Geschäftshaus der Modefirma Köhler ist seltenes Zeugnis hugenottischer Rokoko-Architektur 

Schmuckstück der Kasseler Stadtgeschichte

+
Die Tage von Köhler sind gezählt: Mitte 2018 gibt das Modehaus seinen Standort an der Oberen Königsstraße auf.

Kassel. An einer einzigen Stelle rund um den Friedrichsplatz glänzt noch ein Stück Rokoko-Architektur der untergegangenen Kasseler Oberneustadt: In dem Geschäftshaus Obere Königsstraße 37 wird nach dem für Mitte 2018 angekündigten Auszug des Modehauses Köhler ein neues Kapitel aufgeschlagen werden.

Zur Zeit von König Jéroˆme (1807-13) galt das Gebäude als wertvollstes Privathaus Kassels. Heute dürfte es kaum eine wertvollere Geschäftslage mit höherer Kundenfrequenz in der Innenstadt geben. Wir werfen einen Blick zurück auf die Geschichte der so genannten Alten Kommandantur.

Das historische Gebäude

Planer wie Bauherr der Liegenschaft waren hugenottischer Abstammung: Hofbaumeister Simon Louis du Ry errichtete das imposante Gebäude um 1773 für den Kasseler Großkaufmann Jacques Roux. Die französischen Religionsflüchtlinge, von Landgraf Karl nach Hessen-Kassel geholt, integrierten sich schnell und überaus erfolgreich ins städtische Leben und errichteten ihre Domizile in der damals neuen Oberneustadt rund um Friedrichs- und Karlsplatz.

Der Name

1837 erwarb der kurhessische Staat das Haus für seine Militärverwaltung und machte es zum Dienst- und Wohnsitz des Kasseler Stadtkommandanten. Ebenso nutzten ab 1866 die neuen preußischen Landesherren das Gebäude – daher der Name „Alte Kommandantur“.

Die Nachkriegszeit

Den Zweiten Weltkrieg hatte das Gebäude als einziges Haus der barocken Oberneustadt nahezu unbeschädigt überstanden. Zunächst zog das Finanzamt Kassel ein, bis die Behörde 1958 ihr Domizil an der Spohrstraße beziehen konnte.

Der Kampf um den Erhalt

1963 wurde in Kassel bekannt, dass der Bund die Alte Kommandatur verkaufen wolle. Laut damals geltendem Denkmalrecht wäre das Haus nicht vor einem Abriss aus Spekulationsgründen sicher gewesen. Stadt- und Kulturpolitiker waren alarmiert, es gab sogar Demonstrationen für den Erhalt der Kommandantur.

Die neuen Eigentümer

1964 kauften zwei Unternehmer das Anwesen je zur Hälfte: Der Kasseler Wohntextil-Unternehmer Erich Münstermann, der zuvor schon Mieter im Gebäude war, erwarb den Trakt zur Theaterstraße hin. Der Kaufmann Friedrich Vordemfelde, Kleiderfabrikant aus Aschaffenburg, sicherte sich den Gebäudeteil an der Ecke zur Oberen Königsstraße.

Vordemfelde hatte bereits 1953 das Kasseler Traditionsgeschäft Hettlage übernommen und unter diesem Namen fortgeführt. Hettlage, bislang behelfsmäßig im Henschelhaus am Königsplatz ansässig, sollte durch das Immobiliengeschäft einen neuen, dauerhaften Firmensitz erhalten.

Der Wiederaufbau

Beide Käufer wollten den Altbau abreißen und an seiner Stelle ein modernes Geschäftshaus errichten. Das stieß aber auf entschiedenen Widerstand von Politik, Einwohnern und Denkmalpflege. Ein Hauptproblem: Das Erdgeschoss der Alten Kommandantur lag damals deutlich über Straßenniveau. Die Denkmalschützer befanden: Dieser Zustand lasse sich nicht beseitigen, ohne die historische Fassade stark zu gefährden.

Schließlich einigte man sich darauf, das Gebäude ganz abzubrechen und die Fassaden in leicht veränderter Form wieder neu zu errichten. So geschah es zwischen 1968 und ’70: Der Balkon an der Königsstraße und einzelne Ornamente wurden als Originalsubstanz in den Nachbau integriert.

Die jüngsten Änderungen

1995 trennten sich die geschäftlichen Betreiber vom Traditionsnamen Hettlage, das Haus firmiert seither unter „Köhler Männermode“. 2009 wurde eine aufwendige Sanierung der Fassade vorgenommen. Heute entspricht die Alte Kommandantur äußerlich wieder weitestgehend dem historischen Original.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.