Synagoge verwüstet

Pogromnacht: Kasseler Synagoge wurde 1938 schon zwei Tage früher verwüstet

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Am Morgen danach: Vor der Synagoge an der Bremer Straße hatte sich eine Menschentraube versammelt. Rund um das Gebäude war zu diesem Zeitpunkt schon das meiste aufgeräumt worden. 

Schon zwei Tage früher als anderswo fand in Kassel vor 80 Jahren die Pogromnacht statt. Dabei wurde die Synagoge verwüstet.

Als am 9. November 1938 überall in Deutschland die Synagogen brannten, war die Kasseler Synagoge schon verwüstet. Die befand sich an der Unteren Königsstraße – dort, wo heute eine Gedenktafel an den Standort erinnert. Hier wütete der braune Mob bereits zwei Tage vor der Pogromnacht.

Vor 80 Jahren, am 7. November 1938, lieferte die Nachricht von einem Attentat dafür den Vorwand. Kaum war am Nachmittag die Meldung über das Radio verbreitet worden, sammelte sich vor der Synagoge eine Gruppe von Nazi-Aktivisten. Augenzeugen berichteten später von etwa 30 Männern in Zivil, die alle die gleiche Art von Stiefeln getragen hätten.

Am Morgen dieses Montags hatte in Paris der 17-jährige Herzel Grynszpan auf den Legationsrat der deutschen Botschaft, Ernst von Rath, geschossen. Eine Verzweiflungstat, mit der er gegen die Deportation seiner jüdischen Eltern und Geschwister protestieren wollte. Zwei Tage später, am 9. November, erlag von Rath seinen schweren Verletzungen. Propagandaminister Joseph Goebbels stachelte mit einer antijüdischen Hetzrede zu den Pogromen an diesem Tag an.

Ebenfalls demoliert: Die jüdische Volksschule und das Bethaus an der Großen Rosenstraße.

Kasseler Synagoge am 7. November verwüstet

Da hatten die Kasseler Nazis längst zugeschlagen. Sie drangen schon am 7. November in die Synagoge ein, verwüsteten die Einrichtung und warfen Thorarollen, Stühle, Bänke und heruntergerissene Vorhänge auf die Straße und steckten sie an. Hunderte von Schaulustigen standen auf dem Platz vor der Synagoge. Viele von ihnen applaudierten und johlten. Von der Unteren Königsstraße zog die Menge weiter zu dem von Juden geführten Café Heinemann ganz in der Nähe, das ebenso wie zahlreiche Geschäfte demoliert wurde. Eine weitere Station der organisierten Zerstörungswut war die Große Rosenstraße, wo die jüdische Volksschule, Versammlungs- und Verwaltungsräume untergebracht waren. Im Hinterhof gab es zudem ein Bethaus der orthodoxen Juden.

Doch nicht nur das. Nach der Pogromnacht waren SS-Leute unterwegs und holten 258 jüdische Männer aus ihren Wohnungen. „Niemand aus der Nachbarschaft erkundigte sich an den folgenden Tagen, was geschehen war“, erinnerte sich der Kasseler Lehrer Willy Katz. Er wohnte damals an der Schomburgstraße, wurde als Jude später deportiert und überlebte den Holocaust. Die Männer, die in dieser Nacht abgeführt wurden, kamen ins KZ.

Er überlebte als einziger den Holocaust

Hans Joachim London überlebte offenbar als einziger in seiner Familie den Holocaust. Auf seine Geschichte wurde eine Frau aus Lohfelden zufällig auf dem Flohmarkt aufmerksam. Und zwar wegen eines Zylinders. Louis London war auch der erste, der in Kassel ein Sportgeschäft eröffnete - und zwar im Oktober 1903.

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