Nach dem Schulstreik am Montag

Schüler in Kassel üben Kritik: "Hier regnet es rein"  

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Vanessa Diener ist Schülerin und Sprecherin des Bündnisses "Unsere Zukunft erkämpfen". 

Kassel. Am Montag haben hunderte Schüler in Kassel gestreikt. Wir sprachen mit Vanessa Diener, Sprecherin des Bündnisses „Unsere Zukunft erkämpfen“, das zur Protestaktion aufgerufen hatte.

Mit einem Tag Abstand: Wie zufrieden sind Sie mit dem Schülerstreik?

Vanessa Diener: Wir sind sehr zufrieden und waren völlig geflasht, als um 9 Uhr so viele Schüler auf der Straße waren. Wir haben zu Beginn 800 bis 900 gezählt. Es war bunt, die Stimmung war super. Auch viele Eltern waren solidarisch. Trotz der vielen Vorbehalte, die im Vorfeld laut geworden waren. Die Schüler haben sich aber nicht entmutigen lassen. In unseren Augen war es ein Erfolg.

War die Kritik nicht ein bisschen sehr weit gefasst und richtete sich an verschiedene Adressaten: von Kritik an sanierungsbedürftigen Schulräumen über zu wenig Lehrer bis hin zum Schulstress?

Diener: Das eine geht doch mit dem anderen einher. Da besteht ein Zusammenhang, er bedeutet: Es kann nicht richtig Unterricht gemacht werden. Das sind die Themen, von denen sich alle Schüler betroffen fühlen.

Aber Sie haben sich mit Ihrem Protest ja an die Stadt als Schulträger gewandt.

Diener: Ein intaktes Schulgebäude ist nun mal die Grundvoraussetzung. Ich fand es positiv, dass Zusammenhänge geknüpft wurden.

Welche Schulen sind denn so stark betroffen von einer maroden Bausubstanz?

Diener: Wir haben ja im Vorfeld gesammelt und haben wirklich krasse Bilder gesehen. Beispielsweise hat es in den Schulen Hegelsbergschule, Elisabeth-Knipping-Schule und in der Offenen Schule Waldau reingeregnet, dass das Wasser in Eimern aufgefangen werden musste.

Das Mobiliar ist in vielen Schule veraltet und stammt noch aus den 60er- 70er-Jahren. In vielen Schulen sind die naturwissenschaftlichen Räume in schlechtem Zustand und das ist ja sogar gefährlich.

Man kann doch nicht überall mit ehrenamtlichen Reparatur-Einsätzen der Eltern rechnen.

Vor der Demo gab es Gespräche mit Vertretern der Stadt?

Diener: Das Schülerbündnis hat sich seit September regelmäßig einmal wöchentlich getroffen, um die Kundgebung vorzubereiten. Als die Stadt das mitbekommen hat, wurde uns ein Gespräch mit Oberbürgermeister Christian Geselle und Schuldezernentin Anne Janz angeboten. Ich sage gerne „Hinterzimmer-Treffen“. Wir fanden das Gespräch enttäuschend und unbefriedigend: Uns wurde mitgeteilt, dass der Stadt die Hände gebunden seien. So kamen wir zu dem Schluss, dass wir mit unseren Plänen zu protestieren weitermachen. Die Kommune ist nun mal in der Verantwortung, wenn es bei Schulgebäuden einen Sanierungsstau von – laut Hochbauamt – 150 Millionen Euro gibt. Einige Aktivisten waren am Montag auch bei der Stadtverordnetenversammlung anwesend. Das war sehr spannend.

Wie geht es jetzt weiter?

Diener: Wir werden am Donnerstag den Schulstreik auswerten. Er hatte sicher den gewünschten wichtigen und politisierenden Effekt: Zuhause, an den Familientischen, werden die Probleme jetzt thematisiert.

Ich denke, es ist klar, dass wir weiter agitieren müssen. Dabei ist es uns wichtig zu sagen, dass wir weder von den Linken noch anderen instrumentalisiert wurden. Wir möchten gerne zeigen, dass die Jugend nicht desinteressiert und apolitisch ist, wie viele behaupten. Im Gegenteil Unser Anliegen ist ein gesellschaftlich wichtiges.

Wir werden genau darauf achten, was mit dem Geld aus dem Kommunalen Investitionsprogramm, Kip II, das im Februar erwartet wird, geschieht: ob es in marode Schulen fließt. Es wird ohnehin hinten und vorne nicht reichen. Deshalb sind wir der Meinung, dass die Stadt in der Pflicht steht. Kassel ist doch keine arme Stadt.

Alle reden davon, dass Bildung wichtig ist und in die Jugend investiert werden soll. Wenn es dann darum geht, Geld in die Hand zu nehmen, ist davon keine Rede mehr.

Vanessa Diener (20) ist Schülerin an der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule, wo sie zurzeit ihr Abitur macht. Sie ist in der Nähe von Aschaffenburg geboren und lebt seit 2015 in Kassel. Ihre Leistungskurse sind Französisch und Politik. Diener ist Mitglied der Linksjugend solid und der Sozialistischen Alternative (SAV).

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