Wohnhaus lernte laufen

So überstand Kassels ältestes Fachwerkhaus den Zweiten Weltkrieg

Am alten Standort: Auf dem Foto steht das Haus noch am Marställer Platz. 

Kassel. Die Kasseler Altstadt ging im Feuersturm des Zweiten Weltkriegs unter. Nur eines der Altstadt-Fachwerkhäuser aus dem 16. Jahrhundert steht bis heute. Wie kann das sein?

Die Lösung ist so einfach wie unglaublich. Es hatte die Altstadt verlassen, noch bevor die Bomben der Alliierten fielen. Es war 1902 von Zimmermeister Heinrich Schwalm am Marställer Platz abgebaut und an der Ahnatalstraße 59 in Harleshausen wieder aufgebaut worden.

Die Geschichte dieses ungewöhnlichen Hauses, das nach Auskunft der Stadt das älteste noch bewohnte Wohngebäude der Stadt ist, beginnt Ende des 16. Jahrhunderts. Wann genau es erbaut wurde, ist unbekannt. Zunächst war es im landgräflichen Besitz. Die erste Erwähnung datiert auf das Jahr 1605, als ein Schneider es bewohnte. Später zogen Hugenotten ein. Ein 1844 entstandenes Aquarell von Ludwig Emil Grimm, dem Malerbruder von Jacob und Wilhelm Grimm, zeigt den Marställer Platz und das Fachwerkgebäude mit der Hausnummer 7.

Gebäude stand im Weg

Am heutigen Standort: Das Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert stammt aus der Kasseler Altstadt und steht seit 1902 in Harleshausen.

Als 1901 die Tränkepforte am Marställer Platz verbreitert werden sollte, stand das Haus, das mittlerweile die Weinstube „Ritter“ beherbergte, im Weg. Nun kam der Zimmermeister Schwalm ins Spiel. Er baute das Haus ab und transportierte es nach Harleshausen. Dorte baute er es nicht ganz so exakt wieder auf, wie es in der Altstadt gestanden hatte. „Er musste es um ein Stockwerk verkleinern, damit es zur Bebauung in Harleshausen passt“, erzählt der heutige Eigentümer Helmut Viehmeier. Viehmeier war mit der Enkelin des Zimmermeisters Schwalm verheiratet, die aber inzwischen verstorben ist.

Aber das Gebäude wurde nicht nur kleiner, Schwalm verschob auch den imposanten Renaissance-Eingang von der Mitte auf die rechte Seite. Es war nicht das erste und einzige Mal, dass Heinrich Schwalm Häuser versetzte. Dessen noch lebender Enkel Reinhard Schwalm hat alte Fotos, auf denen zu sehen ist, wie sein Großvater Gebäudeteile auf Schienen und Holzbalken sowie mit Stahlketten an ihren neuen Standort bringt.

Bis in die 1960er-Jahre war das Fachwerkhaus von Viehmeier noch freistehend. Erst in den 70er-Jahren baute ein Nachbar bis an das historische Gebäude an der Ahnatalstraße heran. „Bis dahin hatte unser Haus bei starkem Wind immer leicht geschwankt“, erinnert sich Viehmeier.

Am ursprünglichen Platz des Baudenkmals am Marställer Platz führt heute die Tränkepforte (unterhalb des Entenangers) entlang. Und wer mit offenen Augen die Ahnatalstraße entlang läuft, dem wird auffallen, dass die denkmalgeschützte Hausnummer 59 nicht so recht ins Bild der Siedlung passen will. Aus gutem Grund.

Von Bastian Ludwig

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.