So realistisch ist der Tatort: Kasseler Ermittler über die Krimi-Reihe

+
Realistisch nur auf der Fotomontage: Die Tatort-Kommissare (von links) Ivo Batic (Miroslav Nemec ), Carlo Menzinger (Michael Fitz, spielte ihn bis 2007) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) gehören zu den Lieblingsermittlern von Helmut Wetzel, Chef des Kasseler K 11. Von ihm aus könnte das Trio auch im Polizeipräsidium Nordhessen arbeiten.

Kassel. Der „Tatort“ ist am Sonntagabend aus vielen deutschen Wohnzimmer kaum wegzudenken. Diesen Sonntag wird die 1000. Folge ausgestrahlt. Wie realistisch der „Tatort“ ist, darüber sprachen wir mit dem echten Ermittler Helmut Wetzel.

„Es gibt viele Polizisten, die gucken keine Krimis. Denen ist das zu blöd“, sagt Helmut Wetzel, Leiter des Kommissariats 11 (zuständig für Gewalt- und Kapitalverbrechen) bei der Kasseler Kripo. Es gibt aber auch jene, die sich wie Wetzel von einem TV-Krimi gern unterhalten lassen.

Der 58-Jährige schaut seit Jahrzehnten auch sehr gern „Tatort“. Dabei kommt es ihm nicht darauf an, dass die TV-Krimis realistisch sind. „Da bin ich wie jeder andere Zuschauer. Wenn ein Film gut gemacht wird, sehe ich ihn gern. Realistische Filme können zudem grottenschlecht sein.“

Die Realität

Nach Wetzels Ansicht kann der „Tatort“ die reale Ermittlerarbeit gar nicht abbilden. Dafür müsste eine Folge viel länger dauern und es seien viel mehr Schauspieler erforderlich. Es sei zum Beispiel völlig unrealistisch, dass die Leiter der Mordkommission - wie im TV - alle Aufgaben allein bewältigten, sagt der Erste Kriminalhauptkommissar.

Helmut Wetzel

Im TV sind die Kommissare Allrounder: Sie organisieren, observieren, vernehmen Zeugen und nehmen Verdächtige fest. In der Realität sei der Leiter einer Mordkommission mit der Organisation des Falls beschäftigt. Zudem würden Spezialisten eingesetzt: Das Mobile Einsatzkommando (MEK) für Überwachungen und das Sondereinsatzkommando (SEK) für Festnahmen.

In einer mittelgroßen Mordkommission gebe es etwa fünf Teams, die nur Zeugen vernehmen. Es gebe Experten, die sich um Handys und Laptops kümmerten, hinzu komme der Erkennungsdienst und das LKA. Ganz wichtig, aber im „Tatort“ eigentlich nie zu sehen, ist der Aktenführer. Er ist dafür zuständig, dass alle Berichte und Vernehmungen in der Akte in eine vernünftige Form gebracht werden. Schließlich müsse die Akte auch dem Rechtsanwalt des Beschuldigten zur Verfügung gestellt werden, damit „Waffengleichheit“ zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung hergestellt und ein faires Gerichtsverfahren ermöglicht werde.

Der Todeszeitpunkt

Im Fernsehen bestimmten die Gerichtsmediziner den Todeszeitpunkt immer relativ genau, legen sich auf einen Zeitpunkt von zwei Stunden fest. In der Realität ist das anders. „Die Bestimmung des Todeszeitpunkts ist ein ganz schwieriges Feld. Wir müssen mit viel größeren Zeiträumen leben, wenn es keine Tatzeugen gibt“, sagt Wetzel.

Die Typen 

Die TV-Ermittler werden oft als exzentrische Typen dargestellt, die kein Privatleben haben und rund um die Uhr arbeiten. „Ich bin froh für jeden Kollegen, der eine Familie hat“, sagt Wetzel. Das gebe ihnen Bodenhaftung und festige die Persönlichkeit. Bei sich selbst sieht er eine Ähnlichkeit zu Kommissar Max Palu (Jochen Senf), der von 1988 bis 2005 in Saarbrücken ermittelte. Wie Palu hat auch Wetzel ein Dienstfahrrad, mit dem er schon mal zu einem Tatort fährt.

