauso komfortabel funktionieren - aber für die Bringdienste würde es statt hoher Umsatzprovisionen nur eine Monatspauschale von etwa 40 Euro kosten“, erläuterte Softwareunternehmer Samir Roshandel beim jüngsten Treffen des Lieferdienst-Netzwerks.

Dabei beschlossen die Teilnehmer auch, dass sie sich zu einem Verband zusammenschließen wollen. Nicht nur gegenüber Bestellportalen, sondern etwa auch beim gemeinsamen Großeinkauf wollen sie so ihre Interessen künftig wirksamer vertreten.

Hintergrund: Millionengeschäft mit der Lust auf Pizza

Der Markt für Essensbestellungen im Internet ist hart umkämpft und entwickelt sich immer mehr zum Quasi-Monopolgeschäft. Vor sechs Monaten hatte die Berliner Delivery Hero Holding (Lieferheld) für angeblich 290 Millionen Euro den Braunschweiger Konkurrenten Pizza.de übernommen, der seit 2007 als älteste deutsche Bringdienst-Plattform am Markt ist. Zusammen verfügen pizza.de und Lieferheld in Deutschland nun über einen Marktanteil von 75 Prozent. Einziger richtiger Konkurrent ist der Bestelldienst Lieferando, der bereits im Frühjahr 2014 vom niederländischen Unternehmen takeaway.com geschluckt worden war.

Welches Potenzial Investoren beim Bestellgeschäft mit dem Hunger der Deutschen sehen, zeigt der jüngste Deal in der Branche, der vor drei Wochen bekannt gegeben wurde: Die Samwer-Brüder (Zalando; Rocket Internet) ließen sich einen 30-Prozent-Anteil an der Muttergesellschaft von Lieferheld und Pizza.de fast eine halbe Milliarde Euro kosten.

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