HNA-Interview

Richter, Bürgermeister, Abgeordneter und Chef: Jürgen Gehb geht in den Ruhestand

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Mit Ehefrau im Rathaus: Renate und Jürgen Gehb beim Neujahrsempfang der Stadt Kassel im Jahr 2014.

Kassel. Dr. Jürgen Gehb, langjähriger Vorstandssprecher der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), ist jetzt von Bundesfinanzminister Peter Altmaier in den Ruhestand verabschiedet worden.

Zuvor war Gehb (65) über lange Jahre rechtspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Bürgermeister der Stadt Kassel sowie Richter am Hessischen Verwaltungsgerichtshof in Kassel. In seiner Heimatstadt ist Gehb darüber hinaus für seine klaren Worte bekannt. Wir sprachen mit Gehb über sein abwechslungsreiches berufliches Leben.

Sie waren Richter, Bürgermeister, Bundestagsabgeordneter und die letzten siebeneinhalb Jahre Chef der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Welche Tätigkeit hat Sie am meisten herausgefordert?

Dr. Jürgen Gehb: In intellektueller Hinsicht war das sicher meine Zeit als Richter im Atomsenat des Verwaltungsgerichtshofs. Die größte persönliche Herausforderung hatte ich im Bürgermeisteramt, weil ich dort das hautnahe Feedback der Menschen bekommen habe. Die größte Verantwortung und die meisten Gestaltungsmöglichkeiten hatte ich hingegen bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben mit der Betreuung und Verwaltung von 19 000 Liegenschaften mit einer Grundstücksfläche von 470 000 Hektar und einer Gebäude-Bruttogrundfläche von 62 Millionen Quadratmetern. An der Spitze eines Konzerns mit über 7000 Mitarbeitern und fast 30 Milliarden Euro Bilanzsumme zu stehen ist schon noch etwas anderes, als einer von 600 beziehungsweise 700 Bundestagsabgeordneten zu sein.

Und was hat Ihnen am meisten Spaß bereitet?

Gehb: Das war schon das Bundestagsmandat. Als Abgeordneter habe ich alle Erdteile bereist und wurde überall freundlich begrüßt. Das hatte schon etwas Überwältigendes für jemanden wie mich, der ursprünglich aus einem kleinen Dorf kommt. Was man sonst nur im Fernsehen gesehen hat, konnte ich jetzt als Protagonist miterleben. Es war schon interessant, mit berühmten Bundespolitikern und der Kanzlerin zusammenzuarbeiten. Wenn man in Berlin ist, ist man schnell mit der Duzerei dabei, auch wenn man kein Genosse ist.

Haben Sie die Kanzlerin geduzt?

Gehb: Nein. Die Kanzlerin und Herrn Schäuble habe ich nie geduzt, aber viele andere vom Kabinett, wie zum Beispiel Peter Altmaier, der mich jetzt auch in den Ruhestand verabschiedet hat.

Nachdem Sie bei der Bundestagswahl im Jahr 2009 ihr Mandat verloren hatten, sagten Sie gegenüber der HNA: „Ich jubel nicht, ich kämpfe auch nicht mit den Tränen.“ Sind Sie im Nachhinein sogar froh darüber, dass Sie durch diesen Verlust des Mandats noch mal einen ganz neuen Weg bei der Bima einschlagen konnten?

Gehb: Im Nachhinein war es wie ein „Sechser im Lotto“, dass ich damals das Angebot erhielt, zur Bima zu wechseln. Das war der krönende Abschluss meines Arbeitslebens. Ich hätte ja im März 2011 in den Bundestag nachrücken können. Aus Pflichtbewusstsein gegenüber der Bima, die Wert auf Konstanz im Vorstand legte, bin ich aber in Bonn geblieben. Volker Bouffier und Volker Kauder hatten Verständnis für meine Entscheidung. Die Kasseler CDU hat allerdings ein bisschen geknüttert. Seit 2009 ist die Kasseler Partei ohne Vertreter im Bundestag, was auch finanzielle Folgen hat. Mein Verzicht auf die Möglichkeit, in den Bundestag nachzurücken, war ein schwerer Verlust für die Kasseler CDU, von dem sie sich bis heute nicht erholt hat.