Die Fälle 

Wetzel findet es gut, dass im „Tatort“ auch aktuelle gesellschaftliche Themen aufgegriffen werden - wie vorigen Sonntag im Kieler Fall, als es um den Islamischen Staat (IS) ging. Der „Tatort“ erfülle damit auch eine sozialpolitische Funktion. „Der ,Tatort‘ ist deshalb auch wie eine Zeitreise.“

Die Ermittler 

Neben den aktuellen Kommissaren aus München mag Wetzel die Kölner, er erinnert sich zudem gern an den Hamburger Kommissar Paul Stoever (Manfred Krug) und an den Münchner Ermittler Ludwig Lenz (Helmut Fischer). Dafür gehören die Fälle vom Bodensee und aus der Schweiz nicht zu seinen Favoriten.

Großer Fan ist er auch von Kommissar Hanns von Meuffells (Matthias Brandt), der für die Reihe „Polizeiruf“ auf Verbrecherjagd geht. Besonders bewegte ihn die Folge „Und vergib uns unsere Schuld“ (2016), in der herauskam, dass der Kommissar einen Unschuldigen hinter Gitter gebracht hat. Das sei seine schlimmste Vorstellung, sagt Wetzel: „Jemanden, der unschuldig ist, für viele Jahre ins Gefängnis zu bringen.“

Der echte Kommissar Wetzel über ...

den Schutzpolizisten 

Klaus Löwitsch

Der Schauspieler Klaus Löwitsch ging 1982 für den Hessischen Rundfunk in Frankfurt auf Verbrecherjagd als PolizeihauptmeisterWerner Rolfs. Er war einer der wenigen Schutzpolizisten, die im „Tatort“ mitgespielt haben. Helmut Wetzel war damals auch Schutzpolizist in Frankfurt. Löwitsch habe ihm in der Rolle sehr gut gefallen. „Der war rau, aber trotzdem empathisch. Der war so wie ich damals gern gewesen wäre.“

den Beamtentyp 

Karl-Heinz von Hassel

Der Frankfurter Tatort-Kommissar Edgar Brinkmann ermittelte, als Helmut Wetzel selbst zur Kripo kam. Bei einer Thekenrunde im Kasseler HR-Studio hat Wetzel denSchauspieler Karl-Heinz von Hassel einmal kennen gelernt. Der habe den Brinkmann als „klassischen und staubtrockenen Beamtentyp“ gespielt. Damals habe das zur Kripo gepasst. Auch seine Kollegen seien alle mit Anzug und Schlips zur Arbeit gekommen. Heute sei das anders.

die schräge Ermittlerin 

Nina Kunzendorf

Schauspielerin Nina Kunzendorf mag Ermittler Wetzel eigentlich sehr gern. In ihrer Rolle als Hauptkommissarin Conny Mey, in der sie von 2011 bis 2013 in Frankfurt an der Seite von Joachim Król als HauptkommissarFrank Steier ermittelte, fand er sie manchmal ein wenig zu schräg. Die große Pistole steckte sie quasi in ihren knappen Rock. „Sicherlich mag es solche Typen bei der Polizei geben, aber nicht bei uns in Kassel.“

Schimanski 

Götz George

Götz George hatte als Horst Schimanski eine absolute Sonderstellung im „Tatort“. Ein Typ, der eine Ära geprägt hat, den er immer gern gesehen habe, aber mitdem er niemals hätte zusammen arbeiten wollen, sagt Wetzel. Das Schöne an diesem „Tatort“ sei immer die Paarung vom chaotischen Schimanski und seinem ruhigen Kollegen Christian Thanner (Eberhard Feik) gewesen.

