"Viele Chancen haben wir nicht mehr"

So finden Kasseler SPD-Politiker das neue Vorsitzenden-Duo Esken/Walter-Borjans

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Die letzte Hoffnung der SPD: Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken sollen neue Parteivorsitzende werden. 

Die SPD hat entschieden: Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans sollen als Vorsitzende die Partei aus der Krise führen.  Was sagen die Genossen aus Kassel und Umgebung dazu?

Johanna Kindler (22, Unterbezirksvorsitzende der Jusos): „Ich habe die Verkündung des Ergebnisses am Samstag in der Bahn im Livestream verfolgt. Den Mitreisenden musste ich erst einmal erklären, wer Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans sind. Das Ergebnis ist ein starkes Zeichen für uns Jusos. So wie es zuletzt lief, kann es nicht weitergehen. Die SPD muss die Verteilungsgerechtigkeit wieder in den Mittelpunkt ihrer Politik stellen. Dafür steht das neue Duo.

Über die Fortsetzung der Großen Koalition entscheidet der Parteitag. Klar ist: Einige Stellschrauben im Koalitionsvertrag müssen weitergedreht werden. Das sollte auch die Union wissen. Olaf Scholz wird weiter eine Zukunft als Finanzminister haben. Wir brauchen alle, die die Erneuerung vorantreiben wollen.

Ob Kevin Kühnert der nächste Kanzlerkandidat wird, weiß ich nicht. Es wäre auch cool, wenn wir eine starke Kanzlerkandidatin hätten. Ich bin zum Beispiel Fan von Franziska Giffey. Auf jeden Fall muss die SPD den Anspruch haben, den Kanzler stellen zu wollen.“

JohannaKindlerJuso-Unterbezirksvorsitzende

Timon Gremmels (43, Bundestagsabgeordneter aus Niestetal): „Die Entscheidung ist zu respektieren und umzusetzen. Unsere Parteimitglieder trauen den beiden zu, für frischen Wind zu sorgen. Ich werde sie dabei unterstützen. Wir haben in kürzester Zeit unzählige Vorsitzende gehabt. Jeder muss nun ein Interesse daran haben, dass die Neuen erfolgreich sind. Denn so viele Chancen haben wir nicht mehr.

Der Prozess der Chefsuche war vielleicht etwas zu lang, aber die Stimmung ist gut: Allein in Hessen gab es seit Samstag 25 Neueintritte. Im Koalitionsvertrag steht, dass wir zur Halbzeit schauen, welche neuen Vorhaben vereinbart werden müssen. Das sollten wir jetzt tun. Ich warne aber: Wer zum Beispiel die Grundrente will, muss für die Große Koalition sein. Denn der super Kompromiss, den wir mit der Union ausgehandelt haben, muss noch durch den Bundestag.

Über den Kanzlerkandidaten werden wir erst später entscheiden. Seit Martin Schulz wissen wir, dass es nicht guttut, sich auf eine Person zu konzentrieren. Wichtiger ist die Teamleistung. Auf einen Kanzlerkandidaten sollten wir trotzdem nicht verzichten. Wir sollten uns nicht selbst verzwergen. Ich will, dass wir aus dem 13-bis-16-Prozent-Tief rauskommen. Um das zu erreichen, dürfen wir nicht zu viel Nabelschau betreiben.“

TimonGremmelsBundestagsabgeordneter

Ron-Hendrik Hechelmann (29, Kasseler SPD-Parteivorsitzender): „Ich finde das Ergebnis der Wahl super. Auch ich habe meine Stimme für das Duo Esken und Walter-Borjans abgegeben. Dieses Ergebnis ist ein Zeichen für einen Aufbruch in der SPD. Ein Signal, das die Genossen etwas ändern wollen.

Auf dem Parteitag müssen die Sozialdemokraten erneut über die Schwarze Null, Klimaschutzprogramm und Steuergerechtigkeit sprechen. Und dann muss man sich fragen, was da mit der Union innerhalb der Großen Koalition noch geht.

Die neuen Bundesvorsitzenden müssen auf dem Parteitag ein Mandat bekommen, um weiter mit der Union über den Koalitionsvertrag zu verhandeln. Man muss schauen, ob neue Kompromisse möglich sind.“

Ron-Hendrik HechelmannSPD-Vorsitzender Kassel

Wolfgang Decker (64, Landtagsabgeordneter und Stadtverordneter): „Ich mache aus meinem Herzen keine Mördergrube. Ich habe für Olaf Scholz und Klara Geywitz gestimmt. Ich bin der Auffassung, dass Scholz ein erfahrener Politiker ist, der die SPD hätte führen können. Nachdem die Partei nun anders entschieden hat, kann ich nur raten, dass wir jetzt zusammenstehen und zusammenhalten.

Allerdings kann ich meiner Partei nicht empfehlen, die Große Koalition jetzt leichtfertig aufzugeben. Was soll denn dann kommen? Ich bin ein Mensch, der sich gern an Fakten orientiert. Ohne die SPD hätten wir keinen gesetzlichen Mindestlohn und keine Grundrente. Aber solche Erfolge fallen bei den Wählern schnell hinten runter. Das liegt auch am Selbstbild der SPD. Wer möchte schon eine Partei wählen, die sich selbst nicht mag?“

WolfgangDeckerLandtagsabgeordneter

Teslihan Ayalp (38, stellvertretende Vorsitzende der Kasseler SPD): „Mich hat überrascht, dass das Ergebnis so viele überrascht hat. Danach haben mich Leute von den Grünen gefragt, ob wir verrückt geworden sind. Aber die Entscheidung hat nichts mit Verrücktsein zu tun, sondern mit Mut und Verstand.

Ich habe gehofft, dass Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans gewählt werden, und ich habe sie auch gewählt. Wenn schon Erneuerung, dann auch personelle Erneuerung. Sie werden für frischen Wind sorgen, der notwendig ist, weil viele von der Basis mit dem Berliner Sprech nichts anfangen können.

Die Entscheidung für Esken und Walter-Borjans ist nicht gleich das Aus für die Große Koalition. Ich habe die beiden auch nie so verstanden, dass sie die Koalition sofort verlassen wollen. Das Ergebnis bietet jetzt aber die Chance für beide Koalitionspartner, stärker herauszustellen, für was sie stehen.“

Teslihan Ayalpstellvertretende Kasseler SPD-Vorsitzende

Christian Geselle (43, Kasseler Oberbürgermeister): „Dem Verfahren zur Besetzung des Parteivorsitzes stand ich von Anfang an skeptisch gegenüber. Meine Befürchtung wird sich in den für Staat und Partei absehbaren Folgen wohl nunmehr bestätigen.“

ChristianGeselleKasseler Oberbürgermeister

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