Die Geschichte des Buches

Rarität von der Napoleonshöhe: Buch von 1808 über Umwege zurück in Kassel

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Vor der Krönung: Jérôme Bonaparte, hier mit seiner Frau Katharina, regierte von Kassel aus das Königreich Westphalen.

Kassel. Es ist ein geradezu unglaublicher Zufall, dass das Buch aus dem Jahr 1808 im Kasseler Stadtmuseum gelandet ist. Vom Schloss Wilhelmshöhe über einen fliegenden Buchhändler an der Seine in Paris ist es an die Fulda zurückgekommen.

Die ganze Geschichte kennt Joachim Neher (73), der das Buch – es handelt sich um das Gesetzeswerk Code Napoléon – als Leihgabe für die Sonderausstellung „Mein Stadtmuseum“ zur Verfügung gestellt hat.

Die Zeitreise beginnt im Jahr 1807, als der große Feldherr Napoléon Bonaparte seinen jüngsten Bruder Jérôme zum König von Westphalen machte. Dieses Kunstgebilde mit Kassel als Hauptstadt sollte Jérôme, der auch als König Lustik bekannt war, zu einem Modellstaat machen und politische Reformen umsetzen. Nach französischem Vorbild war die Gleichheit aller Untertanen festgeschrieben, ebenfalls die freie Religionsausübung und die Trennung von Verwaltung und Justiz.

Es gab eine Postreform, und das Wohlfahrtssystem wurde neu geordnet. Das Königreich, das sich von Paderborn im Westen, Halle an der Saale im Osten, Marburg im Süden und fast bis nach Hamburg im Norden erstreckt, erhielt die erste Verfassung und das erste Parlament auf deutschem Boden. Grundlage dafür war eine Art bürgerliches Gesetzbuch, der als Code Civil oder auch Code Napoléon bekannt war.

Der wurde damals in gedruckter Form unter das Volk gebracht. „Dieser Band ist allerdings etwas ganz Besonderes“, sagt Joachim Neher, der als Lehrer für Deutsch und Politik am Friedrichsgymnasium gearbeitet hat. Das Werk ist auf Französisch, Deutsch und – was sehr selten geschah – auch auf Latein gedruckt. Außerdem steht im Vorwort, dass es 1808 im damals als Napoléonshöhe umbenannten Schloss Wilhelmshöhe veröffentlicht wurde. Nach Einschätzung von Fachleuten ist das eine absolute Rarität.

In einer Glasvitrine: Den Code Napoléon hat Joachim Neher dem Stadtmuseum zur Verfügung gestellt. Fotoa:  Koch

Das Königreich Westphalen war nur von kurzer Dauer und brach 1813 zusammen. Wahrscheinlich wurde der Band auf der Flucht des Hofstaates nach Frankreich mitgenommen.

In den 1950er Jahren entdeckte der Vater von Joachim Neher, ein Buchhändler aus Essen, den Band in Paris. „Einer der Bookinisten bot ihn damals an“, sagt der heutige Besitzer. Das sei damals wohl Hehlerware gewesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg seien die Schlösser rund um Paris regelrecht geplündert worden. Sein Vater habe den 250-Seiten dicken Band für wenige Francs gekauft.

Bis zum 17. April kann man ihn in der Sonderausstellung noch sehen. Joachim Neher würde ihn gern als Dauerleihgabe der Öffentlichkeit zugänglich machen. Im neu gestalteten Stadtmuseum gibt es dafür allerdings auf Dauer keinen angemessenen Platz. Möglicherweise klappt es ja in Schloss Wilhelmshöhe. Das wäre angesichts der Vorgeschichte der ideale Ort.

In einer Glasvitrine: Den Code Napoléon hat Joachim Neher dem Stadtmuseum zur Verfügung gestellt.

Stadtmuseum, Ständeplatz 16, dienstags bis sonntags von 10 bis 17, mittwochs bis 20 Uhr, geöffnet. Eintritt 4/3 Euro. Unter 18 Jahren frei. Die Sonderausstellung „Dein Stadtmuseum“ läuft bis zum 17. April.

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