Alt-Bundespräsident hat Region regelmäßig besucht

Roman Herzog in Kassel: Vom Ruck sprach er schon früher

Er war meist lockerer, als man es dem Juristen und Staatsoberhaupt zutraute: 1997 kam Bundespräsident Roman Herzog (Dritter von links) zur Eröffnung der documenta X. Archivfoto: Jochen Herzog

Kassel. Der verstorbene Alt-Bundespräsident Roman Herzog hat Kassel oft besucht. Bei seinem Antrittsbesuch als Staatsoberhaupt nutzte er sogar eine ganz besondere Formulierung.

Roman Herzog mochte keinen großen Bahnhof. Als Bundesrichter und Präsident des Verfassungsgerichts war er schon oft in Kassel gewesen – und hatte es immer vorgezogen, unerkannt in der Stadt unterwegs zu sein. Damit war spätestens am 3. Mai 1995 Schluss.

Es war der Tag, an dem Herzog seinen Antrittsbesuch als Bundespräsident in Hessen erledigte. Da war er bereits zehn Monate im Amt. Am Morgen wurde er in Wiesbaden von Tibet-Freunden kritisiert, weil er sich nicht mit dem Dalai Lama getroffen hatte, danach flog er mit dem Hubschrauber nach Melsungen.

Nach einem Besuch beim Medizinproduktehersteller B. Braun dann der große Empfang in Kassel. Vor dem Rathaus herrschte Volksfeststimmung, drinnen dicke Luft wegen der großen Hitze an diesem herrlichen Frühjahrstag.

Ein Mann, ein Buch: Zweimal hat sich Roman Herzog in das Goldene Buch der Stadt Kassel eingetragen. Einmal im Oktober 1988 und ein zweites Mal bei seinem Antrittsbesuch als Bundespräsident im Mai 1995 (siehe Bild).

In seiner Rede vor den Honoratioren der Stadt ging Herzog auf die besondere Lage Kassels im vereinigten Deutschland ein. Und er gebrauchte schon da ein sprachliches Bild, mit dem er zwei Jahre später in die deutsche Geschichte eingehen sollte: „Kassel hat mitten in Deutschland eine besondere Chance. Diese Chance muss man erkennen und sich einen Ruck geben, um sie wahrzunehmen.“ Beim anschließenden Spaziergang durch die Stadt, über den sich Roman Herzog und seine Frau Christiane sichtlich freuten, lud ihn Ministerpräsident Hans Eichel zur documenta 1997 ein. Mit seinem trockenen Humor entgegnete der Bundespräsident: „Die Einladung habe ich zur Kenntnis genommen. Herr Ministerpräsident, wenn Sie sich nicht in Acht nehmen, komme ich wieder.“

Letzter Besuch in Kassel als Bundespräsident: Roman Herzog (l.) 1999 in Kassel, begleitet von Hessens Sozialministerin Barbara Stolterfoht. Der Präsident des Bundessozialgerichts (r.), Matthias von Wulffen, schenkte ihm einen HNA-Bildband.

Diese Drohung machte Herzog wahr und kam 1997 zur Eröffnung der „dX“. Die künstlerische Leiterin Catherine David führte das Staatsoberhaupt und einen Tross um Ministerpräsident Eichel und Oberbürgermeister Georg Lewandowski zu einigen Kunstwerken am Kulturbahnhof und im Fridericianum.Das Protokoll hatte zwar angekündigt, dass Herzog keine Stellungnahme „zur modernen Kunst im Allgemeinen und die zehnte documenta im Besonderen“ abgeben werde. Am Ende ließ er sich doch hinreißen: Er habe „eine sehr nachdenkliche, nach innen gewandte documenta gesehen, „die wir brauchen können in unserer Zeit.“ Wenige Worte, mit denen Herzog wie so oft seinen Zuhörern etwas zum Nachdenken gab.

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