Rest des alten Schlossgeländes

Geheimnis um die Steintafel am Rondell in Kassel

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Die Tafel am Rondell in Kassel an der Schlagd hängt in mehreren Metern Höhe: Ursprünglich sollte die Inschrift auch aus größerer Entfernung zu lesen sein. Im Sommer befindet sich auf dem Rondell ein großer Biergarten.

Kassel. Eine historische, verwitterte Sandsteintafel am Rondell wirft Fragen auf: Was steht da eigentlich geschrieben? Was verbirgt sich dahinter? Und: Warum nur, hängt sie so hoch?

Der Kasseler Historiker Dr. Christian Presche kann Antworten geben. Gleichzeitig warnt er: Wenn die Tafel nicht bald restauriert wird, ist in kurzer Zeit nichts mehr zu erkennen.

Für seine Forschungen bezieht er sich auf eine Abschrift von Friedrich Nebelthau (1806 – 1875), Oberbürgermeister von Kassel, aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, die wiederum 1930 vom Leiter der Stadtforschungsstelle, Karl Paetow, abgeschrieben wurde und in den Gebäudeakten der Stadtforschungsstelle erhalten geblieben ist. Sie befindet sich heute im Stadtarchiv Kassel.

Auf der Tafel ist in Lateinisch ein Satz zu lesen. Er beginnt mit den Worten: WILHELMUS SEXTUS MOLEM HANC AB IMIS... Übersetzt: Wilhelm der Sechste hat diese Befestigung, die von den untersten Fundamenten her durch die Kraft der Wasser gelockert und durch plötzlichen Einsturz zusammengebrochen war, mit festeren, unter sich verbundenen (...-) (....) daselbst wiederhergestellt im Jahre 1652.

Verwittert: So sieht die Tafel am Rondell in Kassel heute aus. Vor neun Jahren waren mehr Buchstaben zu lesen. 

Dabei gibt es allerhand Besonderheiten. Beispielsweise werden in der Jahreszahl das „M“ in der damals üblichen Weise als „(I)“und das „D“ in entsprechender Weise als „I)“ dargestellt. „Leider“, so Presche, fehlt ein entscheidendes Wort, von dem Nebelthau gerade mal den Anfang „CO“ überliefert hat. Kurz dahinter sei noch „AP“ oder „AR“ zu erkennen, mehr nicht. „Meine Hoffnung ist, dass man auf einer Aufnahme Paetows aus den 1930er Jahren mehr erkennt.“

Das Rondell wurde um 1500 als Teil der Burgbefestigung gebaut und zwischen 1605 und 1628 ungefähr auf die heutige Höhe gebracht. Nach dem teilweisen Einsturz 1652 musste die Seite zur Fulda erneuert werden. Schließlich wurde dicht neben der Anschlussstelle an den erhalten gebliebenen Bestand im neuen Mauerwerk die Inschrifttafel als Erinnerung angebracht. Sie war zur Fuldabrücke hin ausgerichtet, die damals noch zwischen der Bettenhäuser Straße und den Fuldagassen verlief, denn es gab noch nicht die öffentlich begehbare Schlagd, und der Schiffsverkehr auf der Fulda spielte keine große Rolle. Um aber von der Brücke aus, in 90 Meter Entfernung, lesbar zu sein, muss die Tafel farbig gefasst worden sein, meint Presche: Entweder war es eine dunkle oder vergoldete Schrift in heller Tafel oder eine dunkle Tafel mit vergoldeter Schrift. 

Dr. Christian Presche

Die Inschrift ist damit eine von drei großformatigen steinernen Kasseler Inschriften, die auf große Entfernung ausgelegt waren, so Presche. Dies waren außerdem noch die Schriftzüge auf der Nordseite des Zeughauses (1583) und die Inschrift über dem Weinberger Tor (1714; heute an der Weinbergbrücke). 

Die Rondell-Inschrift ist als einzige noch an der originalen Stelle vorhanden. Es handelt sich um die einzige größere steinerne Inschrift aus der Mitte des 17. Jahrhunderts in Kassel überhaupt außer Grabplatten und Portalinschriften. 

Heute Regierungspräsidium: Rondell ist Rest des Schlosses

Das Rondell und die Ufermauer sind heute die einzigen sichtbaren Reste des alten Burg- beziehungsweise Schlossgeländes, auf dem heute das Regierungspräsidium steht. Zwischen 1485 und 1502 wurden unter den beiden Landgrafen Wilhelm I. und Wilhelm II. neue Befestigungswerke angelegt, wobei Ufermauer und Fuldarondell direkt in das Flussbett hineingebaut wurden. Hinter den neuen Wehrmauern aus der Zeit seines Onkels und seines Vaters ließ Landgraf Philipp ab 1523 zeitgemäße hohe Wälle aufschütten, und ab 1526 erfolgte eine Neubefestigung der Stadt. 

Ansicht um 1775: Dieses 1959 von Ernst Metz nach alter Vorlage gestaltete Gemälde zeigt die Fuldabrücke mit dem 1811 abgebrannten Landgrafenschloss im Hintergrund. Links im Bild ist das Rondell zu sehen. Sogar die Tafel ist erkennbar.

„Das Rondell lässt dabei noch gut den Umfang der Erneuerungsarbeiten von 1652 erkennen“, sagt Historiker Christian Presche. Rechts von der Inschrifttafel, zur Stadt hin, bis zum Mauervorsprung, ist noch das ursprüngliche Mauerwerk aus der Zeit um 1500 zu erkennen. Es besteht aus überwiegend hellem Sandstein. Das Mauerwerk endet unter einer horizontalen Lage aus grauen Steinen, in der Höhe, in der die Inschrifttafel ansetzt. „Das ist vermutlich die ursprüngliche Mauerhöhe“, sagt Presche. 

Das Rondell überragte damit die übrigen Wehrmauern, blieb aber unter der Gesamthöhe der dahinter aufragenden Befestigungswälle. „Vermutlich im frühen 17. Jahrhundert wurde das Rondell um einen zweiten Wehrgang erhöht, so dass es die Höhe der Wallkrone erreichte.“ Abgesehen von dem beschriebenen alten Mauerstück ist die übrige Außenmauer zur Fulda hin nach dem Einsturz 1652 vollständig in kleinteiligem, meist roten Bruchsteinmauerwerk erneuert. Auf den oberen Wehrgang aus dem frühen 17. Jahrhundert wurde beim Wiederaufbau 1652 verzichtet. „Nicht auszuschließen ist, dass die obere Mauerkrone (graue Steine) später noch mal erneuert wurde, als um 1817/18 die angrenzende Ufermauer erhöht wurde.“

Das Rondell in Kassel in der Übersicht

Das Rondell ist ein ziemlich robuster Bau. Vermutlich hat er auch deshalb die Jahrhunderte überdauert. Die Maße des Rondells in der Übersicht.

  • 3,45 Meter tief ist der Brunnen, der sich im Rondell befindet.
  • 9 Meter dick sind die Außenwände des Rondells. Auch der Durchmesser der Kuppelhalle liegt bei neun Metern.
  • 15 Meter hoch ist das Bauwerk an der Fulda, auf dem im Sommer der Biergarten thront.
  • 28 Meter beträgt der Gesamtdurchmesser des Rondells, an das sich eine Mauer anschließt.

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