"Nur noch Ort für Geschichte light"

Sorgen ums Kasseler Stadtmuseum: Historisches Erbe in Gefahr?

Kassel. Wird das neue Stadtmuseum, das nach sechsjährigem Aus- und Umbau Anfang 2016 wiedereröffnet wird, bloß noch ein Ort für „Geschichte light“?

Das befürchtet der Kasseler Zweigverein für Hessische Geschichte und Landeskunde.

Hintergrund ist die Entscheidung von Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD), die bisherige Museumsleiterin Dr. Cornelia Dörr mit anderen Aufgaben zu betrauen und dem Chef des besucherstarken Naturkundemuseums. Dr. Kai Füldner, zusätzlich die Leitung des Stadtmuseums zu übertragen.

Die Personalie war in Kassels bürgerlicher Kulturszene auf vernehmliche Kritik gestoßen. Innerhalb des Fördervereins „Freunde des Stadtmuseums“ war es gar zu Zerwürfnissen zwischen Befürwortern und Kritikern des Führungswechsels gekommen. Nun legt der renommierte, 1834 gegründete Verein für Hessische Geschichte und Landeskunde nach: Durch Hilgens Neugestaltungspläne nehme „das historische Erbe unserer Stadt und damit die Bürgerschaft schweren Schaden“, kritisiert der Vorsitzende des Kasseler Zweigvereins, Dr. Friedrich Freiherr Waitz von Eschen.

Dem OB gehe es „offensichtlich vornehmlich um Besucherzahlen und Effekte, die Aufmerksamkeit erregen“, sagt von Waitz. Dies bereite dem Verein „große Sorgen“.

Das sagt der Geschichtsverein

Einen „radikalen Bruch im stadtgeschichtlichen Wissen“ befürchtet der Kasseler Verein für Hessische Geschichte und Landeskunde, da im künftigen Stadtmuseum „bei stark vergrößerter Ausstellungsfläche die Leitungsebene um 25 Prozent verkleinert“ werde. Wo bislang zwei Vollzeithistoriker tätig waren, stehe künftig neben Dr. Kai Füldner, der gleichzeitig weiterhin das Naturkundemuseum leiten soll, nur noch eine historisch ausgebildete Fachkraft auf Leitungsebene zur Verfügung, sagt Vereinvorsitzender Friedrich von Waitz. Außerdem bekämen auch „alle anderen Historiker des Stadtmuseums ihre Verträge nicht verlängert“.

Als „Geschichte, die aus Schilda stammen könnte“ kritisiert er, dass die Stadt für die Museumsspitze einen Historiker suche, der ausdrücklich in der neueren Geschichte, „also für das 19. und 20. Jahrhundert“, bewandert sei. Von Waitz: „Kaum hat Kassel mit dem Herkules ein Unesco-Weltkulturerbe aus der frühen Neuzeit bekommen, wird die Bearbeitung dieser Epoche aus dem Stadtmuseum verbannt.“ Auch wichtige Stationen wie die Reformation und die Hugenottenzeit in Kassel könnten aus dem Blick geraten, befürchet der Verein. In 35 Jahren Aufbauarbeit sei das Stadtmuseum „zu einem Hort neuer bürgerschaftlicher Identität in Kassel“ geworden. Dies werde aufs Spiel gesetzt, das neue Museumskonzept von OB Hilgen „ignoriert diese Entwicklung“.

Das sagt die Stadt Kassel

Die Stadt Kassel widerspricht der Darstellung des Vereins zur Personalsituation: Im Stadtmuseum „wurde und wird keine einzige Stelle abgebaut. Das Gegenteil ist der Fall“, sagte Rathaussprecherin Petra Bohnenkamp. Die Stelle von Dr. Alexander Link, der kürzlich in Ruhestand ging, werde „umgehend wiederbesetzt“. Der Nachfolger solle – ebenso wie Link zuvor – einen Schwerpunkt in Neuerer Geschichte haben. Es habe neben der Museumsleitung bisher nicht zwei, sondern nur eine Vollzeit-Historikerstelle gegeben, und dabei bleibe es auch. Darüber hinaus gebe es noch eine Museologin mit dem Fachgebiet Kunstgeschichte sowie – neu im Team – eine befristet beschäftigte Wissenschaftshistorikerin.

Und auch Dr. Cornelia Dörr sei für das Stadtmuseum nicht verloren: Sie werde künftig alle städischen Sammlungen wissenschaftlich betreuen und auch forschen. Bohnenkamp sagte auf HNA-Anfrage, auch frühere Stationen der Stadtgeschichte seien in der Dauerausstellung vielfältig abgedeckt. Die Konzeption gehe im übrigen auf Pläne der aktuellen Leiterin Dörr zurück. Sie seien dem Geschichtsverein bekannt, ohne dass dazu bisher Kritik erhoben worden wäre. Die bisher 1955 endende Präsentation solle künftig aber bis ins Mauerfalljahr 1989 erweitert werden, was für das ehemals greznahe Kassel von großer historischer Bedeutung sei. Der Stadt gehe es bei ihren Planungen ausdrücklich auch um eine Steigerung der Besucherzahlen sowie um die Erschließung neuer Besuchergruppen über das „hoch geschätzte und für das Museum unverzichtbare geschichtsinteressierte Publikum“ hinaus.

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