Serie zu Respekt

Psychologin zu schwindendem Anstand: "Stress macht Menschen empathielos"

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Prof. Dr. Heidi Möller (59) hat den Lehrstuhl für Theorie und Methodik der Beratung an der Uni Kassel inne. 

Zum Abschluss unserer Serie über Respekt sprachen wir mit der Kasseler Psychologieprofessorin Dr. Heidi Möller und Ministerpräsident Volker Bouffier.

Woran liegt es, dass der Anstand schwindet? Und wie können wir im Alltag konkret damit umgehen?

Die Ursachen

1. Mangelnde Einfühlung

Viele Menschen fühlten sich im Alltag gestresst und überlastet, sagt die Psychologin. Gerade im Job seien viele Beschäftigte durch Arbeitsverdichtung und Tempoverschärfung am Limit. Das gehe häufig mit der Sorge vor Arbeitsplatzverlust und sozialem Abstieg einher.

Unter Stress aber gehe die Fähigkeit verloren, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, erklärt Möller. Wenn man aber nur noch sich selbst sehe und die Einfühlung in andere auf der Strecke bleibe, sei der Weg geebnet für rücksichtsloses und rüpelhaftes Verhalten. „Da kommt einem bei der Parkplatzsuche, um das Kind abzuholen, gar nicht mehr in den Sinn, dass der andere es auch eilig haben könnte, weil er einen dringenden Arzttermin hat.“

2. Das Verlernen des Wartens

In unserer digitalen, vernetzten Gesellschaft sind wir es gewohnt, dass alle Bedürfnisse schnell befriedigt werden. Jede Frage kann per Google geklärt, die Lust auf einen Flirt bei Tinder befriedigt und der Kauf von neuen Schuhen mit ein paar Klicks bei Amazon erledigt werden. 

„Das Belohnungssystem im Gehirn lernt: Du kriegst alles, und zwar sofort“, sagt Möller. Warten, Frustration aushalten und Durststrecken überstehen – das seien Erfahrungen, die wir immer seltener machen. Dabei gehe die Fähigkeit, Bedürfnisse aufzuschieben oder auf etwas zu verzichten, zunehmend verloren. Das zeige sich mitunter im Supermarkt in der Schlange: Da gilt es, zu akzeptieren, dass noch jemand vor einem an der Reihe ist.

3. Sündenbock-Suche

Wenn Menschen schon bei Kleinigkeiten in die Luft gehen und andere beschimpfen, könne dies auch ein Hinweis auf unbearbeitete Konflikte sein, erklärt die Psychologin. Statt sich den eigenen Problemen zu widmen, werde der Konflikt nach außen verlagert. Dort suche sich derjenige einen Sündenbock. 

„An dem arbeitet man sich ab und verschafft sich so stellvertretend Entlastung vom eigenen inneren Druck“, sagt Möller. Doch der vermeintliche Triumph über das Gegenüber währe nur kurz und das Gefühl von Stärke verfliege wieder. Dann werde ein neues Ventil für den Frust gesucht. Daher suche dieser Typus Mensch die Eskalation regelrecht.

Die Gegenstrategien

1. Achtsamkeit

In unserem eng getakteten Alltag gelte es, sich bewusst kleine Auszeiten zu verschaffen und sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, sagt Möller. „In der Straßenbahn einfach mal nicht aufs Handy gucken und nicht schon die nächsten Termine gedanklich durchgehen, sondern einfach mal sitzen und die Wolken angucken“, nennt die 59-Jährige ein Beispiel. 

Innehalten, in sich hineinfühlen und bewusst die Umwelt wahrnehmen: Solche Achtsamkeitsübungen intensivierten die Wahrnehmung nach Innen und Außen. Nur wer sich der eigenen Gefühle und Bedürfnisse bewusst sei, könne auch ein Gespür für die Befindlichkeiten anderer entwickeln, sagt Möller.

2. Fehler einräumen

Wer etwas falsch gemacht hat, sollte dazu stehen. Wer sich etwa aus Versehen vorgedrängelt hat, weil er das Ende der Schlange nicht gesehen hat, sollte sich entschuldigen – auch wenn der Tonfall derjenigen, die sich darüber beschweren, barsch sein sollte. Wenn man dann mit Aggression reagiere, schaukele sich eine Situation schnell hoch, sagt Möller. Räume man seine Fehler hingegen unumwunden ein, sei in der Regel „sofort Ruhe im Karton“.

3. Ich-Botschaften

Retour-Kutschen bei respektlosem oder dreistem Verhalten seien kontraproduktiv, so die Psychologin. Wer verbal zurückschlägt, heizt den Konflikt nur weiter auf. Dennoch gelte es, dem Gegenüber eine Rückmeldung über sein Verhalten zu geben. „So wie ich im Bus ,Aua‘ sage, wenn mir jemand auf den Fuß tritt, kann man auch signalisieren, dass man verletzt ist, wenn man angebrüllt oder beleidigt wird“, sagt Möller. 

