Schuldenfalle Konsum

Kasseler spricht über Schuldenfalle - Das hat ihm geholfen

+
Schuldnerberatung der Sozialen Hilfe: Sozialarbeiterin Sibel Ayvaz hilft Arnold Lomb dabei, seine Schulden abzubauen.

Jeder sechste Kasseler ist überschuldet. Wenn sich Kredite anhäufen wird daraus nicht selten ein Teufelskreislauf. Die Schuldnerberatung der Sozialen Hilfe Kassel hilft.

Laut dem jüngsten Schuldneratlas des Inkasso-Dienstleisters Creditreform ist etwa jeder sechste Kasseler überschuldet. Wem die Schulden über den Kopf wachsen, der kommt aus diesem Teufelskreis oft nicht alleine heraus. Schuldnerberatungen bieten Hilfe an.

„Das ging so schnell“, sagt Arnold Lomb. „Man ist sich dessen gar nicht bewusst. Das ist wie beim Schneeschaufeln. Dabei werden die Berge auch immer größer.“ 

Was der 63-jährige Kasseler schildert, dürfte vielen Menschen vertraut sein. Arnold Lomb ist verschuldet. Schon seit Jahren schiebt er einen Schuldenberg vor sich her. Immer in der Hoffnung, das Problem alleine bewältigen zu können. Immer mit schlechtem Gewissen und beschämt.

Kassel - jeder sechste ist überschuldet: Wenn Rückzahlungen überfordern

Dabei war ihm lediglich das passiert, was Tausenden anderen auch passiert. Lomb hatte über Jahre einige Kredite aufgenommen – „um mir ein paar Wünsche zu erfüllen“, wie er sagt. Eine neue Wohnzimmereinrichtung zum Beispiel und einen Roller.

„Das war eine Art Jugendtraum von mir“, so der heutige Frührentner. Damals war er berufstätig, hatte eine Festanstellung, ein geregeltes Auskommen. Die Kredite konnte er zu der Zeit problemlos zurückzahlen.

Kassel: Lomb verlor seinen Job und konnte Kredite nicht mehr bedienen

Doch dann verlor der gelernte Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte seine Arbeit und die Rückzahlungen nahmen überhand. Lomb konnte die Kredite nicht mehr bedienen. Zu den ursprünglichen Schulden kamen Verzugsgebühren hinzu. 

Die Schulden wurden immer größer. „Es kommt einfach immer mehr zusammen“, beschreibt Lomb den jahrelangen Teufelskreis, in dem er gesteckt hat. In kürzester Zeit türmte sich ein Schuldenberg im oberen vierstelligen Bereich auf. 

Trotzdem war Lomb sicher, das alleine wieder in den Griff zu kriegen. „Ich hatte immer noch eine Nebenbeschäftigung und konnte einen Teil der Kredite bedienen“, sagt er. „Ich dachte, das wird schon gehen und ich krieg die Kurve noch selbst.“

Kassel: Schuldenfalle und Insolvenz

Doch eines Tages ging es eben nicht mehr. Lomb zahlte irgendwann mehr Zinsen als Abtrag. Ein Ende der Schuldenspirale war nicht in Sicht. Zunächst suchte er Rat bei einem Anwalt. 

Der empfahl ihm, in die Verbraucherinsolvenz zu gehen, ein Verfahren, das in der Regel sechs Jahre dauert. Die Anwaltskosten lagen schnell bei mehreren hundert Euro.

Dann wandte sich Lomb an die kostenfreie Schuldnerberatung des Kasseler Vereins Soziale Hilfe, die Wohnungslosen und Besucher der Vereins-Tagesaufenthaltsstätte Panama an der Kölnischen Straße offen steht. 

Das sei ihm nicht leicht gefallen, sagt er. Hilfe in Anspruch zu nehmen, sei ihm peinlich gewesen. Er habe sich für seine Schulden geschämt.

"Schuld-los": Beratung bei Überschuldung in Kassel 

Erst ein Jahr nachdem er den Aushang im Panama gesehen hatte, nahm er seinen Mut zusammen und ging in die Sprechstunde von Sibel Ayvaz. 

Die Sozialpädagogin bietet die Beratung im Rahmen des Projektes „Schuld-los“ der Sozialen Hilfe in Kassel in Hessen an. Gemeinsam verschafften sie sich einen Überblick über Lombs Lage.

Ayvaz riet angesichts der überschaubaren Schuldenhöhe von einer Verbraucherinsolvenz ab. Stattdessen bot sie den Gläubigern einen Vergleich an. 

20 Prozent der Schulden sollte Lomb demnach in Raten zurückzahlen, auf die anderen 80 Prozent würden die Gläubiger verzichten. Der Hauptgläubiger stimmte zu. „Da ist mir ein Felsbrocken vom Herzen gefallen“, sagt Lomb.

Lomb aus Kassel: Nach 12 Jahren ein Ende der Schulden in Sicht

Über den Verein Soziale Hilfe bekam er ein zinsloses Darlehen aus dem Sozialfonds, mit dem er den Gläubiger auszahlen konnte. Den Kredit zahlt er jetzt an den Verein in kleinen Raten über ein Jahr ab. 

