Viel Schnaps im Spiel

Kasseler Schalke-Fan vor Gericht: Verdacht auf versuchten Mord

+
Wenn die sportliche Rivalität zweier Fußballklubs in Gewalt ausartet: Zwei Schalke-Fans sind wegen versuchten Mordes an einem BVB-Anhänger angeklagt. Tatort war der Kirschenmarkt in Gladenbach.

Kassel/Marburg. Weil sie einen BVB-Fan bei einem Volksfest lebensgefährlich verletzt haben, müssen sich zwei junge Schalke-Anhänger wegen versuchten Mordes vor Gericht verantworten.

Sie teilen die Vorliebe für den FC Schalke 04 und haben ein Problem gemeinsam: Am Wochenende und zu besonderen Anlässen trinken beide gerne einen über den Durst und verlieren dann die Kontrolle. Bei einem Volksfest im mittelhessischen Gladenbach ist die Lage im Juli 2017 völlig aus dem Ruder gelaufen. Zwei 20-jährige Schalke-Fans aus Kassel und Hohenahr (Lahn-Dill-Kreis) prügelten und traten einen 22-jährigen Dortmund-Fan fast zu Tode. Drei Wochen hatte er im künstlichen Koma gelegen.

Anhand einer Blutuntersuchung schätzt die Rechtsmedizin den Alkoholpegel der Angeklagten Tatzeit auf 1,13 bis 1,73 Promille. Am dritten Verhandlungstag vor der großen Jugendkammer des Landgerichts Marburg standen jetzt die Lebensumstände der beiden mittlerweile 20-jährigen Angeklagten im Mittelpunkt.

Stand in der Vergangenheit ein Besuch im Fußballstadion an, konnten es am Tag „ein bis zwei Flaschen Schnaps“ werden – dazu noch Bier, berichtete der Angeklagte aus Kassel. In dessen Leben zeigte die Jugendgerichtshilfe einige Brüche auf. Nach der Trennung der Eltern geht es für ihn mit der Mutter nach Nordrhein-Westfalen. Mit acht Jahren fällt er wegen Aggressionen auf. Ein Arzt attestiert ein Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS), er bekommt Medikamente, die er mit 14 Jahren selbst absetzt.

2014 zieht er zurück zum Vater nach Kassel, vorausgegangen waren ein Schulverweis und zunehmende Probleme mit der Mutter. Auf Schulabschluss und FSJ in einem Altenheim folgt – statt der geplanten Ausbildung zum Altenpflegehelfer – ein Jahr, in dem er „versackt“, „null Bock hat“. Anerkennung habe er in der Schalke-Fangemeinde und beim Sport – Kickboxen – bekommen. Nach der Trennung von der Freundin und dem Krebstod eines Freundes habe er abgebaut, hieß es im Bericht der Gerichtshelferin.

In der Untersuchungshaft in Rockenberg (Wetterau) engagiere er sich und suche Hilfe beim Seelsorger und dem psychologischen Dienst. Die Gerichtshilfe sieht den 20-Jährigen auf einem guten Weg in die Selbstständigkeit, mit Hilfe könne er seine Probleme in den Griff bekommen. Deshalb schlug sie ein Urteil nach dem Jugendstrafrecht vor.

„Schlachten ganz Dortmund“

Soziale Kontakte, Arbeit in der Altenpflegehilfe. „Das passt alles nicht zu dem, was in Gladenbach passiert ist“, sagte Richter Dr. Thomas Wolf und las vor, was der Angeklagte zu Beginn seiner Untersuchungshaft auf einen Zettel geschrieben hat: „Dortmund jagen und vernichten. Bullen kriegen Pflastersteine vor die Hälse. Wir schlachten ganz Dortmund“, waren nur einige der Parolen.

Solche Sprüche seien in der Ultraszene „nichts Außergewöhnliches“, versuchte Verteidiger Knuth Meyer-Soltau zu relativieren. Der Angeklagte habe damit aus Langeweile „Frust abbauen wollen“, erklärte Meyer-Soltau, der als „Fananwalt“ im Ruhrgebiet bekannt ist.

Der Prozess wird am 23. Februar, 11 Uhr, in Marburg fortgesetzt.

Von Philipp Lauer

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.