200 Bäume werden gefällt

Folgen des Klimawandels? Schäden durch Trockenheit - Bäume auf Kassels Friedhöfen sterben

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Tote Bäume: Auf dem Friedhof Bettenhausen sind die Schäden eklatant. Unser Foto zeigt Jürgen Werner (links) von der Friedhofsverwaltung und Baumpfleger Christian Wessel mit einer vertrockneten Kiefer.

Kassels Friedhofsverwaltung schlägt Alarm: Die Bäume auf Kassels Friedhöfen sterben. Nun müssen sie gefällt werden. 

 „Wir werden in den nächsten Wochen allein auf dem Hauptfriedhof 150 Bäume fällen“, sagt Baumexperte Jürgen Werner. Zum Vergleich: Vor 15 Jahren betrug die Zahl der Bäume, die im Jahr gefällt werden mussten, zwischen 30 und 40.

Die größten Schäden seien auf dem Friedhof Bettenhausen zu verzeichnen. Von den 800 Bäumen im Kasseler Osten müssten jetzt rund 45 gefällt werden. Das ist mehr als jeder 20. Baum. Eine genaue Schadenszahl für alle 14 Friedhöfe in Kassel könne er noch nicht angeben. 

„Erschreckend“, so Jürgen Werner, sei das Tempo, mit dem die Baumschäden sichtbar würden. Bei den monatlichen Begehungen kämen ständig weitere Schadensbilder und Todeskandidaten hinzu. 

Im Frühjahr, so befürchtet Werner, werden einige Friedhofsbäume nicht mehr austreiben. „Wenn es nicht langsam durchregnet, kriegen wir ein Riesenproblem.“ Schon jetzt sehe man kaum noch geschlossene Baumkronen.

Der Klimawandel sei die Ursache für Beeinträchtigung der Bäume

Hauptursache für die Beeinträchtigung der Bäume sei die Trockenheit. „Der Klimawandel und der damit verbundene gesunkene Grundwasserspiegel sind längst bei uns angekommen.“ 

Die Bäume litten unter Wassermangel und Hitze und seien dadurch anfällig für Krankheiten und Schädlinge, etwa den Borkenkäfer. Die Abwehrkräfte der Bäume sind beeinträchtigt. Betroffen seien alte und junge Bäume gleichermaßen, so Jürgen Werner, was für ein Grundwasserproblem spreche.

Die toten und kranken Bäume müssten – anders als im Forst – entfernt werden, weil sie sonst eine Gefahr für die Verkehrssicherheit darstellen. Friedhofsbesucher müssten vor herabfallenden Ästen und morschem Holz geschützt werden. Nachgepflanzt würden Bäume, die möglichst hitzeunempfindlich sind, wie Amberbäume oder Feldahorn.

Kassels Friedhöfe sind für ihren großen und alten Baumbestand bekannt. Auf den insgesamt 95 Hektar Fläche der Friedhöfe wachsen 7500 Bäume. Zu dem Baumbestand zählen auch 180 Jahre alte Bäume. 

Lichte Kronen zeigen die Not

Der Hauptfriedhof ist ein Ort der Andacht, er dient mit seinen alten Baumbeständen den Menschen in der Nordstadt auch als Park und Ort der Muße. Er vereint Vergängliches und Gegenwärtiges – Mausoleen und Grabstätten fügen sich ein in gewachsene Natur.“ 

Mit diesen feierlichen Worten wirbt die Stadt Kassel auf ihrer Internetseite mit der grünen Lunge der Nordstadt, dem 40 Hektar großen denkmalgeschützten Hauptfriedhof. Nicht nur für Touristen gehören zum festen Bestandtteil im Friedhofsbesichtigungsprogramm die dendrologischen Führungen, bei denen ausschließlich die Bäume und Sträucher im Mittelpunkt stehen. 

Geschädigt: Rund hundertjährige Säuleneiche auf dem Hauptfriedhof.

Jürgen Werner von der Friedhofsverwaltung befürchtet: „Es werden künftig zunehmend lichte und geschädigte Baumkronen zu sehen sein, bei alten wie bei jungen Bäumen.“ Sie leiden gleichermaßen unter der Trockenheit und einem gesunkenen Grundwasserspiegel. Besonders betroffen seien Flachwurzler wie Fichten und Birken. 

Ein Vorbote für den Stress der Bäume: Sie produzieren Unmengen an Früchten wie Eicheln und Kastanien. Der Spruch, viele Baumfrüchte kündigten einen harten Winter an, sei schon lange obsolet. 

„Die Bäume bringen noch einmal alle Reserven auf, um sich zu vermehren, bevor sie sterben.“ Sorgen macht sich Werner auch um die historischen Alleen. „Hier mussten wir schon viele alte und geschwächte Eichen herausnehmen.“ 

Schäden sind eklatant: Eine kranke Kiefer auf dem Friedhof in Bettenhausen.

Es werde natürlich nachgepflanzt, aber das gewachsene homogene Bild geht verloren. Was ihn besonders nachdenklich macht: „Wir haben ja auf unseren Friedhöfen eine besonders geschützte Situation für Bäume, quasi eine Enklave. Sie sind keinen Abgasen und Wärmeabstrahlungen durch Bauwerken ausgesetzt und sie müssen sich keinen Platz zwischen Asphalt und Beton erkämpfen. 

„Und trotzdem sind sie so krank und geschwächt.“ Man bemühe sich, beim Nachpflanzen auf Baumarten zurückzugreifen, die mit Hitze und Stress besser umgehen können und müssen dabei viel ausprobieren. Ginkgo, Amberbaum und Hartriegel könnten künftig auf Friedhöfen häufiger anzutreffen sein als Eiche, Birke und Buche.

Hintergrund: Friedhöfe in Kassel

Der größte Friedhof in Kassel ist der Hauptfriedhof in der Nordstadt. Außerdem gibt es Friedhöfe in Bettenhausen, Harleshausen, Kirchditmold, Niederzwehren, Fasanenhof, Nordshausen, Oberzwehren, Rothenditmold, Bad Wilhelmshöhe, Waldau, Wehlheiden, Süsterfeld-Helleböhn und Wolfsanger. 

Der einzige erhaltene jüdische Friedhof liegt im Stadtteil Bettenhausen. Der Friedhof Mulang ist der kleinste Friedhof Kassels. Er war ursprünglich Bediensteten des Kurfürsten vorbehalten. In der Künstler-Nekropole in Harleshausen können documenta-Künstler ihr Grabmal gestalten und sich dann dort bestatten lassen.

Der Altstädter Friedhof auf dem Lutherplatz ist ein historischer Friedhof, der von der Stadt Kassel gepflegt wird. In Niederzwehren gibt es zwei Soldatenfriedhöfe.

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