"Radler sind keine besseren Menschen"

„Fahr Rad“: Diese Ausstellung kann Kassel lebenswerter machen

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Aus einer alten Autobahnausfahrt wurde ein ungewöhnlicher Radweg: Der pinkfarbene Lightpath im neuseeländischen Auckland.

Radwege, die Spaß machen, und Plätze, die nicht mit Autos zugestellt sind: All das zeigt die Ausstellung "Fahr Rad" in der Kasseler documenta-Halle. Nicht nur für Radfahrer ein Muss.

Heimische Besucher werden womöglich sofort aus Kassel wegziehen wollen, nachdem sie die tolle Ausstellung „Fahr Rad“ in der documenta-Halle besucht haben. Nach Kopenhagen natürlich, vielleicht aber auch nur nach Karlsruhe. Überall scheint der Alltag für Radler schöner und sicherer zu sein als in Nordhessen. Die viel gelobte Schau des Deutschen Architekturmuseums (DAM), die 2018 in Frankfurt Premiere hatte und bislang nur noch in Berlin und Graz zu sehen war, wird heute Abend in Kassel eröffnet. Drei Gründe, warum man sie nicht verpassen wollte.

1. Wenn es ums Radfahren  geht, geht es nicht nur ums Radfahren

Die größte Schwäche der Ausstellung ist ihr Titel. Zwar dreht sich sehr viel ums Rad, in erster Linie handelt die Schau aber von der „Rückeroberung der Stadt“, wie es im Untertitel heißt – für Radler, aber auch für Fußgänger, also für uns alle. Denn „Straßen waren nicht immer so, wie sie heute wahrgenommen werden“, sagt DAM-Kuratorin Stefanie Lampe.

Heute sind sie oft nur für Autos gemacht. Am Eingang sieht man, welche Folgen das hat. Die Gruppe Rahmwerk hat zwei 12,5 Quadratmeter große Metallrahmen aufgestellt – so viel Platz nimmt ein VW Golf ein. Für Gerhard Greiner, der die Ausstellung mit dem Bund Deutscher Architekten und dem „Kaz im Kuba“ nach Kassel geholt hat, ist das Kunstwerk „eine schöne Versinnbildlichung, wie wir Raum verschwenden“.

Radler haben es nicht leicht: Cartoon von Ruth Hebler aus der Sommer-Akademie der Caricatura.

2. Von Kopenhagen und Karlsruhe kann jeder lernen

„Fahr Rad“ zeigt architektonische und stadtplanerische Beispiele aus acht Regionen. Darunter sind Metropolen wie das Rad-Paradies Kopenhagen, aber auch kleinere Großstädte wie Portland im US-Bundesstaat Oregon, mal hügelig, mal flach. „Für jeden Lokalpolitiker ist etwas dabei, das er sich herauspicken kann“, verspricht Lampe. Extravagante Brückenkonstruktionen, die Radlern in Kopenhagen neue Blicke auf die Stadt ermöglichen, wird es hierzulande wohl nie geben. Muss es auch nicht.

Deutsche Städte könnten sich ein Beispiel an Karlsruhe nehmen, das vor 20 Jahren so schlecht abschnitt wie Kassel heute. Mittlerweile hat man in Baden den Radanteil am Gesamtverkehr auf über 30 Prozent gesteigert. Das ist mehr als in Kopenhagen.

Grund sind unter anderem klare Vorgaben der Behörden. So müssen von jedem neuen Haus alle Dinge des täglichen Bedarfs von der Apotheke bis zur Schule in fünf Minuten mit dem Rad erreicht werden.

Alternative für Kassel: Vorschlag für einen Radweg an der Fulda-Insel Finkenherd von den Studenten Lara Günther und Veronika Lissin.

3. Kassel kann besser werden

Wie viel sich in Kassel tut, zeigt sich am umfangreichen Begleitprogramm und an den vielen Bereichen, die die DAM-Ausstellung ergänzen. So stellen die Aktivisten des Radentscheids ihre Forderungen vor – und die Planer im Rathaus ihre Konzepte. Der Prototyp eines Rads, das sich im Handumdrehen zum Lastenrad umbauen lässt, ist zu bestaunen.

Zudem präsentieren Studenten der Uni Pläne für eine bessere Infrastruktur. Am eindrucksvollsten ist der „Water Bicycle Path“ von Laura Günther und Veronika Lissin. Ihr Weg auf Stelzen an der Fulda-Insel Finkenherd würde das Radeln zum Erlebnis machen.

Im Alltag scheitert das Radfahren dagegen noch an anderen Dingen. Bevor sich Lampes Vater in Karlsruhe auf den Sattel setzte, sagte er: „Ich habe keine Angst vor den Autos, sondern vor den Radfahrern.“ Radler, sagt auch Organisator Greiner, „sind keine besseren Menschen.“ Aber diese Ausstellung kann Kassel besser machen. Radler sollten nicht wegziehen.

Die Ausstellung "Fahr Rad" im Internet

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