Dabei sei es sinnvoll, „Ich-Botschaften“ zu formulieren, anstatt Vorwürfe zu machen. Statt zu sagen: „Was brüllen Sie mich so an?“ zum Beispiel: „Das fand ich jetzt ganz schön laut.“ Oder statt den rücksichtslosen Radfahrer anzuschreien: „Ich habe richtig Angst bekommen, so schnell sind Sie an mir vorbeigefahren.“

4. Muster brechen

Um die Eskalation einer Situation zu verhindern, sei es hilfreich, etwas Unerwartetes zu tun. Zum Beispiel, das Interesse auf den anderen zu richten und interessiert nachzufragen: „Hat Sie das jetzt sehr geärgert? Was wünschen Sie sich, wie soll ich mich Ihrer Meinung nach verhalten?“ Wenn man gegen die Erwartung des anderen handele und nicht einsteige in das Karussell gegenseitiger Vorwürfe, gelinge es häufig, den Druck aus der Situation zu nehmen.

5. Zivilcourage

Wer beobachte, wie sich eine Situation zwischen anderen Menschen hochschaukele, könne versuchen, schlichtend einzugreifen – sofern man sich dabei nicht selbst in Gefahr bringe. So könne man etwa, wenn sich zwei Autofahrer an einer Engstelle erbittert gegenüberstehen und keiner zurückfahren will, sagen: „Sie können das sicher selbst regeln, aber kennen Sie den Spruch: Der Klügere gibt nach?“ 

Ein Hauch von Humor ohne dabei herablassend zu wirken oder jemanden lächerlich zu machen, könne dabei hilfreich sein. Solche Akte von Zivilcourage könne man üben. Wenn man Situationen erlebe, in denen einem spontan keine angemessene Reaktion einfalle, könne man später in Ruhe überlegen, welches Verhalten hilfreich sein könnte. So lege man sich nach und nach ein Verhaltensrepertoire für solche Fälle an.

Volker Bouffier über Stress

Herr Bouffier, das Land Hessen hat ja schon 2017 eine Kampagne zum Thema „Hessen lebt Respekt“ ins Leben gerufen. Wenn man heute in den Städten unterwegs ist, kommt der Eindruck auf, dass trotzdem Nachholbedarf noch besteht. Ist das auch Ihr Eindruck? 

Volker Bouffier

Ich will es mal so ausdrücken: Ich bin sehr froh, dass die ganz große Masse der Menschen bei uns in Hessen respektvoll miteinander umgeht. Es gab aber schon immer Menschen, die es an dem nötigen Respekt vermissen lassen – und die wird es wohl auch immer geben. Nichtsdestotrotz hat unsere Kampagne schon viel bewirkt – vor allem wegen der Partner, die wir hatten: Medienpartner, die Schulen, die Landesanstalt für privaten Rundfunk. Wir sind da zum Beispiel in Schulen gegangen und haben thematisiert, wie man mit der digitalen Welt in Sachen Respekt umgeht. 

Haben Sie weitere Beispiele? 

Ich denke auch an die Verkehrsverbünde. Die sind rausgefahren und haben mit einer Fülle von Grundschulen geübt, wie man respektvoll in den Schulbus einsteigt und wie man sich in einem Schulbus verhält. Das war sehr spielerisch, aber sehr wirksam. Trotzdem: Das Thema Respekt bleibt eine Daueraufgabe. Was wir feststellen: Der Ton wird rauer – gerade in den sozialen Medien. Und allein das rechtfertigt es, sich weiter zu engagieren, und das werden wir auch machen. 

Mangelt es nicht auch an Vorbildern in einem Land, in dem es auch große Unternehmen am nötigen Respekt vor dem Gesetz mangeln lassen – wie etwa beim Dieselskandal? 

Wir haben in unserem Land unzählige Vorbilder. Das sind Männer und Frauen, die Beispielhaftes leisten – ob es bei der Integration ist, ob es am Arbeitsplatz ist. Oder denken Sie mal an diejenigen, die unter Gefahr ihres eigenen Lebens anderen helfen. Das gilt für die Polizei, das gilt für die Feuerwehr, das gilt für andere Rettungsdienste, denen zunehmend aggressiv begegnet wird. Eins darf man daher nicht machen: Man darf sich nicht von negativen Beispielen leiten lassen und den Schluss ziehen, dass man sich selbst auch nicht mehr an Regeln halten muss. 

Vor wem haben Sie Respekt? 

Vor denen, die ohne Aufhebens sich für andere und die Gemeinschaft engagieren. Deshalb sage ich auch: Wir haben genügend Vorbilder. Gehen Sie mal auf den Sportplatz von nebenan und schauen, wer da so den Rasen mäht. Da finden Sie gleich jemanden, dessen Verhalten Respekt verdient.

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