Die Kasseler CDU hat bei den vergangenen Wahlen ja nie besonders gut abgeschnitten. Können Sie sich jetzt im Ruhestand eine Rückkehr in die Politik auf kommunaler Ebene vorstellen?

Gehb: Nein. Alles hat seine Zeit. Das wäre wie aufgewärmter Kakao. Ich muss auch auf mein Alter schauen, im Sommer werde ich 66. Ich möchte der Partei nicht mal mehr mit klugen Ratschlägen zur Seite stehen. Ich möchte meine Begabungen anderweitig einsetzen.

Haben Sie schon Ideen?

Gehb: Ich möchte alles in Ruhe angehen. Jetzt bin ich erst mal Rentner. Zudem hat meine Frau entschieden, mir zuliebe auch Ende dieses Schuljahrs als Lehrerin vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. Ich bin Vorsitzender zweier Aufsichtsräte von Immobiliengesellschaften. Das kann ich weitermachen. Zudem gibt es Anfragen, ob ich in beratender Funktion tätig werden könnte.

Sie sind bekannt für Ihre klaren Worte. Pöbelnde Drogenabhängige und Bettler haben Sie mal als Gesocks bezeichnet und den ehemaligen SPD-Oberbürgermeister Wolfram Bremeier einen Kotzbrocken genannt.

Gehb: Beides ist nicht ganz richtig. Ich habe damals gesagt, dass es einige Genossen in Kassel gibt, die Bremeier als Kotzbrocken bezeichnet haben, ohne mir diese Formulierung jemals zu eigen gemacht zu haben. Das habe ich mit Herrn Bremeier auch geklärt, der übrigens mein Nachbar ist. Zudem habe ich nicht gesagt, dass es sich bei allen Bettlern um Gesocks handelt, sondern nur bei denjenigen, die andere Menschen betrunken anpöbeln und aggressiv belästigen. Die Bezeichnung Gesocks wurde später von Kanzler Schröder auch verwendet, ohne dass sich jemand darüber aufgeregt hätte.

Sie waren also der Zeit voraus?

Gehb: Meine Frau meint, dass ich Dinge zu Unzeiten gesagt habe, die heute Allgemeingut sind. Ich wurde zum Beispiel dafür kritisiert, dass ich in der Stadtverordnetenversammlung gesagt habe, dass Ausländer, die hier leben, Deutsch lernen müssen. Dafür habe ich mir den Vorwurf der Zwangsgermanisierung eingehandelt. Zudem habe ich durch meine Erfahrung als Verwaltungsrichter frühzeitig gefordert, Asylverfahren zu beschleunigen. Da hieß es wieder: Typisch Gehb, der will mit Ausländern kurzen Prozess machen.

Gibt es Dinge, die Sie gesagt haben, die Sie bereuen?

Gehb: Wenn man mit 7000 Menschen zusammenarbeitet, kann man sich bei der feurigen Art, die ich habe, schon mal in der Wortwahl vergreifen. Wenn ich das gemerkt habe, habe ich sehr schnell versucht, das wieder hinzukriegen. An meine Robustheit, an meinen nordhessischen Charme, mussten sich im Rheinland viele Menschen erst gewöhnen. Als ich einen Raum verlassen habe, habe ich zum Beispiel mal zu Mitarbeitern gesagt, dass sie sich jetzt wieder hinlegen können. Das kam nicht bei allen gut an. Nicht jeder versteht sofort den Mangel an Ernsthaftigkeit.

Werden Sie im Ruhestand etwas vermissen?

Gehb: Meine engsten Mitarbeiter. Mit Michael Schön habe ich 20 Jahre zusammengearbeitet. Erst war er mein Büroleiter, als ich Abgeordneter war, 2011 ist er zur Bima gewechselt. Mit ihm habe ich mehr Stunden als mit meiner Ehefrau verbracht. Als ich bei der Bima begonnen habe, war es ein großer Wermutstropfen für mich, von Berlin nach Bonn wechseln zu müssen. Zuerst habe ich mich mit dieser Situation einigermaßen arrangiert, mittlerweile habe ich Bonn und seine Umgebung lieb gewonnen. Es fällt mir schwer, diese Tür jetzt zuzumachen.

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