Wahlkampf auf dem Königsplatz - Hauptthema war soziale Gerechtigkeit

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in Kassel: "Die Rente mit 67 bleibt"

Kassel. Donnerstagabend kurz vor 19 Uhr in Kassel: Die große Politik trifft auf das wirkliche Leben. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ist zu Besuch. Eine Reportage.

Es ist kurz vor sieben an diesem Donnerstagabend, als am Rande des Kasseler Königsplatzes die große Politik auf das wirkliche Leben trifft. An der Garnisonskirche erklärt gerade ein jüngerer Mann zwei älteren Frauen das Radverleihsystem Konrad, als plötzlich drei Limousinen in die Straße einbiegen. Die älteren Damen sind sehr interessiert an Konrad, aber der jüngere Mann unterbricht auf einmal seinen Vortrag und sagt überrascht: „Und da kommt Martin Schulz.“

Martin Schulz also, der Kanzlerkandidat der SPD. Gleich hat er seinen Wahlkampfauftritt auf dem Königsplatz. Zunächst aber macht er einen kleinen Abstecher ins Restaurant „Il Convento“ – und damit in jenen Raum, den schon Angela Merkel kurz vor ihrem Wahlkampfauftritt 2005 in Kassel aufsuchte. Wenig später war sie Kanzlerin.

Für Martin Schulz ist es noch ein weiter Weg ins Kanzleramt – und irgendwie wird auch an diesem Abend klar, an wem er vorbei muss. Als der 61-Jährige zum Königsplatz geht, stehen links und rechts Wahlplakate der CDU, die Merkel zeigen. Schulz ist da noch kaum zu sehen. Eine Frau sagt: „Der ist aber klein.“ Ihr Mann kichert und ergänzt: „Das habe ich mir auch gedacht.“ Randnotizen.

Soziale Gerechtigkeit im Mittelpunkt der Rede

Wenig später ist Schulz sichtbar, präsent. Er steht nicht auf der Bühne, sondern an einem Pult davor. Es wird schnell klar, was Schulz in den Mittelpunkt rückt: die soziale Gerechtigkeit – ein Thema, das im TV-Duell mit Angela Merkel am Sonntag fast nicht vorkam. Schulz ist es ein Anliegen. Das zeigen seine energischen Gesten, seine lauten Töne und natürlich seine Aussagen: der Stolz auf die Ehe für alle, die Forderung nach gleichem Lohn bei gleicher Arbeit, der Eintritt für eine solidarische Bürgerversicherung.

Seine Zurückhaltung früherer Tage hat er längst aufgegeben. Da sagte er noch: „Wenn ich Kanzler werde, dann...“. Jetzt sagt er: „Der nächste Bundeskanzler ist Martin Schulz, und der wird dafür sorgen, dass die Rente mit 67 bleibt.“

Es scheint, als habe sich Schulz im Wahlkampf nach den schlechten Umfragewerten neu erfunden. Er redet jetzt nicht mehr immer und immer wieder über seine Heimat Würselen, sondern er versucht, die Masse anderweitig für sich zu gewinnen. Als ein Zuschauer dazwischenkrakeelt, ruft Schulz ihm zu: „Wenn gute Argumente Glückssache sind, dann wirst du gerade von einer Pechsträhne verfolgt.“ Als er selbst auf das TV-Duell zu sprechen kommt und die Frage entsteht, was es dazu wohl noch zu sagen gäbe, hält er kurz inne, schmunzelt – und geht über zum nächsten Thema.

Klar gegen Erdogan, Trump und die AfD

In der Sache ist er deutlich. Er kritisiert immer wieder Merkel, klar. Und er positioniert sich deutlich gegen Erdogan, gegen Trump und gegen die AfD: „Die AfD ist keine Alternative für Deutschland, sie ist eine Schande für die Nation.“ Dafür bekommt er den größten Applaus des Abends.

Hörten sich die Argumente von Martin Schulz an: Petra und Anna Stegmann aus Breuna.

Nach 40 Minuten endet seine Rede, er streckt die Hände nach vorn, Daumen nach oben. Und was sagen die Leute? Petra Stegmann zum Beispiel, 55 Jahre, aus Breuna? Vor dem Auftritt war sie skeptisch. Ihr fehlte bei Schulz die Dynamik, der letzte Fitzel Energie. Nachher meint sie: „Er hat die Leute mitgenommen. Ja, er hatte Energie.“ Ähnlich erging es Erstwählerin Marike Dorhs, 18, Albert-Schweitzer-Schule. Vorher sagte sie: „Er könnte forscher sein.“ Später dann: „Er hat mich überzeugt.“ Da zog Schulz gerade ab, vorbei an diesen Plakaten mit Angela Merkel. Er ließ sie hinter sich, und doch ist es noch ein weiter Weg für ihn.

Die Rede von Martin Schulz im Video

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in Kassel

Rubriklistenbild: © Foto: Fischer

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