den kranken Chef 

Jörg Hartmann

Der psychisch kranke Kommissar Peter Faber, gespielt von Jörg Hartmann, der im Dortmunder „Tatort“ die Mordkommission leitet, würde in der Realität niemals zum Vorgesetzten, sagt Wetzel. Zwar sei Faber wohl ein guter Ermittler, aber als Leiter einer Mordkommission müsse man auch mit seinen Leuten gut umgehen und die Kollegen motivieren können. Schließlich gebe es bei jeder Ermittlung auch viele Misserfolge. (use) Fotos: HR, WDR

„Das macht Spaß“: Jobangebot an die Wiener Ermittler

Kommissariatsleiter Helmut Wetzel könnte sich sehr gut vorstellen, dass Major Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser), die in Wien und Umgebung auf Verbrecherjagd gehen, beim K 11 in Kassel anfangen. „Das macht Spaß, den beiden zuzugucken. Das sind Kollegen, die man mögen würde“, sagt Wetzel. Da würde man auch Bibi Fellners Hang zum Hochprozentigen hinnehmen.

Solch ein auffälliges Auto wie der Pontiac Firebird, den die Ermittlerin von ihrem Zuhälterfreund Heinzi fährt, habe allerdings keiner der Kasseler Ermittler, so Wetzel. Er ist sich aber sicher, dass es dem ein oder anderen Kollegen schon gefallen würde, solch einen Schlitten bei der Arbeit zu fahren.

Das Ermittler-Duo aus Münster geht an der Realität völlig vorbei

Sie sind wohl das komischste Ermittlerteam in der deutschen „Tatort“-Landschaft: Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und der Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan-Josef Liefers), die seit 2002 bislang 30 Mordfälle in Münster gelöst haben.

Gemeinsam auf Verbrecherjagd: Prof. Karl Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers, links) und Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) in der Rechtsmedizin.

Mit der Realität hat diese Zusammenarbeit aber nichts zu tun, sagt der Kasseler K 11-Chef Helmut Wetzel. Ein Gerichtsmediziner muss als Gutachter vor Gericht neutral auftreten. „Ein Rechtsmediziner wie Boerne, der mit der Polizei gemeinsam ermittelt, würde in jeder Gerichtsverhandlung von der Verteidigung in der Luft zerrissen.“

Im „Tatort“ teilen die Rechtsmediziner den Kommissaren meist nur das Ergebnis der Obduktion mit. Im echten Leben sind die Ermittler bei der gesamten Obduktion dabei und bekommen hautnah mit, was der Mediziner an der Leiche feststellt. „Aber wer will schon so etwas im TV sehen?“ fragt Wetzel.

Er habe den „Tatort“ aus Münster früher gut gefunden, aber mittlerweile würden die Gags immer wieder aufgewärmt. „Extreme Ermittlerpaare“ wie das aus Münster müssten wissen, wann sie aufhören sollten, sagt Wetzel. „Nur dann werden sie zur Legende. Ansonsten läuft sich das irgendwann tot.“

Münchner sind Kandidaten für Kasseler K 11

Wenn sich Helmut Wetzel, Leiter des Kasseler Kommissariats K 11, Ermittler aus dem „Tatort“ aussuchen müsste, dann würde seine Wahl auf die Münchner fallen. Miroslav Nemec als Hauptkommissar Ivo Batic und Udo Wachtveitl als Franz Leitmayr könnte er sich gut vorstellen. „Allerdings hätte ich auch den Carlo Menzinger gern dabei“, sagt Wetzel. Der Schauspieler Michael Fitz ist zu Wetzels Bedauern 2007 aus dem Münchner „Tatort“ ausgestiegen.

Er schätze an diesen Ermittlern, dass sie „stinknormale Typen“ seien. Deshalb seien sie auch schon so lange erfolgreich dabei. Der Münchner „Tatort“ sei auch ein stückweit realistisch, wie im jüngsten Fall (Die Wahrheit) zu sehen war. Dort verfolgten die Ermittler über einen langen Zeitraum zig Spuren, ohne den Mörder zu fassen

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.