Der größte Brocken ist damit geschafft. Den weiteren Gläubigern wird Ayvaz einen neuen Vergleich anbieten.

Zwölf Jahre lang hat Lomb mit Schulden gelebt, die ihm unüberwindbar schienen. Heute ist er erleichtert. „Ich fühle mich jetzt wieder wohl“, sagt der 63-Jährige. 

Unter den Schulden habe er sehr gelitten. „Ich habe mich ständig schuldig gefühlt, hatte ein schlechtes Gewissen und das Gefühl, versagt zu haben“, beschreibt er seine Emotionen.

Ziel des Kasselers: Leben ohne Schulden

Jetzt will der 63-Jährige endlich alles hinter sich lassen und seine Schulden begleichen. „Ich habe sie gemacht und will dafür auch geradestehen. 

Ich will reinen Tisch machen, die Verantwortung übernehmen und mit der Vergangenheit abschließen“, sagt Lomb. „Endlich sehe ich wieder Licht am Ende des Tunnels.“

Sibel Ayvaz kennt das bedrückende Gefühl und die Scham, die mit Schulden einhergehen, aus eigener Erfahrung. „In meiner Jugendzeit konnte ich nicht gut mit Geld umgehen“, erzählt die Sozialpädagogin freimütig. 

Die 40-Jährige schaffte es damals aus eigener Kraft, ihre Probleme zu lösen. Doch rückblickend, sagt sie, hätte sie sich besser an eine Beratungsstelle gewandt. „Aber davor hatte ich auch Angst.“ 

Besonders junge Menschen tappen in die Schuldenfalle

Ayvaz kann sich entsprechend gut in die Betroffenen hineinversetzen, die bei ihr Hilfe suchen. Das seien Menschen im Alter von 18 bis 70 plus. In die Schuldenfalle tappten vor allem jüngere Menschen oft wegen Handy- oder Fitnessstudioverträgen. 

„Beim Abschluss denken sie nicht daran, dass sie damit eine Verpflichtung eingehen“, sagt die zertifizierte Schuldner- und Insolvenzberaterin. 

Auch Strafen wegen Schwarzfahrens, Mietschulden und nicht gezahlte Rundfunkgebühren seien häufig die Ursache. Klassische Gründe seien auch Alkohol-, Drogen- und Spielsucht sowie Arbeitslosigkeit. 

„Die Gläubiger fackeln oft nicht lang und übergeben die Sache einem Inkassounternehmen“, berichtet Ayvaz. Dann werde es richtig teuer. 

Überblick über Schulden schaffen

„Wichtig ist es, den Kopf nicht in den Sand zu stecken“, sagt die Sozialpädagogin. Betroffene verschlössen ihre Augen nicht selten vor der Realität, öffneten etwa Rechnungen und Mahnungen nicht mehr. 

Einige entschieden sich auch für ein Leben auf der Straße, um nicht mehr greifbar zu sein. Der Leidensdruck könne so groß werden, dass die Betroffenen ihren Lebensmut verlören. 

„Unsere Beratung ist ein niedrigschwelliges Angebot“, sagt Ayvaz. Normalerweise müsse der Schuldner erst einen Antrag auf Beratung stellen. Bei den regulären Beratungsstellen gebe es oft lange Wartezeiten von einigen Monaten. 

Bei „Schuld-los“ wird diese Zeit genutzt, um die ersten Schritte einzuleiten. Sibel Ayvaz verschafft sich einen Überblick über die Verbindlichkeiten und klärt die Schuldner über ihre jeweiligen Möglichkeiten auf, um sie auf die reguläre Beratung vorzubereiten. 

Niemand brauche sich für seine Schulden zu schämen, betont Ayvaz. „Schulden machen geht so schnell. Es genügt schon, seine Arbeit zu verlieren oder krank zu werden, und schon steckt man in einem Teufelskreis.“ 

Sie abzubauen, sei hingegen eine langwierige Sache. „Das braucht Geduld.“ Doch wer mit Schulden lebt, müsse das nicht für immer tun. „Es gibt immer Möglichkeiten und Anlaufstellen. Traut euch“, appelliert sie an Betroffene.

Hintergrund

Der Verein Soziale Hilfe in Kassel berät und betreut wohnungslose, hilfebedürftige, haftentlassene, inhaftierte und sozial benachteiligte Menschen. Sein Angebot reicht von Beratungsstellen über Wohnangebote bis hin zu Straßensozialarbeit und Straffälligenhilfe. 

Zudem betreibt er die Tagesaufenthaltsstätte Panama. Finanziell unterstützt wird die Soziale Hilfe vom Landeswohlfahrtsverband Hessen, der Stadt Kassel sowie hessischen Justizministerium und dem Europäischen Sozialfonds. Darüber hinaus ist der Verein auf Spenden angewiesen.

Weitere Informationen zum Verein und zum Thema Spenden finden Sie im Internet unter soziale-hilfe-kassel.de

Insbesondere im Stadtteil Nord-Holland sind die Menschen von Überschuldung betroffen. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.